VINUM-Profipanel | Pinot Noir aus Deutschland und der Schweiz

Clash of Pinot Noir?

Text: Ursula Geiger, Fotos: Linda Pollari

Über Pinot-Stilistiken lässt sich trefflich streiten. Die einen mögen die pure, kühle Frucht, seidige Tannine und einen animierenden Säurenerv. Die anderen finden ihr Heil in konzentrierten, holzbetonten Weinen, die in der Jugend mit Ecken und Kanten aufwarten, um in vielen Jahren zu einem eleganten Tropfen zu reifen. Längst sind die verschiedenen Stile länderübergreifend auf Flaschen gezogen, wie unser Profipanel zeigt.

Pinot Noir ist der Heilige Gral der Weinwelt. Jeder Winzer, jeder Önologe jagt ihm hinterher, dem optimalen Pinot Noir. Doch gibt es überhaupt den optimalen Pinot Noir, und wie wird dieser definiert? Die Pinot-Frage ist nämlich eine vertrackte. Mikroklima, Bodenbeschaffenheit und darauf abgestimmt Klone, Jahrgangsbedingungen und die Arbeit im Keller sind Multiplikatoren, die das Geschmacksbild beeinflussen. Doch keine andere Sorte wird so gnadenlos in ein Geschmacksideal gepresst wie Pinot Noir. Gerne wird die Sorte als Diva charakterisiert. Und als Diva muss sie sich immer wieder neu erfinden, möchte sie ihren kapriziösen Status behalten und weiterhin für Aufsehen sorgen. Setzte man früher auf Kraft, Konzentration und Holz, verlangt die weltweite Weingemeinschaft heute Eleganz, Finesse, kühle Frucht und Langlebigkeit. «Burgundisch», was auch immer das heisst, müssen sich die Weine geben. Kein leichtes Unterfangen. Die Sommer werden auch in den gemässigten Weinbauregionen Europas immer heisser und trockener. Die Zuckerwerte schnellen in die Höhe, während die Gerbstoffreife hinterherhinkt. Sensorisch kann dabei eine unschöne Kombination von überreifer, kompottiger Frucht und grünen, bitteren Tanninen herauskommen. Wer exzellenten Pinot Noir keltern möchte und nicht vom Herkunftsbonus Côte d’Or profitieren kann, muss sich also mächtig ins Zeug legen. Was oft vergessen wird: In Deutschland ist Pinot Noir die wichtigste Rebsorte. Und in der Schweiz wird sie auf einer Fläche von 3986 Hektar kultiviert und ist somit die meistangebaute Rebsorte im Land. Einen ähnlichen Stellenwert hat Pinot Noir nur noch in Neuseeland – am anderen Ende der Welt. Wie schlagen sich also Pinot Noir aus der Schweiz und aus Deutschland im direkten Vergleich? Für das Panel wurden je fünfzehn Crus aus beiden Ländern ins Rennen geschickt. Die Auswahl war breit angelegt. Die wichtigsten Pinot-Regionen wurden berücksichtigt. Bekannte Namen und Newcomer waren vertreten, junge Jahrgänge und gereifte Crus, schlanke Weine mit 12,5 Volumenprozent Alkohol und schmelzig-üppige Vertreter, welche die 14,5-Volumenprozent-Marke knackten. Es gab klassisch in der Barrique ausgebaute Pinots zu verkosten sowie progressive Weine, aus biodynamischem Anbau und in einem Fall ohne Schwefelzusatz ausgebaut. Eine spannende Mischung aus beiden Ländern mit einem kleinen Unterschied. Die Pinot- Regionen der Schweiz liegen weiter südlich, auf dem 47. Breitengrad, jener gedachten Linie, die sich durch Beaune zieht, dem Epizentrum des Burgund. In Deutschland liegen nur die Anbaugebiete Südbadens im gleichen Bereich. Doch sind die Unterschiede zwischen Nord und Süd wirklich schmeckbar, und werden sie von professionellen Verkostern aus Deutschland und der Schweiz unterschiedlich bewertet? Die Antwort lautet Nein! Schweizer und deutsche Gaumen sind bei der Pinot-Noir-Frage ähnlich gepolt. Gefragt sind Subtilität und Finesse in Kombination mit strukturierendem Tanningerüst und einem langgliedrigen Säurenerv. Out sind überkonzentrierte, nur auf üppige Frucht gebaute Spätburgunder. Kein Wunder, setzten beide Teams den Pinot Noir des Pfälzers Hans Erich Dausch an die Spitze und platzierten einen überaus eleganten Cru vom Neuenburger See auf Platz zwei. Beide Weine sind komplex und finessenreich. Etwas weiter auseinander lagen die Bewertungen beim Laumersheimer Kirschgarten von Philipp Kuhn aus der Pfalz, der mit kräftiger Cassis-Frucht und Holzwürze aufwartete, was nicht alle Verkoster gleich schätzten. Auch der Blauburgunder des Thurgauers Michael Broger polarisierte. Broger verzichtet auf Schwefelzusatz, sein 2018er präsentierte sich darum tiefdunkel und primärfruchtig. Neue Konzepte und Philosophien haben es in der Pinot-Welt nicht einfach, auch weil sich deren Vorteile im Glas oft erst mit der Reife nach einigen Jahren zeigen. So zum Beispiel bei den Crus von Jens Heinemeyer, dessen Reben in den besten historischen Spätburgunder-Lagen im Rheingau auf rotem Phyllit-Schiefer wachsen. Heinemeyer verwendet Reinzuchthefen, lässt seinen Weinen extrem viel Zeit zum Reifen und nimmt im Keller keinen Einfluss. Die Weine werden nicht filtriert. Einstimmigkeit herrschte hingegen beim frischen, knackigen 2018er Spätburgunder vom Weingut Julia Bertram an der Ahr, dem nördlichsten europäischen Anbaugebiet für Spitzenpinots. Der Ahrweiler Forstberg liegt in südwestlicher Ausrichtung, der Boden ist ein Gemisch aus Sandstein und Löss, ideale Bedingungen für finessereiche Pinots. 

Deutsche Spätburgunder in der Poleposition 

Beide Teams bewerteten die deutschen Pinots besser. Beim Schweizer Team war das Resultat signifikant. Die Verkoster setzten acht deutsche Crus unter die ersten zehn, darunter ein ausgesprochenes Nordlicht: den Pinot Noix Ardoise von Daniel Twardowski, der in besten Lagen an einem Seitenarm der Mosel auf drei Hektar in Steillagen Pinot Noir anbaut. Geschätzt wurde die kühle Eleganz, die erfrischende Erdbeerfrucht, die glasklare Struktur sowie eine feine Mineralität, die an nassen Stein erinnert und dem Wein eine leicht salzige Note verleiht. Generell waren die Schweizer Verkoster begeistert von der kühlen, subtilen Frucht der Pinots aus dem Norden, schätzten knackige Säurewerte und einen sehr behutsamen, kaum wahrnehmbaren Einsatz vom Holz. Klassische Rauch- und Specknoten wurden von beiden Teams positiv gewertet. Auch bei leicht reduktiven Noten zeigten sich die Verkoster milde gestimmt, sofern sich die Weine am Gaumen zugänglich zeigten und das Reifepotenzial vielversprechend war. Weine mit schwachem Säurenerv, überreifer, mürber Frucht und aufgesetztem Holz gefielen hingegen weniger. Demnach macht der Gewinner dieses Panels, Hans Erich Dausch, alles richtig. Der Pfälzer bewirtschaftet rund einen Hektar Spätburgunder-Reben und beschloss 2006 einen Pinot Noir ganz nach seinem Gusto zu keltern. Während sein Bruder die Maschinenarbeit im Rebberg übernimmt, pflegen er und seine Frau Jutta Seeland gemeinsam die Trauben bis zur Ernte. Ausgebaut wird auf dem Betrieb der Pfälzer Stefan, Volker und Werner Knipser. Die Philosophie ist bestechend klar: «Keine zusätzliche Konzentration durch Saftabzug, feinstes Tannin und Ausbau in 100 Prozent Neuholz.»

Die Jury

Vordere Reihe, von links nach rechts

Harald Scholl, Team DE VINUM Deutschland
Sein Favorit: Pinot Noir 2015, Hans Erich Dausch, Pfalz, Deutschland

Thomas Vaterlaus, Team CH Chefredakteur VINUM
Sein Favorit: Bürgstadter Berg 2017, Paul Fürst, Franken, Deutschland

Ivan Barbic MW, Team CH Weinhändler und Weinautor
Sein Favorit: Klingenberger Schlossberg 2017, Weingut Steintal, Franken, Deutschland

hintere Reihe, von links nach rechts

Beat Caduff, Team CH Hausherr «Caduff’s Wine Loft»
Sein Favorit: Hecklinger Schlossberg 2017, Bernhard Huber, Baden, Deutschland

Ursula Geiger, Team CH Verkostungsleiterin
Ihr Favorit: Pinot Noir Kirche 2018, Erich Meier, Zürich, Schweiz 

Miguel Zamorano, Team DE VINUM-Redakteur
Sein Favorit: Blauburgunder Ottoberg, Michael Broger, Thurgau, Schweiz 

Ilona Thétaz, Team CH Winzerin und Weinmacherin
Ihr Favorit: Pinot Noir La Belle Vue 2016, Friedrich Becker, Pfalz, Deutschland

Sigi Hiss, Team DE Weinautor
Sein Favorit: Hecklinger Schlossberg 2017, Bernhard Huber, Baden, Deutschland

Nicole Vaculik, Team DE Sommelière
Ihr Favorit: Les Argiles 2015, Domaine Saint-Sébaste, Neuenburg, Schweiz

Nicole Harreisser, Team DE VINUM-Redakteurin
Ihr Favorit: Pinot Noir 2015, Hans Erich Dausch, Pfalz, Deutschland


«Das Qualitätsniveau war allgemein sehr hoch, der Klimawandel scheint sich aber auch auf die Stilistik der Weine auszuwirken. Das Alkohol-Säure-Gleichgewicht stimmte nicht immer. In unseren Breitengraden ist es wichtiger denn je, den richtigen Erntezeitpunkt für den Pinot zu wählen. Intensität, Eleganz und Länge waren bei den besten wirklich beeindruckend und machten sie zu mustergültigen Vertretern des Pinot Noir.»

Ivan Barbic MW Weinhändler & Weinautor, Wädenswil, Schweiz


«Pinot Noir ist eine Diva, die sich von ihrer besten Seite zeigt, sobald sie gehegt und gepflegt wird. Genau das hat mir dieses Tasting gezeigt. Egal ob aus Deutschland oder aus der Schweiz, alle Produzenten haben dazu beigetragen, dass ihre Pinots bei der Jury für Begeisterung und Spass sorgten. Es gibt weder Gewinner noch Verlierer, dafür aber viel Applaus für die Pinots aus der Schweiz und aus Deutschland.»

Nicole Vaculik Sommelière, Meersburg, Deutschland


«Deutsche Winzer haben die Eigenheiten des Pinot Noir in den letzten Jahrzehnten immer besser verstanden, vor allem haben sie gelernt, die Barriques besser einzusetzen. Die früher dominante Fruchtigkeit ist kühler Mineralität gewichen, die Weine sind elegant und finessenreich. Wer Weine auf Top-Niveau sucht und dabei Verfügbarkeit und Preis im Auge behalten will, kommt an Pinot made in Germany nicht vorbei.»

Harald Scholl stellv. VINUM-Chefredakteur Deutschland, München, Deutschland


«Die Mehrheit der verkosteten Pinots wirkte auf mich fruchtbetont und reif. Kein Wunder, gefielen mir jene mit einer kühleren Stilistik besonders. Was mir zudem auffiel: Viele Weine zeigten in der Nase leicht reduktive Noten, während sie am Gaumen mit einer üppigen, teils kompottigen Frucht aufwarteten. Begeistert hat mich bei nahezu allen Pinots in diesem Panel das filigrane, seidige Tannin.»

Ilona Thétaz Winzerin und Weinmacherin, Sion, Schweiz


«Enorm hohes Niveau. Der Grossteil dieser Pinots ist auf langes Entwicklungspotenzial vinifiziert. Lagerfähigkeit ist für mich in der Topkategorie ein absolutes Kriterium. Grip und Struktur, klar gezeichnete Fruchtstilistik mit einer präsenten und griffigen Säurestruktur gehören da einfach dazu. Hier standen echte, eigenständige Crus auf dem Tisch, die in den Anfangsjahren sicher nicht gefallen müssen.»

Sigi Hiss Weinjournalist, Bad Krozingen, Deutschland


«Bei diesem Panel hielten sich Licht und Schatten die Waage. Es waren ein paar ganz tolle Pinot-Vertreter in der Verkostung, aber leider auch einige schwächere Exemplare dieser für Deutschland und die Schweiz so wichtigen und anspruchsvollen Sorte. Wichtig scheint mir die Arbeit mit der Barrique. Auch Pinots, die auf kühle Frucht und Eleganz ausgerichtet sind, gewinnen durch den Holzeinsatz an Struktur und Komplexität.»

Beat Caduff Gastronom, Zürich, Schweiz


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