Chasselas & Gamay

Ein untypisches Paar

Foto: Régis Colombo/diapo.ch

Diese Traditionsreben stellen wir Ihnen im Gespräch mit Sarah Meylan und Bertrand Favre vor. Beide machten beim Grand Prix du Vin Suisse 2018 auf sich aufmerksam: Sarah Meylan siegte  in der Kategorie Gamay und Bertrand Favre sicherte sich mit seinem Chasselas Non-Filtré den Prix Bio Suisse. Gefeiert wurde gemeinsam, sie sind miteinander seit 13 Jahren verheiratet, aber jeder führt sein eigenes Weingut.

«Seit einigen Jahren besinnen sich die Weinkenner wieder auf das Wesentliche: Chasselas und Gamay. Einfach mal kosten und dann doch eine im Fass ausgebaute Assemblage mitnehmen, reicht ihnen heute nicht mehr», freut sich Sarah Meylan vom Domaine de la Vigne Blanche, die beim Grand Prix du Vin Suisse 2018 in der Kategorie Gamay ausgezeichnet wurde. «Der Jahrgang 2017 kam sehr gut an. Im Juni wurde ihm bei der Sélection des Vins de Genève eine Goldmedaille verliehen. Und da der Chasselas dieses Jahres auch prämiert wurde, erhielten wir den Prix Tradition für die beste Durchschnittsnote der beiden Klassiker. Daran schloss sich dann noch der Sieg beim Grand Prix du Vin Suisse an, den wir im Familienkreis feiern konnten.» Hierzu muss man wissen, dass die Winzerin mit Bertrand Favre vom Domaine de Miolan verheiratet ist. Auch er kam mit einer Auszeichnung aus Bern zurück, nämlich dem Preis für den besten Schweizer Wein aus biologischem Anbau. «Auf Miolan nimmt der Gamay den grössten Teil der Rebfläche in Anspruch, dicht gefolgt vom Chasselas», so der Winzer. «Alle Weinversuche werden mit diesen beiden Sorten durchgeführt. Sie ermöglichen uns, Feinheiten herauszuarbeiten, und eröffnen uns gleichzeitig einen breiten Handlungsspielraum. Den Non-Filtré gibt es seit acht Jahren. Doch 2017 wurde er erstmals mit traubeneigenen Hefen vinifiziert. Das Risiko hat sich gelohnt. Der Prix Bio Suisse verschaffte uns viel Aufmerksamkeit in den Medien.» Ganz ähnlich tönt es in Cologny: «Für unsere Publikumspräsenz war das sehr wichtig. Alle unsere Freunde und Kunden hörten davon. So konnten wir das Image dieser Rebsorte wesentlich aufwerten, die heute sogar zu den Vorzeigeprodukten der Domaine zählt. Mit unseren 1,4 Hektar Gamay-Reben erzeugen wir 4000 Flaschen des preisgekrönten Weins.» Neben diesem im Tank ausgebauten Rotwein werden aus dem Gamay ein Rosé sowie ein in der Barrique ausgebauter Rotwein hergestellt, der in die Linie L’Esprit de Genève aufgenommen wurde. Dieser national prämierte Rotwein wächst auf der Parzelle heran, die dem Weingut seinen Namen gab. «La Vigne Blanche befindet sich an einem herrlichen Hang in bester Südlage, ideal für die Gamay-Rebe. 2018 litten moderne Rebsorten wie der Gamaret stark unter der Trockenheit. Klassische Sorten wie Chasselas und Gamay, die seit Jahrhunderten an die klimatischen Besonderheiten und das Genfer Terroir gewöhnt sind, kamen viel besser damit zurecht.» Dem stimmt auch Bertrand Favre zu: «Das steigende Interesse an Gamay und Chasselas ist vollkommen berechtigt. Mir scheint, dass diese traditionellen Rebsorten auch deshalb verschmäht wurden, weil es am entsprechenden önologischen Know-how fehlte. Hätten die Winzer bereits im vergangenen Jahrhundert darüber verfügt, wären Chasselas und Gamay keinesfalls so sehr in Bedrängnis gekommen.»

Ein traditionelles Paar

Zwar gewinnen die Spezialitäten immer mehr an Terrain, doch bleiben Gamay und Chasselas weiterhin die bei weitem meistangebauten Rebsorten in Genf. Die beiden Klassiker, die zusammen über 43 Prozent der drittgrössten Schweizer Weinregion ausmachen, werden zurzeit medial leider etwas vernachlässigt. Während sie bei Verbrauchern und Gastronomen durchaus Anklang finden, werden sie von Meinungsbildnern meist einfach übergangen. Doch die beiden Traditionsreben haben in der westlichsten Weinregion der Schweiz längst nicht ihr letztes Wort gesprochen.

1982 war die Natur sehr grosszügig. Damals schlug die Weinerzeugung in der Schweiz alle Rekorde. In Genf wurden über 24 Millionen Liter Most eingekellert, also doppelt so viel wie in normalen Jahren. Im Genfer Weingebiet machte der Chasselas mit 14,7 Millionen Litern 60 Prozent der Gesamterzeugung aus. Offen gestanden war die Natur sogar zu grosszügig. Die Überproduktion stürzte den Schweizer Weinbau nämlich in eine Krise, die 1988 schliesslich die Einführung der kontrollierten Ursprungsbezeichnungen (AOC) zur Folge hatte. Genf spielte dabei eine Vorreiterrolle. AOC bedeutet unter anderem Ertragsbeschränkung, sodass Massenerträge wie früher damit ausgeschlossen sind. 2018 war ein sehr ertragreicher Jahrgang, in dem die Winzer die Produktionsquoten beinahe voll ausschöpften. Allerdings wurden insgesamt nur zehn Millionen Liter (Weiss- und Rotwein zusammen) eingekellert, obwohl sich die Rebfläche seit dem berühmt-berüchtigten Jahrgang 1982 kaum verändert hat.

Durststrecke

Die AOCs bewirkten ein qualitatives Umdenken, das sich in der Erneuerung des Rebsortenbestandes niederschlug, dem die beiden bis dahin mengenmässig weit überlegenen Rebsorten zum Opfer fielen. In Dardagny, Soral, Choulex und Jussy hielten nun Chardonnay, Sauvignon Blanc, Pinot Gris, Aligoté, Merlot, Gamaret, Garanoir, Syrah und Cabernet Einzug und verdrängten die beiden traditionellen Rebsorten von den besten Parzellen. Damit verloren Chasselas und Gamay nicht nur an Menge und Fläche, sondern auch und vor allem an Ansehen. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wurden sie in der Schweiz wie Stiefkinder behandelt. Für die Rodung von Chasselas-Reben bezahlte die Eidgenossenschaft sogar die Winzer und der Gamay galt als relativ anspruchsloser, trinkanimierender Tafelwein. 2003 kam es im Kanton Genf zu einem entscheidenden Wendepunkt: Erstmals wurden mehr Rot- als Weissweinreben kultiviert.

Die Revanche

Bald organisierte sich Widerstand. 2004 lancierten die Genfer Winzer – wie immer ihrer Zeit voraus – die Assemblage L’Esprit de Genève mit mindestens 50 Prozent Gamay-Anteil. Diese Weine unterliegen strengen Spezifikationen, einer rigorosen Ertragsbeschränkung und kommen erst nach mindestens 13 Monaten Ausbau im Eichenfass und einer Zulassungsdegustation in den Handel: das Erfolgskonzept einer weithin renommierten Marke, die heute das Aushängeschild des Genfer Weingebiets ist. Ausserdem müssen diese Cuvées 20 Prozent Gamaret oder Garanoir enthalten. Diese beiden Rebsorten wurden in Changins aus weissem Reichensteiner und Gamay gezüchtet. So nimmt der Gamay über Schleichwege wieder seinen angestammten Platz ein, und nichts scheint ihn dabei aufhalten zu können. Schritt für Schritt verschaffen sich sortenreine Gamay-Weine in Genf sowie im ganzen Genferseebogen wieder jenen Respekt, der dieser oft unterschätzten grossen Rebsorte zusteht. Schmackhaft, frisch, fruchtig, relativ alkoholarm und zartwürzig erobert er die Gaumen der Weinliebhaber einmal mehr im Sturm.

Demgegenüber hat die Chasselas-Rebe noch einiges aufzuholen. Die Anbauflächen gehen weiter zurück und der feine, blumige Chasselas-Wein kann sich nur schwer von seinem zählebigen Image als Aperówein befreien. Immerhin gelingt es einigen Genfer Chasselas-Weinen – die teils sogar die noch wenig bekannte Appellation Premier Cru auf dem Etikett führen – sich mit den grossen Weissweinen des Nachbarkantons zu messen. Elegant, tief und gradlinig, glänzen sie selbst auf der Weinkarte berühmter Sternerestaurants.

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