Tourismus & Reisen

Einmal Weinberg und zurück

Text: Eva Maria Dülligen, Fotos: Niels Schubert, z. V. g.

Der Weinaffine von heute will so nah wie möglich ran an die Reben seines Vertrauens. Seit zehn Jahren setzt der Verein der Weinerlebnisführer Württemberg diesen Wunsch in allen Facetten um: vom Weinwander-Abenteuer über das Sensorik-Seminar bis zum Wein-Kabarett. An der Seite geschulter Guides kann man mit Genuss und Geselligkeit im Gepäck so ziemlich alles über den Wein zwischen Heilbronn und Stuttgart erfahren.

55.000 weinaffine Menschen konnten vergangenes Jahr auf geführten Events in die Welt württembergischer Weine eintauchen. Sie sehen, spüren, schmecken und gut versorgt mit Weinwissen nach Hause fahren. Möglich sind diese Exkursionen rund um die Rebe durch zertifizierte «Weinerlebnisführer». Die werden für einen Verein ausgebildet, der längst zur Institution avanciert ist: Der Weinerlebnisverein Württemberg feiert dieses Jahr aus gutem Grund bereits seinen zehnten Geburtstag. Rund 305 000 Weintouristen ließen sich seit seiner Gründung von Wein-Charismatikern ins Ländle entführen. Verkostungen, Weinberg- und Kellerführungen sowie Seminare bis hin zu mehrtägigen Weinreisen fußen auf einer komplexen Ausbildung in der LVWO (staatliche Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau) in Weinsberg. Auf dem Stundenplan findet sich neben Sorten-Training, Sektherstellung und Rebveredelung auch Blockunterricht zum Thema Ökologischer Weinbau, Kellerwirtschaft oder Wein & Architektur. Weit entfernt von grauer Theorie drücken die Teilnehmer nicht nur die Schulbank. Um sie fit für die kommenden Weinerlebnis-Programme zu machen, findet der Unterricht auch mitten im Weinberg, in der Gastronomie oder Reifekellern statt. Der Kreis der Absolventen reicht vom Wengerter bis zum Quereinsteiger, der gestern etwa noch Biologie unterrichtet oder PR für eine regionale Weingärtner-Genossenschaft betrieben hat. Allen gemein ist die Passion für eine der schönsten Nebensachen der Welt. Und der Wunsch, ihr Weinwissen weiterzugeben. Weinerlebnisführer sind gleichzeitig Genussbotschafter: Auf Weinaromen abgestimmte Leckerbissen vermengen sich im Wengert am Gaumen, während der Guide spannende Infos zur Rebsorte, ihrem An- und Ausbau und dem Food-Pairing kommuniziert. Ein geführter Trip in die Welt der Sektherstellung eröffnet dem Weintouristen hautnahe Eindrücke von Hefen, Degorgieren und zweiter Flaschengärung, natürlich nicht ohne die Perlen des Winzer-Schaumweins über die Papillen hüpfen zu lassen. Oder man bucht gleich ein ganzes Weinwochenende, das unter anderem Hotelübernachtungen, ein 4-Gänge-Menü mit korrespondierenden Weinen und Wengerter-Golf in Deutschlands größter Rotweinlandschaft bereithält. Trollinger-Tracking, humoristische Weinproben und Weintouren per Schiff, auf dem Planwagen oder dem Segway sind ein Bruchteil der Angebote. Drei Porträts von ausgebildeten Weinerlebnisführern geben einen Ausschnitt der unbegrenzten Weinabenteuer rund um den Neckar wieder.

 

Tipp 1

Bühne frei für
Elke Ott

Sie füllt die Hallen, als sei sie ein kleiner Pop-Star. Das liegt daran, dass Elke Ott in ihren Wein-Kabaretts schwer mit schwäbischem Humor punktet. Als Krankenschwester verkleidet etwa, die sich erhitzt über das «Betreute Trinken» auslässt und schon mal «Trollinger-Infusionen» verabreicht. Bei Verkostungen vergleicht sie von der Bühne aus den Grauburgunder im Glas augenzwinkernd mit angegrauten Herren, den Weißburgunder mit Männern, die schneeweiße Haarpracht tragen, und Blancs de Noirs mit solchen ganz ohne Haupthaar. Elke Ott erzählt aber nicht nur vor großem Publikum Geschichten, die einzig in der Weinwelt passieren. Die 57-Jährige begleitet Junggesellenabschiede im Weinberg oder erklärt im «Sektbunker» in der Weinmanufaktur Untertürkheim, wie Schaumwein hergestellt wird. «Die Teilnehmer lieben das Gesellige mehr als Analysedaten», sagt die gelernte Industriekauffrau, die im Anschluss an die Ausbildung zur Weinerlebnisführerin noch eine zur Wein-Dozentin nachlegte. In der Weinerlebnis-Klientel täte sich ordentlich was, setzt sie hinzu. Der klassische Trollinger-Trinker mit dem Henkelglas würde peu à peu von jüngeren Weinenthusiasten abgelöst. Die selbsternannte «Sommelière mit der Lizenz zum Trinken» weiß aber sowohl die Generation Instagram als auch Weinliebhaber 60+ vom witzig unterlegten Sensorik-Seminar oder der Weinwanderung durch Skulpturen-Pfade («Tour de Figur») zu begeistern.


Der passende Wein

Weinmanufaktur Untertürkheim, Großer Stern
Assemblage Pinot Dosage Zero

12,5 Vol.-%

Den goldgelben Prickler sollte man sich für besondere Tage kühl stellen: Fünf Jahre auf der Feinhefe haben die klassischen Burgunder-Sorten verbracht. Mit null Gramm Restzucker verteilt die Assemblage vielschichtige Nuancen von Butterscotch, Hefezopf und Toast. Preislich kein Schnäppchen, aber jeden einzelnen Cent wert.

Preis: 33,00 Euro | www.weinmanufaktur.de

 

Tipp 2

Herr Lehrer, noch ein Viertele!

Ein ehemaliger Pauker, der Weintouren anbietet? Das macht zunächst mal stutzig. Da wird am Ende der Tour womöglich das gesammelte Wissen abgefragt. Völlig unbegründet die Sorge, denn Volker Thunich ist so entspannt, wie man sich seine Lehrer damals gewünscht hätte: «Letzten Samstag war ich für einen Junggesellenabschied gebucht. Dem künftigen Gatten hatte man die Augen verbunden und einen Klotz ans Bein gebunden. So durfte er dann die Weinproben im Wengert durchlaufen.» Die 35 Jahre Unterricht von Geologie und Biologie spielen dem Württemberger auf seinen Wein-Expeditionen in die Karten. Besonders wenn es um Terroir, Bio-Anbau oder Rebschnitt geht. Schon während der Ausbildung in der LVWO in Weinsberg waren das seine Lieblingsfächer. «Gerade ökologisch bewirtschaftete Weinberge haben mich gepackt. Da liegt die Zukunft», sagt er. Schwerpunkte bei Thunichs Events lägen auf Lemberger und Trollinger. Lokalsorten müssten sein. Die Keuperböden im Heilbronner Land seien da genau richtig. Sein naturwissenschaftliches Know-how reißt genauso mit wie sein Wissen zu Wein und Architektur. Fragen, wie man heute architektonisch in Weinbaubetriebe und Vinotheken vorgeht, liebt er. Nach Kriterien wie Naturmaterialien beim Innendesign, aber auch nach Weinpräsentation und Ausstattung wählt er die Locations für seine Weintouren aus. Bei aller Leidenschaft, Winzer würde er nicht im zweiten Leben sein wollen. «Zu viel Arbeit, kaum Urlaub», schmunzelt der Ex-Pauker.


Der passende Wein

Heuchelberg Weingärtner
Cabernet Dorsa

13,5 Vol.-%

Dass er zur «Schwarzen Serie» des Sortiments gehört, tut kaum Wunder: Tintig, nahezu undurchsichtig kommt die Neuzüchtung Dornfelder x Cabernet Sauvignon ins Glas. Die Nase fängt der 2016er mit dunklen Waldbeeren ein. Wuchtiges Tannin und sanfte Textur schaffen Spannung am Gaumen. Braucht Luft und sollte im Burgunderglas serviert werden.

Preis: 7,00 Euro | www.heuchelberg.de

 

Tipp 3

Netzwerkerin mit Weinweitblick

Noch letzte Woche war sie unterwegs in Bordeaux. Spannend fand Claudia Steinbrenner vor allem die Zusammensetzung der Cuvées von Graf von Neipperg. Und die Unterschiede im Holzausbau, verglichen mit dem im Heilbronner Land, wo die 47-jährige Weinerlebnisführerin zwei Hektar mit Riesling und Lemberger bestockt. In andere Weinregionen reisen heißt für sie, das Erlebte an die Weintouristen in ihrer Heimat zu vermitteln. «Voriges Jahr war ich in Ungarn am Plattensee und war beeindruckt, wie viel guter Wein dort wächst.» Abgreifen, wie ein Château sich aufstellt, welche Weine präsentiert werden und was der Kellermeister erzählt, ist für die Tochter eines Winzer-Meisters wertvoller Input für die eigenen Weintouren. Sensiblen Pflanzenschutz und Boden-Vielfalt lernte sie schon im elterlichen Weinberg kennen. Abgerundet hat Frau Steinbrenner ihr Grundwissen beim LVWO. Inzwischen leistet sie Vorstandsarbeit im Weinerlebnisverein: Sechs Fortbildungen und eine Lehrfahrt organisiert sie jährlich. Und freilich die eigenen Weinproben- und -touren, die vom Kleinunternehmer bis zum Sportverein frequentiert werden. Beliebt sind ihre Segway-Touren, die sie gern auf drei Tage für Kellerei-Besichtigungen, kulinarischen Stopps im Wengertshäusle und Besichtigung des Weinortes Grantschen ausdehnt. «Das tolle Netzwerk von Gastronomen,  Weinbaubetriebe und der Genossenschaftskellerei Heilbronn gibt jede Menge Raum für abwechslungsreiche, kleine Weinsensationen.» Und bei schlechtem Wetter macht man statt Party im Weinberg eben eine im Wengertshäusle.


Der passende Wein

Genossenschaftskellerei Heilbronn
Triebwerk Riesling 2017

12,5 Vol.-%

Bisschen Champignon, bisschen Muschelkalk und ein wenig Wiesenkraut. Der Riesling hat nach langer Reife und später Lese zudem Nuancen von Ananas entwickelt. 

Preis: 16,90 Euro | www.wg-heilbronn-shop.de

 

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