Bordeaux 2016

Von echter Grösse

Text und Verkostung: Rolf Bichsel, Barbara Schroeder

Eine Fassprobe ist nicht mehr als eine Momentaufnahme. Wir lassen es uns daher nicht nehmen, diesen ersten provisorischen Eindruck durch eine Verkostung des fertig abgefüllten Weins zu ergänzen. Grundsätzlich verkosten wir alle von uns «en primeur» selektionierten Weine nach. Wir präsentieren sie auf den folgenden Seiten, getrennt nach Rotwein, Weisswein und Sauternes, praktisch in alphabetischer Reihenfolge.

Es gibt die Kraftmeier unter den grossen Bordeaux-Jahren. Nennen wir 2005 oder 2010. Die Atypischen wie 2003. Die Eleganten und damit nur zu oft verkannten wie 2011, 2012 oder 2014. Und es gibt den Jahrgang 2016. Nach der erneuten Verkostung von fast 400 fertig abgefüllten und ausgelieferten Weinen fällt das Fazit leicht. Wir halten, ganz ohne zu erröten, fest: In seiner Gesamtheit ist 2016 einfach der schönste Bordeaux-Jahrgang, den die Region je eingefahren hat. Alle Weine der Gironde, grosse, kleine, rote, weisse, sind besonders stilvoll geraten. Sie besitzen exquisite Fruchtigkeit, Finesse und sogar Delikatesse, aber, zumindest was die grossen Rotweine anbelangt, auch Spannkraft, Tiefe und Gehalt und damit alles, was es zum Rückgrat braucht. Sie haben alle Anlagen, um durch lange Reife ihr subtiles Bouquet zu entwickeln. Doch sie sind auch nach dem Ausbau von solch umwerfender Harmonie, von solch überlegenem Glanz und untadliger Frische, dass sie auch in jüngeren Jahren bereits Spass machen können. Schnäppchen gib es etliche in diesem Jahrgang, auch in den weniger prestigeträchtigen Appellationen.

Die in letzter Zeit ganz schön kapriziöse Witterung hat 2016 einmal voll und ganz in die Hände der Winzer gespielt. Im kühlen Frühjahr fiel ausreichend Regen, was der Rebe half, die sommerliche Trockenperiode zu überstehen. Der Spätsommer war mild und trocken und nahm kein Ende. Die Tage waren heiss, doch die Nächte kühl. Der Reifeprozess verlief gemächlich, was der Aromenentwicklung förderlich war (oder, um ganz genau zu sein, der Entwicklung der Stoffe, die nach der Gärung für die Aromen zuständig sind). Selbst die Menge stimmte. Überkonzentrierte, schwerfällige, vom Alkohol und der Eiche dominierte Weine waren 2016 natürlich selten, nicht nur, weil das aus der Mode gekommen ist.

Als Eselsbrücke mag gelten, dass 2016 zu den klassischen Bordeaux-Jahren gehört, ähnlich wie 1986 oder 1996. Doch im Gegensatz zu diesen sind 2016 nicht nur die Weine des linken Ufers gelungen, sonder auch die des rechten. Das gilt für Pomerol, aber ganz besonders für Saint-Émilion. Die Anzahl empfehlenswerter Marken ist hier Legion, auch unter den weniger bekannten preiswerteren Weinen.

Die trockenen Weissen stehen «offiziell» hinter denen von 2015 und 2017 zurück. Ich sehe das etwas nuancierter, denn aus Pessac-Léognan, den Graves, dem Médoc und Sauternes kommen Weisse, die bereits heute exquisite Frische und Eleganz aufweisen.

In Sauternes war 2016, mag sein, kein absolutes Spitzenjahr mit schwerblütigen Botrytis-Weinen. Doch auch die edelsüssen Weissen besitzen besonderen Liebreiz, und aus Barsac kommen sogar ein paar absolute Spitzenweine, die den Vergleich mit solchen aus Ausnahmejahren nicht zu scheuen brauchen. Wer lieber fertig abgefüllte Weine kauft, als am Primeur-Roulette teilzunehmen, hat einmal mehr die wonnige Qual der Wahl.

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