Wer ist der Schönste im Bordeaux-Land?

SPIEGEL, SPIEGEL.…

von Rolf Bichsel

Die Frage kommt immer wieder. Welches ist der beste Wein in Bordeaux? Welches euer Lieblingsgut? Antwort: Es gibt nicht eines, es gibt Dutzende davon – und es werden immer mehr.

Wir betonen es immer wieder: Mit objektiven Kriterien allein wird man auch und gerade Spitzenbordeaux nicht gerecht. Höchstem technischen Standard entsprechen Hunderte davon. Unsere Lieblingsbordeaux, ganz subjektiv? Auch davon gibt es Dutzende. Doch weil wir nie etwas schuldig bleiben wollen, nicht einmal die Antwort auf eine heikle Frage, hier ein zaghafter Versuch einer Replik: Zu den schönsten Bordeaux überhaupt zählt für uns (stellvertretend für alle anderen unerreichbaren Rolls-Royce unter den grossen Weinen) Ausone, der uns Jahr für Jahr mit seiner unglaublichen Tiefe und aromatischen Klasse betört. Yquem folgt gleich dahinter, weil er regelmässig mit Brio illustriert, dass Süsse und Luftigkeit keine Gegensätze sein müssen. Pontet Canet sprengt schon lange alle messbaren Kriterien. Wir verleihen ihm Höchstnoten, weil er sich jeder Notierung und Klassierung entzieht. Dieser Wein ist Emotion pur, und die ist nicht messbar. Gleich dahinter (das heisst daneben, darüber, darauf, Emotion ist vierdimensional) folgen Crus wie Léoville Barton, Haut-Bailly, Calon- Ségur, Climens oder Suduiraut (und ein halbes Dutzend weiterer Sauternes), weil sie so exakt dem entsprechen, was wir uns unter moderner Klassik oder klassischer Moderne vorstellen. Die Renaissance von Pichon Comtesse, der wieder grössten Schmelz besitzt, neu aber auch nie gekannte Präzision, verdient besondere Erwähnung. Dass sich gut nicht auf teuer reimen muss, selbst bei absoluten Spitzenweinen, bewiesen Ferrière oder Clos du Clocher auch in den letzten drei Jahren. Unter den unklassierten Weinen des Médoc verdienen aktuell Gloria oder das betörende Labégorce besondere Erwähnung und Margaux als die Appellation, die zurzeit auf ihrem absoluten Höhepunkt ist. Mehr Lieblinge auf der nächsten Doppelseite!

 

Sechs Spitzencrus mit Sex-Appeal

Echte Margaux-Eleganz

Château Brane Cantenac

Technisch hervorragend gemacht war Brane Cantenac schon Anfang der 2000er Jahre. Doch auch etwas gar international im Stil. Seit 2011 ist alles anders. Heute besitzt dieser von Henri Lurton gekelterte Wein zusätzlich grösste Eleganz und Finesse und entspricht damit genau dem, was man von einem Margaux von klassischen Kiesböden erwartet. Auch 2015 und 2017 sind ungemein stilvoll, besitzen Liebreiz, verführerische Fruchtigkeit, Schliff, Frische und grösste Harmonie.

Château Durfort Vivens

Lange galt Durfort mit seinem hohen Cabernet-Sauvignon-Anteil und dem unverfälschten Ausdruck der Sorte als «en primeur» besonders verschlossener, erratischer
Tropfen. In den letzten drei, vier Jahren ist der aus zertifiziert biodynamischem Anbau stammende Wein von Gonzague Lurton (Henris Bruder) etwas freundlicher geworden, ohne an Tiefe und Rasse einzubüssen. Der 2017er besitzt zusätzlich aromatische Komplexität und Vielfalt, wie sie auch bei den grössten Margaux selten sind.

Château Giscours

Vorbild war und ist der legendäre Jahrgang 1970. Doch wie Brane brachte Giscours, seit 1995 verwaltet von der Familie Albada Jelgersma, zuerst eine Reihe recht internationaler Weine auf die Flasche, fand danach aber rasch zu echtem Margaux-Stil zurück. Die letzten Jahrgänge haben das Vorbild klar übertroffen. Giscours ist nicht nur eine mit grösster Präzision gekelterte, sondern auch eine besonders verführerische, himbeerduftige Essenz von grosser Länge, von festem Bau aus Samt und Seide.

Sonderklasse am rechten Ufer

Château Fonroque

Das vom erfahrenen Weinschöpfer Alain Moueix geleitete Gut in Saint-Émilion darf für sich in Anspruch nehmen, das erste Grand-Cru-Classé-Gut aus Bordeaux zu sein, das für biodynamischen Anbau zertifiziert wurde. Seit Jahren gelingen hier absolut einmalige Weine, die zu einem geradezu unverschämt tiefen Preis gehandelt werden. Denn Fonroque ist kein Schmeichler, sondern ein aromatisch besonders komplexer, ungemein langlebiger Tropfen. Der 2017er ist hier von ausnehmender Klasse.

Château Gombaude Guillot

Zu den Vorläufern der Bio-Bewegung in Bordeaux gehört auch Gombaude Guillot, zertifiziert seit dem Jahr 2000! Das von Claire Laval und Dominique Techer geleitete, nur rund acht Hektar kleine Familiengut auf dem Plateau von Pomerol hat sich seitdem langsam, aber sicher an die Spitze hervorgearbeitet. Die letzten Jahrgänge sind besonders gelungen. Geradezu sprachlos machte uns der 2017er, der mit der Rasse und Qualität seiner Tannine klar zu den besten Weinen der Appellation gehört.

Château Pressac

Auch dieses von Jean-François Quenin geleitete, historische Grand Cru Classé, dessen Reben rund um einen Kalkhügel im Nordosten von Saint-Émilion wachsen, auf dessen Gipfel das Schloss thront, gehört zu den unterbewerteten Gütern des rechten Ufers. Den rührigen Besitzer scheint das nicht zu kümmern. Er geht unbeirrbar weiter seinen Weg und präsentiert Jahr für Jahr besonders charaktervolle, vollmundige, saftige Saint-Émilion. Der 2017er, vom Frost verschont, ist ein absoluter Hit.

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