Kleine Tour durch die Champagne

Landschaften und Lagen

von Rolf Bichsel

Wein versteht erst richtig, wer weiss, woher er stammt. Für Champagner, Frucht der Begegnung von Erfindergeist, Geschäftssinn und Natur, gilt das noch mehr. Gerade die Natur, das Terroir, unterschätzt und auch mal misshandelt, unterscheidet den Champagner von anderen Schaumschlägereien. 

Nur zu oft wird die Champagne auf drei ihrer Grossräume reduziert – Montagne de Reims, Tal der Marne, Côte des Blancs. Oder auf eine banale Zahl: 34 000 Hektar, die Anbaufläche der Appellation. Eine einzige, ausgedehnte Rebplantage? Natürlich nicht. Die Zahl steht für fast 300 000 Parzellen mit einer durchschnittlichen Ausdehnung von nur zwölf Aaren, verteilt auf über 300 Trauben produzierende Dörfer und vier Departements. 

Monoton wirkt die Champagne nur auf Menschen, die zu faul sind, etwas genauer 
hinzugucken. 


Ähnlich verhält es sich mit den ominösen Kreideböden. Sie werden erst einmal mit den Stollen gleichgesetzt, die bereits die alten Römer in den Kalkfels schlugen, um geeignetes Baumaterial für ihre Amphitheater, Bäder und Mietskasernen zu gewinnen. Im 19. Jahrhundert wurden die alten, fast vergessenen Gänge zu regelrechten unterirdischen Kathedralen befördert, in denen bis heute Millionen Flaschen Champagner schlummern, bestaunt von Besuchern aus aller Welt. Es wundert mich immer wieder, dass die Stollen tatsächlich mit echten solchen gefüllt sind und nicht mit Touristenattrappen. Ein computergesteuertes Kühldepot wäre doch viel praktischer. Ich bin stundenlang frierend durch ewig acht Grad kühle Keller gestolpert, weil ich wissen wollte, wie viele Flaschen da wirklich ruhen. Immer, wenn ich meinte, der Rundgang sei zu Ende, kam ein weiterer voller Stollen dazu, und ich liess das Zählen sein. Die alten Kalktunnel, auf die viele Häuser so stolz sind, dienen effektiv weiter als Reifekeller. Das gehört zu den Archaismen, die Champagner so sympathisch machen. 
Doch die Kreide ist nicht nur zum Vorzeigen da. Sie ist echt einer der Trümpfe, der trotz Rekordhitzejahren wie 2018 klimatischen Randzonen für Weinbau zu Gute kommt. Süd- oder Südosthänge von bis zu 60 Prozent Neigung, gebildet aus poröser Kreide, die wie kein anderer Untergrund den Wasserhaushalt regulieren, kommen da tatsächlich wie gerufen. Doch die Kreide tut die Arbeit nicht allein. Ein Beispiel nur: Das Premier Cru Cumières im Nordwesten von Epernay gilt als die Gemeinde im Departement der Marne, die regelmäs­sig als Erste erntet, als historische Rotweinlage und Wiege des stillen roten Coteaux de Champagne. 

Das ist nur ein Teil der Wahrheit. «Die oft steilen Lagen von Cumières», erzählt Vollblutwinzer Jean-Baptiste Geoffroy, dessen Familie seit Urzeiten in dieser Gemeinde ansässig ist, «sind geologisch von besonderer Komplexität.» Alle sind sie gegen Süden und Südosten hin ausgerichtet. Begrenzt werden sie unten durch den Fluss Marne und oben durch den Wald. In den höheren Lagen verschwindet der Kalksockel unter einer Schicht aus Sand und Lehm. Der Meunier (knapp 30 Prozent der Anbaufläche von rund 180 Hektar) mag diese kühleren, kargeren Lagen. Man findet ihn auch unten am Fluss, auf sandigen Schwemmlandböden. Weil er später austreibt als die anderen Sorten, ist der Meunier vor dem hier oft anzutreffenden Frühlingsfrost sicher. Der Chardonnay (20 Prozent) gefällt sich auf den Buckeln, die sich hie und da bilden. Die Kreide stösst dort an die Oberfläche, unter einer Schicht von nur etwa 50 Zentimeter Erde. Das Herzstück der Gemeinde, gebildet aus Böden von Lehm, Sand und Kalk, bekommt dem Pinot Noir (50 Prozent der Anbaufläche) besonders. Cumières illustriert sehr schön die Komplexität der Champagne. Doch Ähnliches liesse sich wohl von den meisten Champagnergemeinden erzählen, nähme man ihre Böden genauer unter die Lupe. 
Im Gegensatz zum Burgund, wo echte Lagen klassiert sind, gilt die Klassierung der Champagne der 17 Grand Crus und 44 Premier Crus für Dörfer, ganze Gemeinden. Sie diente einst in erster Linie dazu, den Grundpreis für Trauben festzusetzen und ist ziemlich summarisch. Das mag erklären, warum die Champagne so häufig auf ihre Grossräume reduziert wird. Die Klassierung wird auch in Anspruch genommen, wenn es darum geht, die Überlegenheit des Handels, der mit Grundweinen aus vielen Dörfern arbeiten kann, über die selbstkelternden Winzer zu illustrieren, die ja ausschliesslich ihre eigene Ernte verarbeiten dürfen. Doch heute weiss jedes Kind (oder fast), dass ein Winzer, der mit der nötigen Sorgfalt arbeitet, parzellenweise erntet, keltert und ausbaut, ebenfalls über eine stolze Palette unterschiedlicher Grundweine verfügt. 

Und selbst, wenn nicht: produzieren nicht mehr und mehr Häuser Einzellagenweine? Man mag als Grobzeichnung gelten lassen, dass die besten Pinot Noirs in der Montagne de Reims eingebracht werden; die schönsten Chardonnays aus der Côte de Blancs stammen; das Marnetal ideale Bedingungen für den Pinot Meunier bietet. Doch wo beginnt dieses und wo hört es auf? Liegen Cumières, Dizzy oder Aÿ im Tal der Marne (ja) oder an der Montagne de Reims? (Auch ja). Lässt sich ein Dorf wie Fleury la Rivière, das im Südwesten der Montagne liegt, aber zum Marnetal gezählt wird, mit einer Gemeinde wie Tours-sur-Marne im Osten von Epernay vergleichen? (Kaum!) Warum werden Lagen wie Moussy oder Vinay im Süden von Epernay zum Tal der Marne geschlagen, obschon sie dem Fluss buchstäblich den Rücken kehren? (Weil die Rebe hier tatsächlich ähnliche Bedingungen wie im Marnetal findet). Produziert das Sézannais, das an die Côte de Blancs anschliesst, mit seinen Böden aus Silex und Kalk nicht auch hervorragende Chardonnay von besonderem Ausdruck? Sind die Pinot Noir aus den Spitzenlagen der Côte des Bars nicht auch erste Klasse? Ist der Süden von Vertus (Côtes des Blancs!) nicht auch ideal für den Pinot Noir, ganz im Gegensatz zu den nordöstlich der Gemeinde liegenden Rebbergen, die Chardonnay produzieren, die den Vergleich mit denen des benachbarten Le Mesnil nicht scheuen?

Ich weiss, das tönt schauderhaft trocken und theoretisch. Doch es gibt zwei einfache Möglichkeiten, sich von der Praxis zu überzeugen: eine vergleichende Verkostung von Lagenchampagnern (ob von Winzern, Genossen oder grossen Marken), bei der man nicht nach dem besten fahndet, sondern nach aromatischen und geschmacklichen Unterschieden, und ein ausgiebiger Trip durch die Reben. 
Ein Beispiel nur: Fahren sie von Epernay aus nach Moussy und von da über die D 11 nach Viney. Sie durchqueren so die in nordwestlicher Ausrichtung liegenden, etwas später reifenden Lagen des Südens von Epernay. Auf der anderen Talseite thront die Kirche des Premiers Crus Cuis und weiter unten der flache «Berg» des Grand Crus Chouilly. Beide Gemeinden gehören zur Côte des Blancs. In Saint Martin d’Ablois nehmen Sie die D 22 nach Vauciennes. Nach einer kurzen Fahrt durch den Wald sehen Sie diesmal unten im Tal tatsächlich die Marne. Links des Flusses winkt das Schloss von Boursault, gegenüber am rechten Marne-Ufer sehen Sie Damery, das an Cumières anschliesst. Die Lage zählt rund 400 Hektar Reben. Mit 60 Prozent dominiert hier bereits der Pinot Meunier. Chardonnay und Pinot Noir bringen es nur mehr auf je 20 Prozent. Fahren sie dann bei Damery über die Brücke. Sie durchqueren das Dorf und biegen in die Route Arty ein. In Arty halten sie rechts und nehmen die D 22 A Richtung Fleury la Rivière. Nach rund einem Kilometer kreuzen Sie eine Piste: Biegen Sie links ab, fahren Sie ein paar Dutzend Meter und rangieren Sie den Wagen am Strassenrand. Geniessen Sie ausgiebig die herrliche Aussicht! Von Fleury aus kommen Sie über die D 386 bequem nach Hautvillers. Kurz vor dem Dorf liegt links ein Aussichtspunkt (Point de Vue) mit Parkplätzen. Lassen Sie Ihren Wagen stehen und gehen Sie ein paar Schritte oder auch mehr auf dem Weg am Waldrand entlang. Bei gutem Wetter sehen Sie von hier über Hautvillers, Champillon, Dizzy, Aÿ und Epernay hinweg bis zur Côte des Blancs.
Eilige verlieren keine zwei Stunden mit dieser kurzen Rundfahrt, die man mittels Google Street View sogar rein virtuell erleben kann. Sie erhalten so wenigstens einen guten ersten Eindruck von der Vielfalt der Ausrichtungen und Lagen. Ich lasse mir immer genügend Zeit, nehme Umwege in Kauf, weite den Kreis nach und nach aus wie eine Katze, Chatillon, Cuchery, Rilly la Montagne, Mailly, Verzenay, Ambonnay, Tours-sur-Marne, Avize, Le Mesnil... Und komme immer wieder. 

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