Birte Jantzen über alte Rebstöcke

Kulturschatz alte Reben

Text: Birte Janzen

Sie werden gerne herausgerissen, gelten als ertragsarm oder nicht mehr der Mode entsprechend. Dabei sind sie das Gedächtnis des Bodens, Ausdruck eines über Jahrzehnte entstandenen Gleichgewichts, verkörpern Resilienz und die Magie der Zeit.

Natürlich sind nicht alle alten Reben Gold wert. Es gibt diejenigen, die vor Jahrzehnten nach dem Prinzip «je höher der Ertrag, desto besser» gepflanzt wurden. Qualität und Vielfalt waren Nebensache. Und generell ergibt dies bekannterweise nicht gerade die interessantesten Weine. Die alten Reben, für die ich hier jedoch Partei ergreifen möchte, gehören nicht zu dieser Kategorie. Es sind die unzähligen, knorrigen, oft über 50 Jahre alten Rebstöcke – wahre Schätze der genetischen Diversität –, die bei uns, aber auch weltweit, immer schneller aus den Weinbergen verschwinden. Entweder weil die betreffenden Winzer vor allem an hohem Ertrag und günstigen Produktionskosten interessiert sind. Oder weil sie es aus Unkenntnis nicht wertzuschätzen wissen – und das kommt häufiger vor, als man denkt. Am Ende verschwindet ein kultureller Schatz, ersetzt durch eine uniforme klonale Selektion. Weil es nicht alle wissen: Als Klon bezeichnet man den einzelnen Rebstock einer bestimmten Rebsorte, der gewisse gewünschte agronomische Eigenschaften aufweist und aufgrund dessen gezielt vermehrt wird. Diese Technik wurde in der Nachkriegszeit entwickelt, basierend auf einer kleinen Anzahl von «idealen» Versionen jeder kommerziell angepflanzten Rebsorte. Die meisten nach 1980 gepflanzten Rebberge beruhen auf solch klonalen Selektionen, das heisst tausenden genetisch absolut identischen, auf dem gesamten Erdball verbreiteten Reben. Es ist das genaue Gegenteil von massaler Selektion, der historischen Urform der Rebvermehrung, basierend auf einer Vielzahl von genetisch unterschiedlichen Rebstöcken einer bestimmten Rebsorte. Die daraus entstehende Diversität im Weinberg ergibt nicht nur komplexere Weine, sondern auch eine natürliche Form an Resilienz, zum Beispiel gegenüber Rebkrankheiten. 

«Das Alter verleiht den Reben eine Weisheit und Widerstandsfähigkeit, die keine junge Rebe jemals besitzen kann.»

Und: Jeder Rebstock hat über Jahrzehnte hinweg den Ertrag an seine Physiologie angepasst und optimiert. Allerdings: Da jeder Winzer für sich selbst entscheiden kann, was alte Reben für ihn sind, ist auf einen Vermerk auf dem Etikett nicht wirklich Verlass. Um diese Freiheiten zu umgehen, wurde vor wenigen Jahren ein weltweites Register für alte Reben eingeführt, mit offiziellem Siegel. Je nach nachgewiesenem Alter der Reben gibt es Siegel für +35, +50, +75, +100 und sogar +150 Jahre, ins Leben gerufen um das Kollektiv «The Old Vine Registry» (oldvineregistry.org).

Werden sie richtig gepflegt, können alte Rebstöcke tatsächlich weit über hundert Jahre alt werden und dennoch zuverlässig produzieren. Die Weine, die daraus gekeltert werden, sind Besonderheiten und sollten dafür auch geschätzt werden. Ich liebe diese wunderbare Form der Zeitreise. Und Sie?

Sprechen auch Sie Klartext!

Diskutieren Sie mit - zum Beispiel auf unseren Social Media Kanälen. Sie haben kein Facebook oder Instagram? Dann schreiben Sie uns eine Mail an redaktion@vinum.ch.