Winzerlegende Alain Brumont, Gascoigne

Aus dem Nichts an die Spitze

Text und Fotos: Rolf Bichsel

  • Im «Turm», dem Wahrzeichen von Château Bouscassé, dem ehemaligen Bauernhof, werden heute Weinfreunde aus aller Welt empfangen.
  • Sie können nicht zuletzt die gigantische Kelleranlage von Château Montus bewundern, die knapp zehn Minuten von Bouscassé entfernt liegt.

Alain Brumont ist ein Phänomen. Was ihm gelungen ist, hat kein anderer Winzer geschafft: in einer unbekannten Region in nur 40 Jahren ein eigentliches Imperium aufzubauen. 1979 hat er mit 17 Hektar begonnen: Heute kommen aus seinen Kellern über drei Millionen Flaschen, darunter die Spitzen-Cuvées La Tyre, Bouscassé Vieilles Vignes und Montus Prestige. 

Alles begann mit Schweigen. Der Typ, der mir gegenüber sass, war mir gar nicht geheuer. Machte mich unsicher mit seiner seltsamen Mischung aus Grössenwahn und Minderwertigkeitskomplex. Den Tag rettete meine Begleiterin. Begann mit dem Mann zu schäkern, der für weiblichen Charme empfänglicher war als für mein unhöfliches Schweigen. Brachte das Thema auf seine Heldentaten. Den Kauf eines alten, vergammelten Weinschlosses mit geborgtem Geld hinter dem Rücken des Vaters. Montus Prestige 1985, von einem Weinschreiber als Pétrus des französischen Südwestens bezeichnet, der damit einen Wein aus Reben in höchsten Tönen lobte, die erst Anfang der 1980er Jahre gepflanzt worden waren. Den für damalige Begriffe und die Appellation geradezu riesigen unterirdischen Keller, der eben im Bau war, von einem befreundeten Architekten entworfen und durch Teilhaber finanziert, die ihr Leben lang (oder fast) Tantiemen in Form von Wein einstrichen. Die Barriques, die dieser seltsame Mensch, der mit 40 immer noch aussah wie ein Lausebengel und gar nicht wie ein Marketinggenie, per Helikopter auf einen Pyrenäengipfel hatte verfrachten lassen, um den Einfluss der Höhe auf den Wein zu erforschen. 

Der Starthelfer

Wir sind dennoch Freunde geworden, Alain Brumont und ich. Alain Brumont hat nicht unwesentlich zu meiner eigenen Geschichte beigetragen. Auf meinen ersten Besuch als harmloser Tourist sollte eine andere Premiere folgen: mit einem Porträt über Alain Brumont begann ich ein Jahr später völlig überraschend meine Laufbahn als Weinjournalist. Eine Flasche weisser Montus war an der Tatsache, dass ich heute Vater eines 20-jährigen Sohns bin, nicht ganz unbeteiligt. Und in der Chefetage einer Schweizer Weinzeitschrift bin ich nicht zuletzt darum gelandet, weil ein paar Jahre später der gleiche Alain Brumont, der mich mit Distanz empfangen hatte, meinem damaligen Patron ins Ohr flüsterte, ich sei der beste Verkoster der Welt und vermutlich des Universums. (Was natürlich gnadenlos übertrieben war, Gascogner haben das im Blut, wie Dumas illustriert, und Alain Brumont ist in mancher Beziehung ein moderner d‘Artagnan.)

«Bei meinem ersten Bordeauxbesuch kam ich mir wie ein Schuljunge vor. Statt Menge galten hier Schlagworte wie Terroir oder Qualität, statt im Tank wurden die Weine in neuen Barriques ausgebaut und ruhten nicht in Scheunen, sondern in blitzblanken Kellern.» 

Ja, wir sind dennoch Freude geworden, obschon uns bis heute so viel trennt wie vereint. Doch da war der Wein, den ich bei meinem ersten Besuch verkostete, damals der einzige Wein des Südwestens mit Barriqueausbau (was dazu geführt hat, dass man Brumont zeitweise die AOC Madiran aberkennen wollte, mangels Typizität), ein tintenschwarzes Ungeheuer, das trotz all der Masse auch mit enormer Frische, Rasse und Eleganz aufwartete. Seine ersten grossen Jahrgänge, 1989 und 1990, sind bis heute (und ganz besonders heute, wo wir sie endlich auf ihrem Höhepunkt geniessen können) eine Referenz für Weine aus dem Südwesten – und für grosse, ungewöhnliche Weine der Welt. Wer einen solchen Wein auf die Flasche bringt, kann nicht ganz schlecht sein, sagte ich mir nach meinem ersten Besuch und sollte recht behalten. Alain Brumont ging es übrigens ganz ähnlich. «Irgendwie war er mir ja trotzdem nicht ganz unsympathisch, dieser komische Kauz mit den langen Haaren, der sich zuerst einmal hinter dem Rücken seiner Begleiterin versteckte, kein Wort hervorbrachte und immer dann auftauchte, wenn man ihn am wenigsten gebrauchen konnte, zum Beispiel, wenn wir alle Hände voll damit zu tun hatten, unsere Schweine zu schlachten», gestand mir Brumont eines Tages. 

Dass ich ihn mit dem Schachtmesser in der Hand fotografierte und diese Bilder auch gleich publizierte, ihn, den Bauernsohn, der bis ins Alter von 33 Jahren 12 bis 16 Stunden auf dem Traktor verbrachte, als unbezahlter Angestellter seines Vaters und Rekordmann im Bestellen von Maisfeldern, die den Brumonts ihr Einkommen sicherten, ihn, der sich als Autodidakt unter den grossen Weinmachern gerade vom Image des Bauern distanzieren wollte, hat er mir übrigens bis heute nicht ganz verziehen. Und doch: Dieses Bild charakterisiert ihn vielleicht weniger schlecht als viele andere. Weil es seine Verbundenheit mit der Heimat belegt, die er durch seinen Einsatz für lokale Gemüse unter Beweis stellte (Trébons-Zwiebeln, weisse Bohnen aus Tarbes) oder alte Rassen wie das Gascogne-Huhn und die in Halbfreiheit gehaltenen schwarzen Schweine der Ecke. Brumont, ein Traditionalist? Auch damit wird man ihm nicht ganz gerecht. Da ist einmal der innovative Führer und Macher, der lange selber die Ärmel zurückkrempelte und zupackte, wenn dies nötig war, im Keller, im Rebberg, beim Schweinschlachten, in der Küche oder beim Tapezieren einer Wand. Der ewig Neugierige, der alles über alles wissen wollte. Der hypersensible Verkoster, der an Kultur und Musik interessierte, der mich zu Jazzabenden schleppte und erreichte, dass ich mich wieder ans Klavier setzte und mich so von meinem Vorsatz abbrachte, nie mehr öffentlich in die Tasten zu hauen. Der Mann, der nie ruhig sitzen kann (was das Drehen einer Videoserie mit ihm zu einem Albtraum machte, das nur gelang, weil wir das Drehbuch über Bord warfen und ihn schliesslich einen Nachmittag lang in einem Raum einschlossen und vor laufender Kamera seinen Werdegang erzählen liessen) und noch heute, im Alter von über 70 Jahren übersprudelt vor Ideen, für deren Umsetzung er zwei Leben bräuchte. Der Mann mit dem Ehrgeiz, aus dem Nichts heraus zu den besten Winzern der Welt zu gehören.

Der Zweifler

Dass er dies tut, steht ja eigentlich ausser Zweifel. Der Einzige, der nicht voll und ganz daran glaubt, ist Alain Brumont selber, der sich vor Leuten in die Brust werfen mag – auch das gehört zum Naturell des Gascogners – in Tat und Wahrheit aber ständig an sich zweifelt und alles nur immer noch besser machen will. Vieles hat mit seiner Herkunft, seiner Jugend zu tun. Die Brumont besassen einen stattlichen Hof (Bouscassé), zu dem auch ein paar Hektar Reben gehörten. Alain musste früh mit anpacken, litt auch mal unter der strengen Fuchtel seines Vaters. Das Geld verdiente man mit Getreide, Wein war nicht mehr als willkommenes Zugemüse, und Qualität nun wirklich nicht in. Mit dem Virus des grossen Weins mag ihn der Grossvater angesteckt haben, der von guten alten Zeiten sprach, als die Honoratioren von weit her zu den Brumonts kamen, um sich mit Wein für den Sonntag zu versorgen.

Der begossene Pudel

Seine erste Weinreise führte Alain – wie sollte es auch anders sein – nach Bordeaux. Der Sohn des einzigen nennenswerten Weinerzeugers aus Madiran verliess selbstsicher die Heimat und kam als begossener Pudel zurück. «Ich kam mir wie ein Schuljunge vor. Statt Menge galten hier Schlagworte wie Terroir oder Qualität, statt im Tank wurden die Weine in neuen Barriques ausgebaut und ruhten nicht in Scheunen, sondern in blitzblanken Kellern. Angebaut wurde hier nicht der als rustikal verschriene Tannat, sondern Merlot und Cabernet Sauvignon.» Jeder andere hätte den Kopf hängen lassen. Brumont schöpfte aus diesem Tiefschlag seine Motivation. Er würde es diesen Weinbaronen schon zeigen, wenn man ihn nur erst gewähren liess. Er kaufte Montus, setzte voll und ganz auf den lokalen Tannat, reduzierte dessen Erträge, gab ihn in neue Barriques und wurde über Nacht zur Sensation. Bordeaux ist bis heute sein Vorbild, gehasst und bewundert zu gleichen Teilen. 

«Alain Brumont gehörte oft zu den Ersten, die innovative Techniken ausprobierten, und hat wie kein anderer eine Nase für grosse Terroirs.» 

Fabrice Dubosq Technischer Direktor Vignobles Alain Brumont

Das andere grosse Vorbild fand Brumont, der nach seiner ersten Bordeaux-Erfahrung rasch zum Entdeckungsreisenden in Sachen Wein mutierte, im Rhônetal. Es hiess Marcel Guigal. Dieser inspirierte ihn nicht nur dazu, sein Sortiment auszuweiten und die 17 Hektar seines Vaters zu einem eigentlichen Imperium von fast 600 Hektar auszubauen, massgeblich in Madiran (350 Hektar) und in der Gascogne (220 Hektar), davon etwas weniger als 300 Hektar in Eigenbesitz. Er inspirierte ihn beim Kauf eines steilen Geröllackers namens La Tyre, den er 1990 erwarb und mit Tannat bepflanzte. Ich gebe zu, als er mir damals diese nach Osten hin ausgerichtete Ecke mit den faustgrossen Kieseln zeigte, sagte ich mir, jetzt ist er wirklich völlig verrückt. Doch als ich im Jahr 2000 den ersten daraus abgefüllten Wein verkostete, blieb mir die Spucke weg. «Ja, Alain hat wie kein anderer eine Nase für grosse Terroirs», sagt Fabrice Dubosq, der seit über zehn Jahren für die Weinbereitung auf Montus und Bouscassé zuständig ist und die fast 50-köpfige Equipe mit Meisterhand leitet. Er ist der ruhende Pol im Keller, der dafür sorgt, dass Brumonts Ideen mit erträglichem Mass umgesetzt werden. Im Büro und zuhause sorgt ein anderer Pol für Ordnung: Laurence, die Ehefrau, die sich darauf versteht, das überbordende Temperament des Meisters mit Samthandschuhen unter Kontrolle zu halten.

Der Innovator

Erfunden hat Brumont wenig, neu interpretiert vieles, darunter nicht zuletzt Methoden, die er auf seinen «Studienreisen» im In- und Ausland entdeckte. Er war oft gar unter den ersten, die innovative Techniken ausprobierten: die «Pigeage» etwa (Eintauchen der Maische in den Saft mittels einer Maschine) oder die computergesteuerte Auslese des Traubengutes vor dem Einmaischen. Im Rebberg bestand er darauf, seine Ränge so auszurichten, dass die Trauben «in Richtung 15 Uhr wachsen». Die Traube profitiert von regelmässiger Sonneneinstrahlung und etwas Blätterschatten, wenn die Sonne am höchsten steht. Oder die «Kalibrierung der Traube» mittels Auslese der zu kurzen oder zu langen Knospen, Zählen und Reduzieren der Traubenansätze, um einen regelmässigen Traubenbehang zu erhalten und damit optimale Traubenreife. Indem er inspiriert andere imitierte, hat er einen völlig neuen Weintyp geschaffen. Einen modernen Madiran? Nein. Einen zeitlosen Brumont? Ja.

Für jeden etwas

Fast dreissig Abfüllungen bringen die Vignobles Brumont auf den Markt, vom preiswerten Landwein aus der Gascogne bis zu den Spitzen-Cuvées der Châteaux Montus und Bouscassé. Rot- wie weisse Spitzenweine besitzen verblüffendes Lagerpotenzial. Wir haben darum diese kleine Übersicht als Vertikale gestaltet, teils mit reifen Weinen aus unserer Kellerbibliothek. www.brumont.fr

Weine des Winzers

Brumont Madiran AOC Torus 2012

15.5 Punkte | 2017 bis 2020 

Dieser fruchtige, vollmundige und trotz der Fülle erstaunlich saftige Tropfen aus relativ jungen Reben (Tannat, Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc) wird im Tank ausgebaut. Ein idealer und trinkiger Einsteigerwein. 

 

Château Bouscassé 

Pacherenc du Vic-Bilh AOC Les Jardins 2012

16.5 Punkte | 2017 bis 2020 

Zurückhaltende Aromatik von Zitrusfrüchten, Karambola, Kräutern; glasklarer Ansatz, grosse Dichte, Rasse und gute Länge, saftig, bekömmlich trotz der Fülle. Fast ausschliesslich aus Petit Courbu gekelterter und im Tank ausgebauter trockener Weisswein. Illustriert das Potenzial dieser fast unbekannten einheimischen Sorte. 

 

Château Bouscassé 

Côtes de Gascogne Vdp Les Menhirs 2009

15.5 Punkte | 2017 bis 2020 

Alain Brumonts Vision eines Pomerol, aus auf Lehmböden gepflanzten Merlot-Stöcken. Blumig-fruchtige Aromatik, feurig im Mund, dicht und lang: Für unsere Begriffe dominiert der Alkohol zu sehr, doch das Ganze bleibt originell und damit interessant.

 

Château Montus 

Madiran AOC La Tyre 2002

18 Punkte | 2017 bis 2035 

Gewiss, die jüngeren Jahre (ab 2005) sind von grösserer Präzision. Dennoch illustriert dieser konzentrierte Wein, der auch immense Tiefe und Rasse besitzt, mit erstklassigen, ungemein noblen Tanninen sehr gut das Potenzial dieses besonderen Weins, der noch in 20 Jahren Freude machen wird. 

    

Château Bouscassé 

Pacherenc du Vic-Bilh AOC Frimaire 2001

17 Punkte | 2017 bis 2020 

Sattes Ambra; braucht etwas Luft, mit deutlichen Noten von rosinierten Trauben, Honig, Backgewürze; vollmundig, dicht. Finale von Kaffee und Röstnoten: hat, im Gegensatz zu dem, was die Farbe erwarten lässt, erstaunliche Frische bewahrt für einen Süssen aus im Dezember gelesenen Petit Manseng-Trauben! 

 

Château Montus

Pacherenc du Vic-Bilh AOC 1999

18 Punkte | 2017 bis 2020 

Sattes, reifes Gold; zuerst viel neues Holz, das Bouquet erinnert an einen Chassagne, mit ausgiebiger Belüftung wird er immer komplexer; mit Noten von weisser Schokolade, Kaffee und Kräutern; dichter, aber auch rassiger Bau, saftig und sehr lang; herrlicher Wein, den man zu einer Pastete geniessen wird.

 

Château Montus

Madiran AOC Prestige 1990

17.5 Punkte | 2017 bis 2025 

Auch nach fast dreissig Jahren kein bisschen müde, gereift, aber mit weiterem Potenzial, die deutliche Neuholzprägung verschwindet nach einer knappen Stunde in der Karaffe und weicht fruchtiger Würze. Im Mund dicht, samtig, von verblüffender Frische und Eleganz. 

 

Château Bouscassé

Madiran AOC Vieilles Vignes 1990

18 Punkte | 2017 bis 2030 

Die beiden Spitzen-Cuvées unterscheiden sich durch ihr Terroir (Kies auf Montus, Lehm-Kalk auf Bouscassé), vor allem aber durch das Alter der Reben, damals über 40 Jahre für Bouscassé, knapp zehn Jahre für Montus. Komplexe Aromen, Reifenoten ohne jede Spur an Reduktion; Kräuter, Zitrusfrüchte, Blumen, mineralische Komponenten; im Mund von grosser Eleganz und Klasse, nicht zuletzt dank der seidigen Frische, die er auch nach über 25 Jahren bewahrt. Vollmundiger, sehr langer Abgang.

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