Winzerlegende Anthony Barton, Bordeaux

Scharfsinniger Grandseigneur

Text: Barbara Schroeder, Fotos: Barbara Schroeder und Rolf Bichsel

  • Die Kellerei der beiden klassierten Barton-Güter in Saint-Julien würde glatt einen Preis als bestgepflegtes Weingut in Bordeaux verdienen.
  • Den nächsten Generationen – Melanie, Damien und Mutter Lilian – würde es nicht im Traum einfallen, sich von Léoville zu trennen.

Das erste Weinhandelshaus verdankt die aus Irland stammende Familie Barton ihrem Vorfahren Thomas, der sich 1722 in Bordeaux niederlässt. Rund 100 Jahre später kann sein Enkel 50 Hektar Reben des historischen Gutes Léoville in Saint Julien erwerben. Anthony Barton steuert den Familienbetrieb mit Umsicht und britischem Humor ins 21. Jahrhundert. Er gehört zu den letzten noch lebenden grossen Schöpfern des modernen Bordeaux. 

«Eigentlich empfängt Anthony ja niemanden mehr, seine Gesundheit, sein hohes Alter, wissen Sie… Und überhaupt, seit 2010 kümmert sich seine Tochter Lilian um die Geschäfte, Anthony ist im Ruhestand, aber für Sie will er eine Ausnahme machen. Ermüden Sie ihn bloss nicht!», meint die besorgte Stimme am Telefon. Versprochen! Eine Stunde mit dem letzten grossen alten Mann des Bordeaux ist jede Konzession wert. 

Krank sieht er eigentlich gar nicht aus, höchstens etwas gebeugter seit unserer letzten Begegnung, als lasteten die Jahre doch ein wenig auf seinem Buckel. Aber aus den Augen blitzt der alte Schalk. Mit den leise geflüsterten Worten «so lang Eva das nicht sieht» haucht er mir einen keuschen Kuss auf den Handrücken und begleitet mich in den Salon, wo Eva, die Ehepartnerin, uns erwartet, um mit strengem Blick darüber zu wachen, dass der frisch genesene Anthony sich nicht übernimmt. Doch der sinkt brav in die weichen Kissen des Kanapees, streicht lässig eine Falte aus dem Hemd und meint galant: «Ich freue mich immer, Sie zu sehen. Sie teilen die gleichen Werte des Weines wie ich, Eleganz, Liebreiz, Harmonie. Ich weiss, wie sehr Sie Léoville Barton schätzen, und das seit drei Jahrzehnten! Doch eigentlich verdiene ich Ihre Aufmerksamkeit gar nicht. Heute bestimmen andere erfolgreich die Geschicke des Gutes, und das ist auch richtig so! Wir sind vergänglich, unsere Weine sind es nicht. Hoffe ich wenigstens.» Bescheidenheit ist eine Zier, geht die Rede. Wenn das stimmt, kleidet sie diesen Gentleman, der seine Eleganz bis ins hohe Alter bewahrt hat, besser als jeder Massanzug, genauso wie seine Menschlichkeit und sein trefflicher, britischer Humor.  

Anthony Barton erblickte am 7. Juli 1930 in Straffan House, Kildare, das Licht der Welt. Am 7. Juli? «So steht das in meinem Reisepass. Doch meinen Geburtstag habe ich, bis ich zwölf Jahre alt war, am 6. Juli gefeiert. Mein Vater und meine Mutter konnten sich nicht darauf einigen, ob ich vor (die Version der Mutter) oder nach Mitternacht (die Version des Vaters) ‹aus dem Ei schlüpfte›. Heute vergesse ich meinen Geburtstag, den ich früher gleich doppelt feierte, lieber ganz…»

«Wie ist es möglich, dass ein Beefsteak, sagen wir, 10 Prozent teurer geworden ist und ein Wein in der gleichen Periode 300 Prozent?»

Nicht einfach, ernst zu bleiben bei dieser trocken vorgetragenen Schilderung, und den Faden nicht zu verlieren. Die Studienzeit? «Während des Kriegs ging ich in Bray zur Schule. Doch offenbar war ich zu intelligent, man bestrafte mich, indem man mich in die Public School von Stowe (England) steckte und mich dazu verdammte, moderne Sprachen und damit Französisch zu lernen. Meinen irischen Akzent hat man mir aber nicht austreiben können. Später ging ich nach Cambridge, wo ich mein Examen verpatzte, weil mir mein Fahrrad geklaut worden war.» 

Der Hof von Straffan in Irland war für seinen älteren Bruder bestimmt und konnte nicht zwei Familien ernähren. Wie so vielen Irländern vor ihm, darunter eine ganze Anzahl Barton, blieb Anthony nicht viel anderes übrig, als das Heil in der Fremde zu suchen. Da war doch dieser Onkel in Bordeaux, Ronald, (auch) ein echt irisches Original, der nicht an so moderne Dinge wie Schreibmaschinen und Warenumsatzsteuer glaubte. Der besass ein weltbekanntes, wenn auch völlig unrentables Weingut am Ende der Welt, in einer Ecke namens Saint Julien, und Anteile an einem Handelshaus, das er zusammen mit zwei Brüdern der Familie Guestier führte, die ganz Bordeaux nur Baba und Bibi nannte. «Ich bin auf dem Land aufgewachsen, auf einem Bauernhof. Ich hätte nur zu gerne draussen im Rebberg gearbeitet, Ochsenkarren gefahren oder Pferdegespanne geführt. Doch das Weingut konnte sich keine zusätzlichen Ausgaben leisten. Ich musste mit einem Platz in einem staubigen Büro in der Stadt Vorlieb nehmen», kommentiert Anthony Barton mit gespielter Betrübtheit diesen wenig glorreichen Einstieg in die Welt der grossen Bordeaux. 

Passionierter Jäger und Rosenzüchter

Die Liebe zu Natur und den Tieren ist ihm dennoch geblieben. In jungen Jahren ging er auf die Schnepfenjagd, ein Nationalsport im einsamen Médoc. Später entdeckte er seine Vorliebe für das Angeln, «eine geruhsame Beschäftigung in einer ruhigen Umgebung, ausgeführt von Menschen, die Stille schätzen», wie er unterstreicht, und der er, soweit das seine Gesundheit erlaubt, bis heute nachgeht. Früher reiste er gerne ab und an nach Norwegen, um Forellen und Lachsen nachzustellen. Heute muss er sich mit Ausflügen in die nähere Umgebung begnügen. Berta, die Hündin, so anhänglich wie treu, weicht ihm nicht von der Seite. Um nicht auf die Begleitung der vierbeinigen Freundin verzichten zu müssen, liess er schon vor Jahren das neue Luxusauto in der Garage verstauben und fuhr lieber im verbeulten, klapprigen Peugeot spazieren. Die Liebe zur Natur illustriert auch der legendäre Ziergarten von Langoa/Léoville. Rosenzucht ist bis heute eine der vielen Leidenschaften dieses Grandseigneurs, der kein gekauftes Adelspatent nötig hat, um seine angeborene Noblesse zu beweisen. «Rosen gehören zu den wenigen Zierpflanzen, die den kargen Boden und das ozeanische Klima des Médoc schätzen», meint er augenzwinkernd und fügt nicht ohne Stolz an, dass er sogar zwei eigene Rosen kreiert habe: «Thomas Barton» und «Léoville Barton». «Beide sind dornig und von tiefroter Farbe. Doch auch sehr resistent und von besonderer Eleganz.»

Kritischer Blick auf Preistreiberei

Die ersten Jahre seiner Weinkarriere waren nicht einfach. Der Weinbaubetrieb verlor Geld, und um das Handelshaus Barton & Guestier war es nicht viel besser bestellt. 1954 wurde die Situation unhaltbar: 50 Prozent der Anteile mussten an den internationalen Getränkekonzern Seagram abgetreten werden, um das Weingut halten zu können. Anthony blieb bis 1967 als Exportdirektor im ehemaligen Familienunternehmen, knüpfte Kontakte, reiste viel, verkaufte Wein. 1967 gründete er sein eigenes Handelshaus, «Les Vins Fins Anthony Barton». Doch auch hier schien der Anfang mit Dornen gesät. Die Weine von Langoa und Léoville Barton, weiter im Besitz seines Onkels, wurden als Exklusivität von Barton & Guestier vertrieben, das mittlerweile ganz zu Seagram gehörte. Anthonys Unternehmen überlebte dank guter geschäftlicher Kontakte in Skandinavien. Erst als das Monopol endete, verbesserte sich seine Situation etwas. Die Zusammenarbeit mit seinem Onkel war allerdings nicht immer einfach. Der war sehr traditionell eingestellt und nur schwer für Veränderungen zu haben. Doch weil er kinderlos verstarb, erbte Anthony schliesslich den Besitz. Mitte der 1980er Jahre liess er sich im Médoc nieder. Endlich, im Alter von über 50 Jahren, wurde der Traum, auf dem Land zu leben, wahr, endlich war er sein eigener Herr und Meister, endlich gingen auch die Geschäfte besser, nachdem ein wenig bekannter amerikanischer Weinkritiker den 1982er zum Jahrhundertjahrgang deklariert hatte.

«Ein Picasso ist tatsächlich beständig und mag daher weiter an Wert zulegen. Eine Flasche ​ Léoville Barton ist nach einem halben Jahrhundert futsch und hat ihren ganzen Wert verloren.»

Wer sich heute mit Bordeaux beschäftigt, sieht vor allem die Sonnenseite, wird von hohen Weinpreisen, dem Prestige von Hunderten von grossen Marken, dem grossen Geld geblendet. Doch Glanz und Gloria herrschen in Bordeaux gerade seit zwei, drei Jahrzehnten. «Ich gebe zu: Diese ganze Spekulation rund um den Wein langweilt mich und beängstigt mich auch mal. Früher mussten selbst die grössten Güter darum kämpfen, ihre Ernte an den Handel verkaufen zu können. Heute reisst dieser den Spitzenproduzenten die Ernte buchstäblich aus der Hand und will immer mehr davon. Doch Wein ist nicht wie ein Gemälde. Ein Picasso ist tatsächlich beständig und mag daher weiter an Wert zulegen. Eine Flasche Léoville Barton ist nach einem halben Jahrhundert futsch und hat ihren ganzen Wert verloren.»

Anlässlich der Primeurkampagne verkauft sich Léoville Barton seit Jahrzehnten jeweils in ein paar Dutzend Minuten. Dennoch hat sich Anthony lange geweigert, die Preise anzuheben. Bis heute ist Léoville Barton der Preiswerteste der drei Léoville geblieben. Doch was ihm eigentlich hoch angerechnet werden sollte, ist dem Bild des Gutes eher schädlich: Weil er der Günstigste ist, muss er auch der Schlechteste sein, scheint der Markt zu urteilen. Und liegt damit völlig daneben. «Natürlich bin ich nicht dagegen, dass grosse Weine teuer sind. Ich habe lange das Gegenteil gekannt und wir haben darunter gelitten. Heute profitieren wir von der Situation. Ich bin höchstens etwas erstaunt darüber. Wie ist es möglich, dass ein Beefsteak, sagen wir, 10 Prozent teurer geworden ist und ein Wein in der gleichen Periode 300 Prozent? Irgendwie scheint mir, das ist alles sehr kurzsichtig. Ich glaube einfach nicht, dass der Markt für grosse Weine beliebig ausdehnbar ist. Sammler hochpreisiger Gegenwartskunst gibt es schliesslich auch nicht wie Sand am Meer! Irgendwann wird man auf den teuren Weinen sitzen bleiben, weil niemand sie mehr zu trinken wagt. Ich habe immer gesagt: Die beste Investition in Bordeaux ist ein Korkenzieher und die beste Flasche eine geleerte. Nur ein vernünftiger Preis verhindert, dass Weine gehortet werden statt getrunken.»

Tönt ja eigentlich ganz vernünftig und erst recht aus dem Munde eines Mannes, der andere Zeiten erlebt hat. Doch leider hört die Welt nur selten auf die Stimme der Weisen. Fürchtet Anthony Barton um die Zukunft der Güter, die ja doch irgendwie sein Lebenswerk verkörpern? «Natürlich war ich etwas beklommen, als ich mich aus dem Unternehmen zurückzog. Doch damals wie heute bestand und besteht kein Grund zur Sorge. Meine Tochter Lilian hat die Nachfolge mit Umsicht angetreten. Sie kennt die Welt des Bordeaux, besitzt viel Erfahrung, doch auch die Ruhe und nötige Distanz. Als sie sich mit dem Gedanken trug, Château Mauvesin zu erwerben, konnte ich sie dazu nur ermutigen. Vielen anderen hätte ich abgeraten. Doch ich wusste, dass sie sich diesen Schritt reiflich überlegt hatte und fähig war, aus diesem unterschätzten unklassierten Gut eine Perle zu machen. Und Melanie, meine Enkelin, die Mauvesin-Barton technisch leitet, braucht meinen Rat erst recht nicht. Sie hat Önologie studiert und weiss besser als ich, was zu tun ist! Die Jungen sind heute weit qualifizierter, als wir es damals waren. Sie besitzen eine solide Grundausbildung. Das gilt für Damien, Melanies Bruder, der sich auf internationalen Handel spezialisiert hat, wie für Melanie selber, die ihren Beruf mit besonderer Leidenschaft betreibt. Melanie ist die erste der zehn Generationen von Gutsbesitzern, die tatsächlich etwas von Wein versteht», schliesst Anthony lächelnd, lehnt sich auf seinem Kanapee zurück und nippt geniesserisch an einem Glas Champagner, das eine aufmerksame Haushälterin serviert hat, ganz der glückliche Senior, der dem Lärm der Welt entronnen ist, die guten Seiten des Lebensabends geniesst und alle Widrigkeiten unter den Teppich kehrt.

Geschenk der vollen Reife

Grosse Bordeaux müssen reifen – Léoville und Langoa machen da keine Ausnahme. 10, 15 Jahre sind das absolute Minimum. Wer jüngere Weine mag, kann sich an den Zweitwein La Réserve halten, der oft schon nach 3 bis 4 Jahren mundet, oder an Weine von Château Mauvesin, das Lilian Barton-Sartorius vor einigen Jahren erworben hat, mit einer idealen Trinkreife je nach Jahrgang von 5 bis 10 Jahren. www.leoville-barton.com


Léoville Barton 1959 

(20 Punkte)

Man mag diesen Wein als Museumsstück betrachten – er ist effektiv sehr reif und hat seinen Zenit gewiss überschritten (daher die einstige Benotung in Klammern), und doch besitzt er weiter besonderen Charme, ist von verblüffender aromatischer Komplexität, zeigt zuerst Aromen von Humus, Leder und Trüffel, dann nach und nach solche von Rose und gekochten Beeren; im Mund rund und weich und transzendent, immer noch von spürbare Harmonie. 


Léoville Barton 1988 

19 Punkte | 2017 bis 2030

Blieb dieser Wein fast zwei Jahrzehnte lang sehr verschlossen, um nicht zu sagen, abweisend, zeigt er heute die ganze Klasse dieses Gutes, mit komplexer, blumig-würzig-fruchtiger Aromatik; von grosser Eleganz im Mund, mit tragender Struktur und superber Länge.


Léoville Barton 1990 

19 Punkte | 2017 bis 2030

Wirkte er schon in seiner Jugend weit fleischiger und sogar robuster als der 1988, zeigt er auch heute noch besondere Konzentration, zurückhaltende, erst leicht balsamische Aromatik, die sich erst langsam öffnet, spürbares, wenn auch abgerundetes Tannin und grosse Länge. Braucht etwas Belüftung, besitzt weiter Reifepotenzial.


Langoa Barton 1982 

17.5 Punkte

Diese Flasche hat uns vor einigen Jahren restlos davon überzeugt, dass auch Langoa problemlos reifen kann und sogar muss. Sie ist bis heute nicht verblasst: gewiss sehr reif mit den Noten von Rumtopf, gleichsam süss scheinende, volle Textur, abgerundet, jetzt fertig zu trinken.


Langoa Barton 1995 

18 Punkte | 2017 bis 2025

Superbe Aromatik des grossen Bordeaux, noch verblüffend jugendlich, balsamische Noten, Gewürze; eleganter als die meisten Weine dieses Jahrgangs, harmonisch, dicht, Tannin mit Schliff, perfekte Harmonie.


Mauvesin Barton 2014 

16 Punkte | 2020 bis 2027

Die Familie hat beträchtlich in dieses Gut der AOC Moulis investiert. An dem hervorragenden 2014 kommen diese Investitionen voll zum Tragen: Von verblüffender Klasse, mit Präzision gekeltert, stilvoll, elegant, hat Klasse. 

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