Winzerlegende: Ernst Triebaumer, Burgenland

Besuch bei «E.T.» 


Text: Rudolf Knoll, Fotos: Sabine Jackson

  • Ernst Triebaumer
    Besuch bei Ernst Triebaumer, Burgenland
  • Ernst Triebaumer
    Ernst Triebaumer sorgt dafür, dass seine Schweine nicht hungern.
  • Ernst Triebaumer
    Auf Augenhöhe mit den Schafen
  • Bohnenstrudel
    Wenn Mutter Margarethe Bohnenstrudel auftischt, strahlt die ganze Familie.
  • Ernst Triebaumer
    Bohnenstrudel auf dem Tisch - guten Appetit!
  • Ernst Triebaumer
    Der Bohnenstrudel ist familienintern fast so legendär wie der Blaufränkisch Mariental 1986.

«E.T.» war mal ein Kinohit von Steven Spielberg. Aber «E.T.» steht auch für einen bedeutenden österreichischen Winzer, nämlich Ernst Triebaumer aus Rust. Ihm werden in Sachen Qualität ausserirdische Fähigkeiten attestiert. Sein besonderer Hit kommt aus der Riede Mariental. Mit dem Blaufränkisch 1986 sorgte er für einen Urknall in Österreich. 

Überraschung! Es gibt ihn tatsächlich noch. Plötzlich stand eine Flasche des legendären Weines von unserer Winzerlegende auf dem Tisch, die 1988 deutlich machte, dass Österreich zu grossen Rotweinen fähig ist, und damit einen Rotwein-Boom in Austria einläutete. Den Blaufränkisch 1986 von der Riede Mariental, der bei einem grossen VINUM-Test in Wien vor 28 Jahren mit glatten 18 Punkten bewertet wurde, hatten wir längst als «ausgetrunken» vermutet. Denkste. «Weil die Kinder bemerkt haben, dass ich manchmal zu grosszügig war, wenn nach diesem Wein gefragt wurde, räumten sie ein Restposten auf die Seite und verweigerten mir den Schlüssel», schmunzelt Ernst Triebaumer aus Rust am Neusiedlersee. «Nur bei besonderen Gelegenheiten rücken Herbert und Gerhard eine Flasche raus», ergänzt seine Gattin Margarethe, die seit 44 Jahren mit ihrem Ernst verheiratet ist.

Die «Kinder» sind schon ziemlich erwachsen. Herbert ist Jahrgang 1972, Gerhard erblickte 1981 das Licht der Welt. Der mittlere Sohn, Richard (1973), entschied sich für die Landwirtschaft. Tochter Else (1984) lebt heute in Oberösterreich, betreibt Gartenplanung und züchtet Schafe und Hühner. Schon vor einigen Jahren übergab der Vater, in Österreich als «E.T.» bekannt, den Betrieb seinen Söhnen. «Eigentlich darfst du über mich gar nichts schreiben. Ich bin Rentner und arbeite nur noch auf Anfrage mit», meint der Senior. «Aus der Kellerverantwortung habe ich mich schon vor über zehn Jahren zurückgezogen.» Trotzdem bleibt der immer noch drahtige, schlanke 68-Jährige für seine Fans wie im Blockbuster als Winzer der «Ausserirdische».

«Ich bin Rentner und arbeite nur noch auf Anfrage mit. Aus der Kellerwirtschaft habe ich mich schon vor über zehn Jahren zurückgezogen. Die Verantwortung haben meine Buben. Aber sie arbeiten nach meiner alten Devise, die lautet: ‹Im Weingarten die Natur beobachten, viel tun, imKeller lieber faul sein.›»

Dass er mal ein Grosser der österreichischen Weinszene wird, war ihm nicht unbedingt vorgezeichnet. Als er in den 1960er Jahren einen kleinen Betrieb mit fünf Hektar übernahm, der noch mit dem Bruder geteilt werden musste, liefen die Geschäfte schlecht. «Wir haben etliche Kunden verloren, weil wir nicht die damals üblichen süssen, einfachen Weine zu bieten hatten.» Seinen Buben empfahl er später sogar, dass sie sich einen anderen, soliden Beruf auswählen sollten, weil ihm die Zukunft im Weinbau nicht sicher erschien. So ist Gerhard gelernter Tischler und kann stolz darauf verweisen, dass die Ofenbank aus Nussbaum im Haus sein Werk ist. Herbert lernte Elektriker und arbeitete schon ein Jahr als Mechaniker, als ihn der Vater 1991 bat: «Komm heim.» Lachend erinnert sich der älteste Sohn: «Alle meine Freunde wussten, dass ich mal Weinbauer werden würde. Nur ich nicht.» Er holte die Winzerlehre nach, arbeitete zu Hause für einen Gesellenlohn («ich wollte auf eigenen Füssen stehen») und avancierte später noch zum Winzermeister. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Name Ernst Triebaumer schon einen sehr guten Ruf, und auch das Schlimmste für die Gemeinde Rust war überstanden. 1985 erschütterte der Glykol-Skandal Österreich. «Rust-Neusiedlersee» stand als Herkunftsangabe auf vielen Flaschen mit gepanschtem Inhalt, obwohl kein einziger dieser Weine auf Ruster Gemarkungen gewachsen war – ein trauriger Treppenwitz der damaligen Weingesetzgebung. «Wir haben monatelang kaum eine Flasche verkauft», erinnert sich Margarethe. Aber dann kehrte die Kundschaft reumütig zurück und war auch bereit, für besseren Wein mehr zu bezahlen. 

Bereits gute Weine vor 1986

Durch den Skandal wurden in Austria verkrustete Strukturen aufgebrochen. Aber ohne Glykol wäre Ernst vielleicht früher «E.T.» geworden. «Ich habe schon vor dem 1986er gute Rotweine gemacht. Den 1985er habe ich erstmals in 300-Liter-Eichenfässer gelegt. Auch der 1983er und der 1971er waren sehr gute Weine. Nur hatte uns keiner entdeckt», erzählt er im Rückblick. Womit wir wieder beim 1986er angelangt sind, den Herbert inzwischen entkorkt hat. Über die exzellenten, von den Söhnen verantworteten 2013er, 2009er und den noch vom Senior vinifizierten 1997er («wie alles in den 1990er Jahren super») haben wir uns vorgetastet. Ernst schenkt höchstpersönlich ein und erinnert sich: «Das war ein günstiger Jahrgang für hohe Qualität. Die Trauben waren fast überreif.» Wir notierten 1988 in VINUM: «Sehr opulenter Wein mit viel Schmelz und einem Hauch Süsse, fruchtbetont, grosses Potenzial.» 28 Jahre später ist die Farbe immer noch frisch, kein Ansatz von Reife erkennbar. Der Wein zeigt Temperament, ein schönes Säurespiel, wirkt eher zartgliedrig und hat trotzdem einen langen Abgang.

Eine genaue Beobachtung der Natur ist eines der Geheimnisse für die Qualität der Weine von Ernst Triebaumer. Im Lauf der Jahre erkannte er, welche Sorten in welcher Riede am besten gedeihen. Aushängeschild ist natürlich die Flur Mariental, in der er nicht Alleinbesitzer ist, aber immer schon die überzeugendsten Weine produzierte. Während hier Lehm, Braunerde, Löss und Kalkstein im Boden dominieren, sind es bei der zweiten wichtigen Flur für Blaufränkisch, Oberer Wald, Kalk und Lehm. Im Weinberg schätzt er die genetische Vielfalt und amüsiert sich darüber, dass Rebschulen bei ihm Material abschneiden, es vermehren und später als Selektion Triebaumer verkaufen.

Die Arbeit in den Reben war ihm immer wichtiger als die Kellerwirtschaft. Seine Devise: «Im Weingarten viel tun, im Keller faul sein.» Im Keller wurde er vor allem aktiv, als die Rebfläche langsam wuchs. Vor knapp 20 Jahren waren es noch 11, heute sind es 20 Hektar. Ernst erweiterte den Keller durch Buddelei im Untergrund, was ihm in Rust den Spitznamen «Maulwurf» einbrachte und manche vermuten liess, er habe schon die halbe Freistadt unterkellert. Seine Reaktion entsprang dem für ihn typischen Mutterwitz: Seit einigen Jahren gibt es eine Cuvée aus Blaufränkisch, Cabernet Sauvignon und Merlot, genannt «Maulwurf». Was ihm immer sehr am Herzen lag, war und ist das alte Ruster Prädikat «Ausbruch». Der Name der edelsüssen Weine kommt von der mehrstufigen Selektion am Stock, dem «Ausbrechen» der geeigneten, mit Botrytis (Edelfäule) befallenen Beeren. Der Weintyp trug schon im 17. Jahrhundert zum Wohlstand von Rust bei. Er wurde am kaiserlichen Hof in Wien ausgeschenkt. Mit 30 000 Liter Ausbruch und 60 000 Gulden erkaufte sich 1681 das damals zu Ungarn gehörende Rust vom Kaiser das Freistadtrecht mit einigen Privilegien. Ernst Triebaumer, Gründungsmitglied bei der 1991 konstituierten Vereinigung Cercle Ruster Ausbruch, ärgerte sich immer, wenn andere Regionen in Österreich die Bezeichnung für Süssweine nutzten.

Eine besondere Genugtuung bescherte ihm vor gut zehn Jahren VINUM im Rahmen einer Süssweinverkostung in der Österreichischen Weinakademie in Rust. Ins Stechen der sechs höchstbewerteten Ausbruchweine waren fünf Gewächse aus Rust dabei. Dass seine beiden Söhne den Betrieb in seinem Sinn weiterführen und es zu keiner Zäsur kommt, hat er selbst schon etwas vorbestimmt. «Ich habe die Zügel immer straff  gehalten und mich bemüht, sie zu kritischen, selbstbewussten Menschen zu erziehen.» Beruhigt hat es ihn, dass sowohl Gerhard mit Stephanie als auch Herbert mit Claudia Frauen fanden, die Bezug zum Weinbau haben und sich im Betrieb engagieren. Er hat auch registriert, dass eine vernünftige Arbeitsteilung praktiziert wird. Gerhard hat im Keller die Hauptverantwortung, Herbert ist viel in den Weinbergen und sitzt gern auf dem Traktor. Die beiden diskutieren oft miteinander, wenn es um grundsätzliche Entscheidungen geht. «Wir sind schon mal unterschiedlicher Meinung», verrät Herbert. «Dann wird am  nächsten Tag noch mal miteinander geredet und eventueller Groll begraben.» 

Schafe als Mitarbeiter

Einige Änderungen hätte der Vater, das gibt er offen zu, nicht angepackt. «Das ist in der Verantwortung der Buben, darüber rege ich mich nicht auf.» So gibt es seit einigen Jahren die Linie Urwerk mit ungeschwefeltem Sauvignon Blanc und Blaufränkisch sowie einem Grünen Veltliner mit 14-tägiger Maischegärung à la Orangewein. «Wir wollten da einfach mitreden», lacht Gerhard. Gereift sind die Weine in grossen Holzfässern, mit langem Lager auf der Hefe. An der Stabilität ist nichts auszusetzen. In den Reben wurde der immer schon betriebene naturnahe Weinbau noch forciert. Seit 2008 sind alle Flächen begrünt, und es werden rund 50 «Mitarbeiter» beschäftigt, nämlich Schafe. Die Vierbeiner erledigen das Mähen, sorgen für Dünger, einen lockeren Boden und sind sogar beim Ausblättern hilfreich. Elektrodrähte verhindern, dass sie ihre Areale verlassen.

Gut erzogen sind die Schafe zudem. Wenn Herbert im Weinberg zwei-, dreimal laut pfeift, traben sie an und freuen sich über ihr Futter. Die Folge all dieser Massnahmen sind lebendige Rebanlagen mit Maulwürfen im Boden, Bienen, Schmetterlingen, Vögeln und jeder Menge Nützlingen. Neben einigen Rebzeilen wird auch in grösserem Stil Gemüse angebaut. Das kann dann zum Beispiel Margarethe Triebaumer gut verwerten. Besonders freuen sich alle Triebaumers, wenn der arbeitsaufwändige Bohnenstrudel auf dem Speiseplan steht. Denn der ist familienintern fast so legendär wie der Blaufränkisch Mariental 1986. 

Gehaltvolle Gewächse

Etwa zwei Dutzend Weine enthält die aktuelle Liste des Hauses. Die Preise sind nicht abgehoben. Auch die 47 Euro für den Blaufränkisch Mariental sind angemessen. Einsteigen kann man bereits für 4 Euro (süffiger Rosé). Der preiswerteste Blaufränker kostet lediglich 6 Euro, ebenso der günstigste Weisswein (Grüner Veltliner). 

 

Ausbruch 2

19 Punkte | 2016 bis 2050

Nach einer längeren Durststrecke reichte es bei diesem Jahrgang wieder für das wertvolle, typische Ruster Prädikat. Die Cuvée aus Welschriesling, Grünem Veltliner und Chardonnay ist goldfarben, duftet nach Bitterschokolade und Orangenschalen und präsentiert sich im Geschmack schmelzig, cremig, mit intensiver Frucht, raffiniert und rassig zugleich. 

 

Blaufränkisch Mariental 2

18.5 Punkte | 2017 bis 2030

Ein enormer Extrakt ist durch die Kirchenfenster im Glas erkennbar. Im Aroma feine, animierende Brombeere; ein Hauch Eukalyptus, komplex, viel Feuer, vielschichtig, angenehm reife Gerbstoffe, noch etwas verschlossen, aber grosses Potenzial. 

 

Blaufränkisch Oberer Wald 2

16.5 Punkte | 2016 bis 2024 

Gewissermassen der Zweitwein nach dem Mariental; schon deutlich zugänglicher. Im Aroma Brombeere und Sauerkirsche, etwas Zimt; geschmeidig, elegante Facetten, feine Würze, temperamentvoll; ausdauernd im Abgang. 

 

Chardonnay Pandkräftn 2

16.5 Punkte | 2016 bis 2020 

Wein von 50 Jahre alten Reben; Apfel und Kräuterwürze im Duft; viel Schmelz und cremige Fülle im Geschmack, sehr ausgewogen, gute Spannung. 

 

Sauvignon Blanc Vogelsang 20

15.5 Punkte | 2016 bis 2020

Ein Beweis für die Haltbarkeit der Weissweine des Hauses ist immer noch im Verkauf. Zarte Paprika und Stachelbeere im Bouquet; straff, würzig, lebhafte Säure, wirkt knackig frisch.

 

Blauburgunder Ruster Berg 2

17 Punkte | 2017 bis 2025

Wein aus eigener Rebenselektion; typische kühle Note im Aroma, mit zarter Cassis und Himbeere; sehr komplex, feine Würze, druckvoll und vielschichtig. Unfiltriert gefüllt wie alle hochwertigen Rotweine des Hauses. 

 

Syrah Hammelburg 2

17 Punkte | 2016 bis 2025 

Etwas Tabak, Eukalyptus und Pfeffer im Aroma; sehr dichter, konzentrierter, feuriger Wein, richtig urwüchsig, geradlinig, lang im Abgang.

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