Winzerlegende: Franco Biondi Santi, Montalcino

Am Hofe des Brunello-Königs  

Text: Christian Eder, Fotos: Sabine Jackson

  • Franco Biondi Santi
    Franco Biondi Santi in seinem Wohnzimmer
  • Franco Biondi Santi
    Am 7. April ist der grosse Meister des Brunello im Alter von 91 Jahren gestorben. Wenige Wochen zuvor hatte ihn unser Autor in Siena noch besuchen können.
  • Franco Biondi Santi
    Elegant und langlebig sind die Weine von Franco Biondi Santi.
  • Franco Biondi Santi
    Sie erscheinen wie aus einer anderen Welt: von hellem Rubinrot und mit filigranen Aromen.

Franco Biondi Santi war eine facettenreiche Persönlichkeit: tief verwurzelt in der Tradition, aber auch jemand, der auf der Piazza für den Erhalt der Natur Montalcinos demonstrierte. Am 7. April ist der grosse Meister des Brunello im Alter von 91 Jahren gestorben. Wenige Wochen zuvor hatte ihn unser Autor in Siena noch besuchen können. Ein persönlicher Rückblick.

 

Eine hartnäckige Grippe hatte Franco Biondi Santi im Griff und ihn für Wochen nicht mehr losgelassen: Noch ein paar Tage vorher wäre ein Treffen mit ihm gar nicht möglich gewesen. Nun aber sitzt mir die 91-jährige Weinbaulegende an einem stürmischen Februartag in ihrer zwei stöckigen Stadtwohnung in Siena auf einem grazilen hellblauen Sessel gegenüber und erzählt mir von vergangenen Zeiten. Biondi Santi wirkt nach der langen Krankheit noch etwas zerbrechlich, nur seine Augen blitzen unternehmungslustig wie eh und je.

Dr. Franco – wie er von seinen Angestellten genannt wird – ist bester Laune, freut sich schon darauf, in wenigen Tagen wieder nach Montalcino zu fahren – auf seine Tenuta Il Greppo an der Strasse nach Castel nuovo dell’Abate, das Weingut, wo er aufgewachsen ist. Il Greppo ist die Geburtsstätte des Brunello di Montalcino. Hier wurden von Francos Ahnen, Clemente, Ferruccio und Tancredi, die ersten Sangio vese-Klone selektioniert, die heute noch die Basis vieler Brunello di Montalcino bilden: des grossen italienischen Weines, der einen nicht unerheblichen Teil seiner Entstehung der Familie Biondi Santi verdankt.

Dr. Franco erklärt mir seine Philosophie, dass ein gelungener Brunello ein Blend aus verschiedensten Rebbergpositionen ist. So wird er auch in schwierigen Jahren harmonisch, vereint die Vorteile von südlichen Lagen mit denen von nördlichen. Aber nicht alle Rebberge rund um Montal cino seien für Sangiovese geeignet. Der grosse Fehler im Gebiet des Brunello war, dass Sangiovese-Reben auch dort gepflanzt wurden, wo sie nicht hingehören, meint Dr. Franco. Als sein Vater vor etwas mehr als 50 Jahren zu den Mitbegründern des Konsortiums Brunello zählte, waren gerade 60 Hektar für die Produktion von Brunello di Montal cino vorgesehen.

Inzwischen sind es 2400. Der Skandal von 2008 (als auch andere Trauben als Sangiovese unerlaubterweise im Brunello einiger Winzer entdeckt wurden) gab Franco Biondi Santi recht: «In Zonen, die nicht für reinsortigen Sangiovese geeignet sind, braucht man Komplementär trauben – wie in Teilen des Chianti Classico oder beim Vino Nobile di Montepulciano.» Aber mit dem Konsortium hatte er sich dann wieder ausgesöhnt, war ebenso Mitglied geworden wie (fast) alle Brunello-Produzenten rund um Montalcino.

«Wollen Sie einen Caffè oder lieber ein Glas Rosato?», fragt mich Franco Biondi Santi. Für einen Rosato – selbst einen von Dr. Franco – ist es mir zu früh, aber gerne nehme ich den Espresso, und wir marschieren über den Korridor in die kleine Küche. Dr. Franco schnellen Schrittes vor mir und auf seinen Stock gestützt – ein unabdingbares Utensil, mit dem ich ihn seit Jahren kenne. Wer nun meint, eine sündteure Espressomaschine stünde in der Küche der Sieneser Stadtwohnung, der irrt: Eine kleine Nespresso liefert uns den Koffeinstoss, den wir an diesem Nachmittag brauchen. Dr. Franco bedient die Maschine selbst, die Hausgehifin hat heute frei, seine Frau besucht – wie jeden Tag um diese Zeit – die Messe in der Kirche gegenüber.

Degustiert wird mit dem Meister

Einmal im Jahr gehört ein Besuch auf Il Greppo in Montalcino zur Pflicht eines Weinjournalisten: meistens in den Tagen der Anteprima-Veranstaltung des Brunello di Montalcino im Februar.
Denn immer wenn die anderen Brunello-Produzenten ihren neuen Jahrgang zum ersten Mal präsentierten, hielt sich Dr. Franco fern. «Blinddegustationen werden von den
wuchtigen, modernen Typen dominiert», meint er, «da hat ein fragiler Wein keine Chance.» Allerdings konnte jeder Journalist, der wollte, die neuen Jahrgänge der Tenuta Il Greppo direkt auf dem Gut probieren – im Beisein von Dr. Franco, der dazu seine jeweilige Interpretation des Jahrgangs lieferte. Nur dieses Jahr war eine Ausnahme: Franco Biondi Santi verbringt die Anteprima-Tage in Siena. Sehr zu seinem Leid wesen: Man merkt ihm an, wie gern er in Montal cino wäre. Als sein Vater Tancredi begann, Brunello zu produzieren, gab es wenige Weine rund um Montalcino – und schon gar keinen langlebigen, erzählt er. Damals – zwischen den beiden Weltkriegen – hiess die Kellerei noch Cantina Sociale Biondi Santi e Compagni und hatte ihren Sitz mitten in Montalcino, dort, wo heute die Gemeinde residiert. «Meine Kindheit war sehr glücklich, inmitten einer noch unberührten Natur. Ich erinnere mich an den langen Weg, den ich zurücklegen musste, um von Il Greppo nach Montalcino zur Schule zu gelangen. Oder an das Haus in Siena, wohin ich später übersiedelt bin, um in die Mittelschule zu gehen.»

Der eingefleischte Montalcineser wurde in Siena ein Fan des Palio (des Wettstreits der historischen Stadtviertel in einem Pferderennen). Nur mit einem anderen Steckenpferd seiner Familie, der Jagd, hatte er nicht so viel am Hut wie sein Vater und Grossvater: «Das waren eingefleischte Jäger, ich weniger, mir war das Wandern, das damit verbunden ist, immer zu anstrengend. »Lediglich die Leidenschaft für Jagdhunde teilte Franco mit seinen Ahnen: Eine Handvoll Porter oder Setter sind vollwertige Mitglieder des Haushaltes in Montalcino.

«Blinddegustationen werden von den wuchtigen, modernen Typen dominiert, da hat ein fragiler Wein keine Chance.»

Zum Hochzeitstag ein 1891er

Langsam an seinem Espresso nippend, erzählt Dr. Franco von den Zeiten, als er begonnen hat, auf Il Greppo zu arbeiten: Als Mussolini seinen Einfluss verlor und die Front immer näher rückte, war er es, der eigenhändig die alten Brunello-Flaschen in einem versteckten Raum in der alten Kellerei im Zentrum von Montalcino eingemauert hat. Nur so konnten die legendären Jahrgänge 1888 und 1891, von denen selbst heute noch ein paar Flaschen im Keller von Il Greppo ruhen, die Kriegswirren überleben. «Immer wenn ich diese alten Flaschen sehe», seufzt er, «werde ich an diesen schrecklichen Winter 1944 erinnert.»

Gleich nach dem Krieg und dem Studium der Agrarwissenschaften begann er, im Weinbau zu arbeiten: 1947 auf der Mostra Mercato dei Vini Tipici e Pregiati di Siena hatte die Kellerei Biondi Santi einen gemeinsamen Stand mit der Familie Petri, den Inhabern einer kleinen Fattoria neben Il Greppo. Hier verliebte er sich in die schöne Tochter der Nachbarsfamilie, Maria Floria, genannt Boba, «und wir sind seit damals nie mehr auseinandergegangen». 64 Jahre war er mit Maria Floria verheiratet. Ehe- und andere Jubiläen waren für Dr. Franco auch seltene Gelegenheiten, seine ältesten Brunello zu öffnen. So geschehen beim 60. Hochzeitstag im Juni 2009: Die Heilige Messe wurde im Kloster Sant’Antimo bei Montalcino gefeiert, angestossen wurde mit einer Riserva des Jahres 1891, einer von damals noch sechs Flaschen. In den 50er Jahren kümmerte sich Franco nicht nur um die elterliche Kellerei, sondern auch um die seiner Frau und den Betrieb für landwirtschaftliche Maschinen seiner Schwiegereltern. «Manchmal fuhr ich, um das alles unter einen Hut zu bringen, mehr als 500 Kilometer am Tag mit meinem Fiat 500. Aber was tut man nicht alles, wenn man verliebt ist?»

Der Aufstieg des Brunello di Montalcino begann aber erst in den 60er Jahren, 1967 wurde das Konsortium Brunello di Montalcino gegründet. «Damals begannen die Italiener, für ihren Weinbau strengere Regeln aufzustellen: Produktionsregeln, die in Frankreich schon hundert Jahre früher Usus waren», erzählt Franco Biondi Santi.
Und seine Augen leuchten stolz, wenn er davon erzählt, dass 1969 in der italienischen Botschaft in London der Präsident der Republik, Giuseppe Saragat, Königin Elisabeth II., Prinz Philip und anderen Gästen den Brunello 1955 vorsetzte, einen legendären Jahrgang.

Dieser und einige andere mehr sind in Dr. Francos Keller zu bewundern: Voller Ehrfurcht verweilen wir vor den staubbedeckten Flaschen mit den alten Kreszenzen. Bis ins Jahr des ersten Brunellos, 1888, würde eine Verkostung führen, all die grossen Jahrgänge 1964, 1955, 1945, 1925 oder auch 1891 sind noch vorhanden. Das Interesse an Biondi Santis Weinen ist nicht nur unter Journalisten gross. Wenn man von einem legendären italienischen Wein spricht, dann fällt nicht selten dieser Name, Weinführer und -zeitschriften zählen ihn zu den Weinen, die man zumindest einmal getrunken haben sollte, und einige ältere Jahrgänge gehören bei Auktionen zu den gefragtesten. Aber was war nun der grösste Jahrgang in der Laufbahn Franco Biondi Santis? 1964, meint er, und 1945. Und von den letzten zehn Jahren vielleicht 2006.

«Aber unsere Weine haben sich über die Jahre verändert: Die Weine meines Grossvaters duften anders als die meines Vaters, und die wiederum unterscheiden sich von meinen.» Und werden auch unterschiedlich gegenüber denen der Nachfahren sein. Wer aber nach ihm die Leitung der Kellerei übernimmt, ist noch nicht entschieden: Sein inzwischen auch schon über 60-jähriger Sohn Jacopo besitzt eine eigene Kellerei bei Montecucco.
Doch die nächste Generation, die Kinder von Tochter Alessandra oder von Jacopo, könnten in die Fussstapfen des Grossvaters treten. Tancredi zumindest, Jacopos Sohn, studiert bereits Weinbau und arbeitet auch schon mal in den Rebbergen und im Keller des Grossvaters. Bis zum letzten Tag kümmerte sich um Il Greppo und seine Weine Dr. Franco selbst: Schon am Sonntag nach unserem Gespräch wollte er wieder seinen Mercedes starten und mit Maria Floria nach Montalcino fahren – er natürlich am Steuer. Und dort hätte man ihn dann bis zur Lese und Einkellerung des neuen Jahrgangs auch antreffen können.

Nur eines wollte er zu seinen Lebzeiten nie ändern: dass Barriques in den Kellern von Il Greppo Einzug halten. Seit mehr als hundert Jahren reifen die Weine von Biondi Santi im grossen Holzfass – das war und ist das Beste, was ihnen passieren kann.

Franco Biondi Santi - Traditionalist durch und durch

Elegant und langlebig sind sie, die Weine von Il Greppo, manchmal – in einem direkten Vergleich mit einem «modernen» Brunello voller Tannin und Dichte – erscheinen sie wie aus einer anderen Welt: von hellem Rubinrot, mit filigranen Aromen und einer hohen Säure, die dem Wein erst seine Langlebigkeit verleiht. Franco Biondi Santi also ein Traditionalist? Durch und durch, versicherte uns der Winzer schmunzelnd, aber Tradition im positiven Sinne, zum Wohle des Weins, nicht aus Sturheit. Die Tradition kostet bei Biondi Santi allerdings auch einiges: Sein Brunello (rund 40000 Flaschen Annata, 12000 Riserva) zählt zu den teuersten in Montalcino. Und auch sein Rosso zählt (mit rund 30000 Flaschen) zu den gefragtesten seiner Art. Fast ausschliesslich am Weingut wird der Rosato verkauft, ein Roséwein aus Sangiovese, von dem gerade mal 4000 Flaschen produziert werden.

«Die Barrique ist eine Nötigung des Weines zur Trinkbarkeit, um ihn früher verkaufen zu können, sie ist für den Sangiovese nicht ideal.»

Weine des Winzers


1 Tenuta Il Greppo – Brunello di Montalcino Riserva 2007

17.5 Punkte | 2016 bis 2024 

 An die ganz grossen Jahrgänge reicht diese Riserva zwar nicht heran, kombiniert aber die traditionelle Machart mit einer überraschenden Offenheit, die erst seit einigen Jahren in den Weinen von Il Greppo zu finden ist. Verführerisch nach dunklen Waldbeeren duftender Wein, auch balsamische Noten; der Auftakt kernig, besitzt vife Säure, aber auch viel Fleisch, endet auf Noten von getrockneten Pflaumen und Tabak.

 

2 Tenuta Il Greppo – Brunello di Montalcino 2008

17 Punkte | 2017 bis 2025

Zurückhaltende Nase, dezente Blüten- und Himbeernoten; im Mund charaktervoll und kernig, lebendige Säure, die ein langes Leben verleiht, sehr klares und langes Finale. Franco Biondi Santi hat dem Jahrgang seine persönliche Höchstnote «exzellent» verliehen – und er musste es mit seiner langen Erfahrung ja wissen.

 

3 Tenuta Il Greppo – Rosso di Montalcino 2009

16 Punkte | 2014 bis 2019

Aus dem Jahr 2009 wird es keine Riserva geben. Der Rosso, dessen Trauben von den jüngeren Rebbergen gelesen werden, gefällt trotzdem mit seiner einnehmenden Himbeeraromatik, seiner frischen Mineralität, der prägenden Säure und dem Finale auf Noten von weissem Pfeffer und Steinobst.

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