Winzerlegende: Jean-Michel Cazes, Bordeaux

Bier auf Wein das rat ich dir


Text: Barbara Schroeder, Fotos: Rolf Bichsel 

  • Jean-Michel Cazes
    Jean-Michel Cazes wollte in seinen jungen Jahren eigentlich Medizin studieren – es kam ganz anders.
  • Jean-Michel Cazes
    Jean-Michel Cazes in seinem Büro im Weiler Bages (l.), umgeben von Erinnerungen an sein Leben und seine Erfolge
  • Jean-Michel Cazes
    Dazu gehört etwa das Wein-Bistro «Café Lavinal»,in dem sich heute die ganze Bordelaiser Weinszene trifft, zu einem Glas Wein – oder hausgebrautem Bier.
  • Jean-Michel Cazes
    Park von Château Lynch-Bages, Wohnsitz von J.-M. Cazes und Herz des Spitzengutes.
  • Jean-Michel Cazes
    Seine breite Weinpalette reicht von Rot bis Weiss und vom trinkigen, preiswerten Graves bis zum exklusiven Cru Classé.

Jean-Michel Cazes gehört zu den wichtigsten Weinpersönlichkeiten der Welt. Er hat die Geschicke des modernen Bordeaux bestimmt, ein weit verzweigtes Familienimperium aufgebaut, einen grossen Weinkonzern geleitet, einen alten Weiler vor dem Verfall gerettet und die Bordelaiser Weingastronomie revolutioniert. Sein jüngster Coup: Er braut sein eigenes Bier. 

Vor 20 Jahren titelte VINUM: «Jean-Michel Cazes, der Gambler mit den Châteaux» und lichtete ihn an einem einarmigen Banditen ab, in der Pose des Winners, der eben den Jackpot einstreicht. Heute sitzt er ruhig und entspannt hinter seinem Tisch, umgeben von anderen Sammelstücken aus seiner bewegten Laufbahn. «Meine Erinnerun genoszillieren zwischen Kitsch und Kunst, guten und weniger guten Momenten.» Da steht dann etwa ein goldener Elvis, Erinnerung an eine Verkostung in Memphis, neben einem Granatsplitter einer amerikanischen Bombe aus dem Cazes-Schrebergarten in Pauillac, eine Grubenlampe aus seiner Studienzeit an der angesehenen Ingenieursschule «École des Mines» neben einer Mao-Büste, Mitbringsel seiner ersten China-Reise. Ein Fossil ist die Flasche Tour du Roc Milan: Das Gut wurde von der gefrässigen Grossstadt Bordeaux verdaut und ist vom Katasterplan verschwunden. Jean-Michel Cazes verkaufte die letzten 2000 Kisten des letzten Jahrgangs, 1962. Der Seitz-Fotoapparat von 1938 war ein Weihnachtsgeschenk seines Vaters André. «Natürlich habe ich sofort gemerkt, dass es sich dabei um die alte Kamera meines Vaters handelte. Wir waren nicht auf Rosen gebettet.»

Auf seinem Tisch gibt es mehrere Computer– und eine Schachtel mit 20 Füllfederhaltern. Briefe schreibt Jean-Michel Cazes immer von Hand, mit violetter Tinte, wie in der Grundschule. «Ein handgeschriebener Brief erzählt mehr über einen Menschen als eine E-Mail.» Jean-Michel Cazes, ein Reaktionär, der sich dem Fortschritt verschliesst? Mitnichten. Eher einer, der geschickt das Beste aus mehreren Welten herauszupicken weiss. Tradition und Fortschritt, französische Lebensart und internationales Marketing, Industrie und Handarbeit.

Begonnen hat alles in einer kleinen Bäckerei in Pauillac, die seine Grosseltern führten. Hier verbrachte er die ersten elf Lebensjahre – bis zur Rückkehr seines Vaters aus deutscher Kriegsgefangenschaft. Die Cazes stammen aus den Pyrenäen.Sie kamen als Schäfer ins Médoc, trieben  ihre Herden im Winter durch die Reben, halfen beim Instandsetzen der durch die Reblaus befallenen Rebgärten, blieben in Pauillac hängen.

André, der Vater, führte eine Versicherungsagentur. Nebenbei kümmerten sich die Cazes um zwei heruntergewirtschaftete Weingüter, die sie schliesslich für ein Butterbrot erwarben. Les Ormes de Pez in Saint-Estèphe und Lynch-Bages gehören bis heute zum Cazes-Imperium. Doch Wein war nur Nebensache für den Grossvater, den Bäcker, den Vater, den Versicherer, den Sohn. Dieser wollte eigentlich Medizin studieren. «Doch mein  Vater hatte sehr klare Vorstellungen von meiner Karriere. Ich sollte werden, was ihm versagt war: Ingenieur.» Jean-Michel Cazes begann 1952 ein Studium in Mathematik, hielt sich erst einmal gerade so über Wasser, begann sich nach und nach für die Thematik zu begeistern, nahm die Hürde der Aufnahmeprüfung für die «Minenschule», absolvierte ein Praktikum bei Renault, spezialisierte sich auf Erdöl-Geologie und brach für 1959 zu einem Studienaufenthalt nach Texas auf. Er lernte so nicht nur fliessend Englisch sprechen, er kam auch zum ersten Mal mit Rassendiskriminierung in Kontakt. «Es gab Toiletten für Männer, Frauen und Farbige.» Was er davon hält? Die Antwort erübrigt sich. Seine Frau stammt aus Afrika, eine seiner drei Töchter ist mit einem Iraner verheiratet, eine andere mit einem Israeli.

Grosskonzerne als Kunden

Seinen Aufenthalt beendete er mit einer Erkundungstour durch einen Teil der Neuen Welt: New York, Chicago, Südamerika. In Kuba kam eben Fidel Castro an die Macht. Ein Zeitungsausschnitt an der Bürowand erinnert an diesen historischen Moment. In Haiti schrieb er Artikel für die lokale Zeitung und finanzierte sich so einen Platz auf einem Bananenfrachter, der ihn von Guadeloupe nach Frankreich zurückbrachte.

Hier erwartete ihn der Militärdienst.  Frankreich steckte mitten im Algerienkrieg. Er wurde als Bodenlogistiker der Luftwaffe zugeteilt. Eine doppelte Chance: Er vermied nicht nur die Front, er erlebte die Geburtsstunde der Informatik mit und erwarb wertvolle Kenntnisse in Computertechnik. IBM rekrutierte ihn daraufhin als kaufmännischen Ingenieur: Bald gehörten Grosskonzerne aus ganz Frankreich zu seinen Kunden, darunter Elektrizitätswerke oder die französische Sozialversicherung. Die berufliche Laufbahn schien gesichert.

Doch erstens kommt es anders, und zweitens hat man einen umtriebigen Tausendsassa als Vater, der sich nicht nur um seine gut gehende Versicherungsagentur kümmert, sondern auch Bürgermeister von Pauillac ist und neuerdings zwei Weingüter am Hals hat, um die sich vorher der Grossvater kümmerte, darunter das klassierte Lynch-Bages, das eine Generalüberholung nötig hatte. «Ich schaffe das alles nicht. Ich werde die Güter verkaufen. Die sind ohnehin nicht rentabel», beklagte sich André bei seinem Sohn. «Und wenn ich nach Pauillac zurückkomme und mich darum kümmere? Deine Versicherungsagentur kann zwei Familien ernähren.» 1971 wurde Jean-Michel Cazes Versicherungsfachmann. Und blieb dabei: Bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2001.

Als Erstes stellte er die Agentur auf elektronische Datenverarbeitung um und begann mit der Instandsetzung der Gutsgebäude aus dem 19. Jahrhundert. Die Erdöl- und die folgende  Bordelaiser Weinkrise überstanden die Cazes nur dank ihrer Agentur. Ein ehemaliger Kuhstall wurde zum Cuvier mit vier Gärtanks. «Wir arbeiteten damals wie im 19. Jahrhundert. Dem Personal fehlte jede Ausbildung, wir wussten nicht einmal, was malolaktische Gärung war.» Jean-Michel Cazes las alles, was er zum Thema Wein finden konnte, darunter ein Werk, das noch heute auf seinem Schreibtisch liegt: das 1896 publizierte Werk «Die Kunst, grosse Weine zu imitieren» von Weinprofessor Jean-François Audibert. «Imitationen funktionieren nicht im Wein. Resultat dieser verschrobenen Philosophie waren die Pantschereien und die daraus resultierende Weinkrise Anfang des 20. Jahrhunderts, was zur Schaffung der Weingesetzgebung und schliesslich der kontrollierten Ursprungsbezeichnung führte. Ich habe mich ein Leben lang für den echten, authentischen, aber auch zeitgemässen Wein eingesetzt, ob er aus dem Médoc stammt, aus Ungarn oder dem Languedoc.»

Durchbruch in den 1980er Jahren

Die Umbauarbeiten auf Lynch-Bages sollten bis 1990 dauern. Gab es grosse Lynch-Bages in den 1950er Jahren, schaffte das Gut seinen endgültigen Durchbruch in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre und wurde künftig unter dem Tisch als «Superdeuxième» gehandelt und in einem Atemzug genannt mit «echten» zweitklassierten Gütern. Sein wachsender Ruf als Weinfachmann drang bis zu Claude Bébear vor, Studienfreund und Präsident des Versicherungsriesen AXA. Er spielte Vermittler beim Kauf von Cantenac Brown und übernahm die neu gegründete Weinabteilung des Giganten, AXA Millésimes. Bald gehörten Güter wie Pichon Baron (Pauillac), Suduiraut (Sauternes), Petit Village (Pomerol), Franc Mayne (Saint-Émilion), Disznókö (Tokaj) oder Quinto do Naval sowie ein eigenes Handelshaus (Compagnie Médocaine) zum wachsenden Portefeuille des Unternehmens: Der Mythos des «Gamblers mit den Châteaux» war geboren.

Jean-Michel Cazes gehört nicht nur zu den Motoren des modernen Bordeaux, die das etwas angestaubte Anbaugebiet wieder zurück zur Weltklasse brachten, indem sie Weinbereitung, Anbau und Marketing revolutionierten. Er gehört auch zu den Förderern moderner Weinarchitektur. «Wir haben uns immer für zeitgenössische Kunst und moderne Architektur interessiert. Das Haus meines Vaters in Pauillac im Stil der Chicagoer Schule der 1950er Jahre ist noch heute revolutionär.» Seit 1989 führen wir auf Lynch-Bages gemeinsam mit einer bekannten Pariser Galerie Ausstellungen durch. Als es darum ging, auf Pichon Baron einen neuen Keller zu bauen, wollte ich etwas Aussergewöhnliches schaffen. Es gibt keine historische Weinarchitektur im Médoc. Alle Châteaux stammen aus dem 19. Jahrhundert.» Das fertige Projekt mit kreisrunder Gärkeller-Kathedrale und integriertem Besucherrundgang war tatsächlich revolutionär und wurde auch mal als Disneyland des Weins verspottet. «Warum nicht? Disneyland hat Erfolg, oder?» Auf die eine oder andere Art hat es alle folgenden Bauprojekte inspiriert.

Wein ist eine Kulturform und wichtiger Teil französischer Lebensart, zu der auch Gastronomie und Gastfreundschaft gehören. Dass Jean-Michel Cazes 1989 ein Luxushotel mit Spitzenrestaurant in Pauillac eröffnete, in dem Starkoch Thierry Marxx Karriere machte, erstaunte kaum jemanden. Nur wenig später kam das legendäre Spitzenrestaurant «Chapon Fin» im Herzen von Bordeaux dazu.

Wer glaubte, Jean-Michel Cazes verbringe nach seiner offiziellen Pensionierung seine Tage mit Philosophieren und Golfspielen, sah sich getäuscht. Weil er sich nicht mehr um AXA Millésimes kümmern musste, hatte er mehr Zeit für sein «Hobby», die Weinbruderschaft Commanderie du Bontemps, der er von 1996 bis 2008 präsidierte, und die eigentlichen Familienaktivitäten. 2002 investierte er in eine der besten Lagen des Minervois, La Livinière, wo er heute Wein und auch feinstes Olivenöl produziert. 2005 erwarb er Domaine des Sénéchaux in Châteauneuf-du-Pape, ein Jahr später kaufte er mit Georges Rouquette 25 Hektar Reben im Dourotal.

Gleichzeitig begann er sich um den Weiler Bages zu kümmern. Mit dem Erwerb von zusätzlichem Rebland kamen eine Anzahl baufällige Gebäude rund um Lynch-Bages in seine Hand. Diese sollten einem neuen Kellerlager weichen. Im letzten Moment pfiff Jean-Michel die Architekten zurück, verlegte das Projekt nach Macau und begann mit der Renovierung der Häuser. 2003 richtete er hier als Erstes eine Bäckerei ein, um an die Familientradition zu erinnern. Später kamen eine Souvenirboutique, ein Bistro, eine Metzgerei, Werkstätten, ein Dorfplatz und ein Kinderspielplatz dazu. Bages ist heute eine der wichtigsten Attraktionen des Médoc, bei Einheimischen ebenso beliebt wie bei Touristen. Cazes Büro befindet sich ebenfalls hier.

Und heute? Nach und nach hat er die operative Verantwortung an seine Kinder Kinou, Marina und Jean-Charles abgetreten. Langweilig wird es ihm trotzdem nicht. Sein jüngstes Abenteuer: Jean-Michel Cazes braut in Pauillac sein eigenes Bier. Es heisst Bages D2, nach der Strasse, an der seine Güter liegen.

Weine für jeden Gaumen

Scheuklappen mag Jean-Michel Cazes gar nicht. Das zeigt schon nur seine breite Weinpalette, die von Rot bis Weiss und vom trinkigen, preiswerten Graves bis zum exklusiven Cru Classé reicht. Hier unsere Favoriten. 

 

«Meine Kinder haben mich voll und ganz unterstützt, als ich mein eigenes Bier brauen wollte. Vermutlich auch deswegen, damit ich sie in Ruhe lasse!»

Villa Bel Air 2011

15.5 Punkte | 2016 bis 2017 

Von fröhlicher, fruchtig-eichenwürziger Art, geschmeidiges Tannin. Die etwas poppigen Eichennoten verzeiht man ihm gern. Besser jetzt geniessen: die Art von Wein, die jedem mundet. 

 

Les Ormes de Pez 2011
Saint-Estèphe

16 Punkte | 2018 bis 2025 und länger 

Von rauchiger Würze, vielversprechend, aber noch verschlossen in der Aromatik; beginnt kantig und herb, das Tannin liegt noch bloss, ist aber von ausgezeichneter Qualität und gibt Halt für lange Kellerreife. Besitzt Stil und Typizität und zeugt von erstklassigem Handwerk. Unbedingt liegen und reifen lassen. 

 

Echo de Lynch-Bages 2012

15.5 Punkte | 2018 bis 2022 

Hübsche Cabernet-Nase; besitzt Stoff und Volumen, gute Fülle und spürbare Struktur; besser noch zwei bis vier Jahre liegen und reifen lassen, hält aber auch länger.

 

Lynch-Bages 2006

17 Punkte | 2018 bis 2030  

Beginnende, aber noch leise Firne, komplex und vielversprechend; kantiger Ansatz mit spürbarem, typischem Pauillac-Tannin, doch auch viel Fleisch, endet frisch und rassig auf schönen, blumig-fruchtigen Akzenten. Unbedingt noch vier, fünf Jahre im Keller vergessen: Solche Weine sind nicht unterzukriegen! Die Note für die Typizität und das Potenzial. 

 

Villa Bel Air 2014

16 Punkte | 2016 bis 2017 

Hübsche Noten von Grapefruitbonbon; erfrischend, saftig, fröhlich und doch mit ansprechendem Gehalt und gewisser Komplexität; die ideale Mischung aus Popmusik und ungezwungener Klassik. Unser Liebling der Verkostung. Den Villa Bel Air 2014 sollte man jung geniessen – die Note für den Spass am Nass. 

 

Blanc de Lynch-Bages 2014
Bordeaux weiss

16.5 Punkte | 2016 bis 2026 

Die leichte Reduktion verschwindet mit der Belüftung rasch, doch die Sauvignon-Noten dominieren deutlich die noch verschlossene Aromatik; im Mund gefällt die Balance von Rasse und Fülle, der erstklassige Ausbau, der noch dominiert. Schöner Blanc und einer der besten weissen Lynch-Bages, zwei Stunden karaffieren und jetzt geniessen oder bis 2018 oder 2022 ruhen lassen und vor 2026 austrinken.

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