Winzerlegende Marco Pallanti, Italien

Visionär des Chianti Classico

Text: Christian Eder, Fotos: Sabine Jackson

Marco Pallanti hat im Herzen des Chianti einige der besten Weine Italiens kreiert und die Chianti Classico Gran Selezione mitbegründet. Aber auch nach 35 Jahren sei sein Weingut Castello di Ama noch «Work in progress», meint er, und er noch immer auf der Suche nach der idealen Symbiose zwischen Wein und Terroir.

Castello di Ama ist ein kleines Borgo, ein Dörfchen mit alten Villen und kleinen Kapellen, umgeben von Olivenhainen und Rebbergen. Es ist Teil der Gemeinde Gaiole in Chianti inmitten einer der reizvollsten Landschaften Italiens: dem Chianti. Castello di Ama ist aber noch mehr. 7000 Besucher jährlich kommen auch wegen einer einzigartigen Kollektion von 13 in ihre Umgebung eingebetteten Arbeiten, die seit 1999 von Künstlern wie Michelangelo Pistoletto, Daniel Buren, Louise Bourgeois, Anish Kapoor oder Hiroshi Sugimoto geschaffen wurden. 

Das Besondere daran: Die Künstler hatten und haben Zeit, sich vom Ort inspirieren zu lassen. Und vom Wein: Denn Castello di Ama ist seit langem ein Aushängeschild des italienischen Weinbaus, sein Macher, Marco Pallanti, gilt als einer der Visionäre des Chianti Classico. Mit einem strahlenden Lächeln erwartet uns der 63-Jährige schon auf dem «Weg des Glücks», dem Chemin du bonheur. Der mit bunten Steinen gepflasterte Weg am Eingang zu Ama ist eine Arbeit des Kameruner Künstlers Pascale Marthine Tayou von 2012. Für Marco Pallanti und uns ist es der Ausgangspunkt eines Spaziergangs durch die Geschichte und Zukunft des Weinguts und seines Önologen.

Unbekannter Sangiovese 

Die Geschichte des Weingutes Castello di Ama begann in den 1970er Jahren, als eine Gruppe von befreundeten Familien Castello di Ama erwarb, um dort Wein zu produzieren. Ein neuer Keller war bald fertig, fehlte nur noch ein Weinmacher. Fündig wurde man 1982 im nahen Florenz: Ein junger Önologe, der seine Ausbildung an der Università di Firenze im Bereich Landwirtschaft absolviert hatte, wollte einen Chianti Classico produzieren, wie die Welt ihn nie zuvor gesehen hatte: Marco Pallanti. «Es sollte der Biondi-Santi des Chianti Classico werden», scherzt er, während wir zu den Kunstwerken wandern, die Ama zu einer Pilgerstätte für Liebhaber zeitgenössischer Kunst machen: Eines der bekanntesten ist die Spiegelwand von Daniel Buren im Garten, in der die umgebenden Hügel mit den Rebbergen und Oliven Teil einer von Fensteröffnungen durchbrochenen Mauer sind. 

Marco Pallanti weist auf die Reben hinter der Wand und meint: «Das sieht heute natürlich ganz anders aus als damals: In den 1980er Jahren mussten wir mit Reben arbeiten, die noch aus den 1960ern stammten, zum Teil auf Masse getrimmt waren.» Man begann, mit verschiedenen Biotypen der Sangiovese zu experimentieren, die Böden wurden wissenschaftlich untersucht, die passenden Klone auf den passenden Terroirs gepflanzt. Pallanti: «Ein Önologe ist nur ein Übersetzer des Terroirs.» 

Neben hervorragenden Lagen für Sangiovese und Malvasia Nera fand man so auch eine für eine Bordelaiser Rebsorte: So entstand auf lehmigem Grund L’Apparita, ein reinsortiger Merlot, der inzwischen als einer der grossen Weine der Welt und als Flaggschiffwein des Gutes gilt. Marco ist besonders stolz darauf. Obwohl ein Merlot, sei auch dieser Wein eine Frucht der Toskana und seines Terroirs. Pallanti: «Ich wollte nie Kopien machen.» Jeden seiner Weine sieht er daher auch als Original, als Frucht eines besonderen Terroirs auf Ama.

Das besondere Terroir

Bei unserem Rundgang sind wir inzwischen im Keller angelangt: Neben den Holzfässern sind auch hier ausdrucksstarke Werke der Ama-Kollektion zu finden: Kendell Geers’ Neon Installation Revolution / Love und Chen Zhen’s La Lumière Intérieur du Corps Humain harmonieren mit dem alten Mauerwerk und den Weinfässern. Während wir den neuen Jahrgang – 2017 – des Sangiovese aus dem Fass probieren, erzählt Marco davon, dass er Stück um Stück in die neue Aufgabe hineinwuchs: 50 000 Reben wurden neu gepflanzt, neue Rebberge zugekauft. 1989 lernte er dann seine spätere bessere Hälfte kennen, Lorenza Sebasti, die Tochter eines der Besitzer von Ama. «Zuerst haben wir uns für drei Jahre beschnuppert, bevor wir ein Paar wurden. 1996 haben wir schliesslich geheiratet.» Drei Kinder sind aus der Ehe entstanden: Die beiden Töchter Norma und Gemma und der inzwischen 21-jährige Arturo. 

«Wenn man in 30 Jahren eine Flasche Chianti Classico öffnet, sollte man das Gebiet, den Boden und die Lage erkennen können.»

Pallanti und Sebasti sind längst Mitbesitzer von Castello di Ama und führen das Gut, als wäre es ihr eigenes. Entscheidungen im Weinberg und im Keller werden gemeinsam getroffen, die Auswahl der Künstler der Kunstprojekte erfolgt gemeinsam mit dem Kurator Philip Larratt-Smith. Aber Lorenza ist und bleibe seine «Inspiration», schwärmt Marco. 
Jüngst haben Pallanti und Sebasti auch das «Ristoro» eröffnet, ein Restaurant, das in einer der Villen von Ama die passende, vorwiegend toskanische Küche zum Wein offeriert. In der Villa Ricucci wurden dazu einige stilvolle Zimmer geschaffen, so können Besucher die Kunstwerke auch zu verschiedenen Tageszeiten begutachten, meint Pallanti. Lorenza habe einmal gesagt, erzählt er, es gäbe eine Analogie zwischen Kunst und Wein: Ob etwas ein Meisterstück sei, könne man erst mit der Zeit sagen. 

Die Spitze der Pyramide

Marco Pallanti beweist uns das mit einer Vertikale seiner 35 Jahre Arbeit auf Ama: Jeweils vier Jahrgänge seiner grossen Weine L’Apparita, Vigneto Casuccia, Vigneto Bellavista und San Lorenzo hat er für uns vorbereitet. Eine Probe, die auch zeigt, wie Pallanti und die Weine von Ama gereift sind: Von den noch etwas unentschlossenen 1980ern über die eleganten 1990er bis zu den harmonischen 2000ern. Die besten Weine? Bellavista 2011 und 2006, La Casuccia 2001 und 1988 und L’Apparita 2011 und 2001 (mehr dazu in unserem VINUM-Extra Top of Toskana in der Ausgabe 11 / 2018).

Drei der vier grossen Weine (Casuccia, Bellavista und San Lorenzo) erscheinen heute als Chianti Classico Gran Selezione, die Spitze der Qualitätspyramide des Chianti Classico. Die Gran Selezione ist in der Zeit entstanden, als Marco Pallanti Präsident des Consorzio war, und hat die Idee der Zonation des Chianti Classico zur Basis, für die Pallanti bis heute vehement eintritt. «Wenn man in 30 Jahren eine Flasche Chianti Classico öffnet, sollte man das Gebiet, den Boden und die Lage erkennen können.» Eines der jüngsten Etiketten von Pallanti heisst übrigens Haiku und ist nach der traditionelle japanischen Gedichtform benannt: Der Name ist Programm, bezieht sich auf die Analogie zwischen japanischem und klassischem Florentiner Stil in Architektur und Kunst. «Form und Inhalt sind in beiden in perfekter Symbiose.»

Der Haiku soll auch etwas die Zukunft von Castello di Ama symbolisieren, er ist ein Blend aus Sangiovese mit Merlot und Cabernet Franc: «Aber trotzdem ein Terroirwein aus dem Chianti», erklärt Marco. «Es gibt auch hervorragende Lagen für andere Trauben als Sangiovese.» Der symbolische Reiter auf dem Etikett, der in den übrigen Etiketten in der Mitte platziert ist, ist beim Haiku bereits nach rechts – in die Zukunft – geritten. Ein Symbol für die Zukunft von Ama selbst? Auch dort ist schon die nächste Generation am Werk: Arturo Pallanti unterstützt seinen Vater bereits im Keller.

Den Haiku geniessen wir schliesslich im Ristoro di Ama zu einer hervorragenden Tagliata vom Rind. Wir blicken von der Terrasse auf die Rebberge des Gutes und die Berge des Chianti dahinter: Eine der schönsten Weinbauzonen der Welt. Dass sie eine der renommiertesten ist, hat sie auch Marco Pallanti zu verdanken. 

Die vielen Facetten des Chianti Classico

Castello di Ama besitzt eine Rebfläche von rund 80 Hektar, die rund um den Weiler Ama in einer Meereshöhe zwischen 450 und 550 Metern liegen. Aufgeteilt ist die Fläche in vier verschiedene Lagen: Bellavista, San Lorenzo, La Casuccia und Montebuoni. Die Basis einer Reihe grosser Weine mit dem goût de terroir.

Chianti Classico Ama 2015

16 Punkte | 2018 bis 2024

Die Trauben des frisch-fruchtigen Basis-Chianti Classico stammen von den jungen Reben der Lagen Casuccia, Bellavista, San Lorenzo und Montebuoni: Herrliche Kirscharomen, auch feine Blütennoten; am Gaumen gute Struktur in Balance mit der Säure; knackig und lang. Fruchtiger Wein, ideal zu Pasta und Fleisch. 

Chianti Classico Gran Selezione San Lorenzo 2011

17.5 Punkte | 2019 bis 2026

Eine Selektion der älteren Pflanzen der vier Reblagen des Gutes, 30 Monate im Keller gereift. Der Château-Wein von Ama verführt in diesem gereiften Jahrgang (aktuell ist 2014 im Handel) mit einer herrlichen Veilchen-Flieder-Aromatik; gute Struktur, gut eingebundene Säure, kraftvolle Tannine, trotzdem elegant und lang. 

Chianti Classico Gran Selezione Vigneto Bellavista 2011 

18.5 Punkte | 2019 bis 2028

Der Rebberg Bellavista wurde 1972 erworben und erstreckt sich über ein 22,82 Hektar grosses Gebiet mit lehmig-kalkhaltigen Böden. Seit 1978 wird auf diesen Rebterrassen in guten Jahren der Einzellagenwein Vigneto Bellavista produziert: würzig-fruchtiges Bouquet; am Gaumen saftig mit geschliffenen Gerbstoffen und einem facettenreichen Finish. Harmonie pur. 

Chianti Classico Gran Selezione Vigneto La Casuccia 2011

18 Punkte | 2019 bis 2026

Lehmig-felsige Böden auf 12,58 Hektar mit einer West-Südwest-Position und etwas niedriger als Bellavista gelegen. Seit 1985 wird hier der gleichnamige Einzellagenwein produziert, 2011 hat etwas Merlot den Sangiovese ergänzt: vielschichtige Nase mit Noten von Beeren und Gewürzen; im Mund rund und saftig, das Tannin geschliffen, schöne Länge.

Toscana IGT Haiku 2015 

17 Punkte | 2019 bis 2025 

Der Haiku ist die neueste Kreation des Hauses Ama, ein Blend aus 50 Prozent Sangiovese mit Merlot und Cabernet Franc. Marco Pallanti: «Es ist die Eleganz des Chianti Classico in einer anderen Interpretation, aber kein Modewein.» Der Jahrgang 2015 gefällt mit dunkelbeerig-würziger Nase, einem kompakt-ausgewogenen Bau und viel Charakter im Finale. 

Toscana IGT L’Apparita 2011

19 Punkte | 2020 bis 2028

Der Flaggschiff-Wein von Ama, der «fast von selbst entsteht» (Pallanti). Seit 1985 wird eine kleine, 490 Meter hoch gelegene lehmige Parzelle des Rebberges Bellavista für diesen reinsortigen Merlot verwendet: Überaus einnehmende Noten von Blüten, Kirschen und Sandelholz; elegant und doch ausdrucksstark am Gaumen, endet überaus facettenreich und lang. Kurz: vereint Schliff und Charakter.

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