Winzerlegende Peter Sisseck, Ribera del Duero

Ich will Klassiker machen!

Text: André Dominé, Fotos: Thomas Fuerer, Carlos Gonzalez Armesto, André Dominé

Die Weinwelt kennt ihn als den Macher des Pingus, eines der höchstbewerteten und teuersten Roten Spaniens. Aber der Däne Peter Sisseck ist ein Mensch, der den Dingen auf den Grund geht. Vor allem dem Boden, den Pflanzen, den Tieren. Und den Weinen. Dabei strebt er nach klassischen Gewächsen. Nicht nur in Ribera del Duero, ebenso in Bordeaux und Jerez.

Der Anfang war hart. Als Peter Sisseck 1990 auf die Hacienda de Monasterio zwischen Pesquera und Valbuena de Duero kam, war nur ein Weinberg bepflanzt, und der nur mit Propfunterlagen. «Es gab kein Geld, und alles war schwierig», erinnert er sich. «Andererseits war es eine faszinierende Arbeit.» Und die Spanier nahmen ihn freundlich auf. Heute hat das Gut, als dessen Direktor er immer noch fungiert, 78 Hek­tar Rebfläche. 25 Jahre lang lebte er dort und bereitete konsequent die Verwirklichung eines Traums vor. Nach und nach erwarb er in der Nachbarschaft Land, bis es sich zum Hof Granja Alnardo zusammenfügte. Vor fünf Jahren begannen die Bauarbeiten. Sein Haus konnte er 2015 beziehen. Nicht weniger wichtig sind ihm die Farmgebäude, die Kuh- und Pferdeställe, das Gewächshaus, die Käserei, die ab nächstem Jahr produzieren soll, die Gärten, die Sonnenkollektoren, die den gesamten Strombedarf decken, und die Weiden. «Wir benötigen die Kühe für die Biodynamie», erklärt er. «Wir nutzen den Kompost nicht als Dünger, sondern als strukturelle Hilfe für die Weinbergböden.» Sein Haus steht hoch am Hang, von wo man weit über das Tal sieht und in der Ferne den Felsen mit der Burg von Peñafiel ausmachen kann. Es ist von einer Fülle mediterraner Pflanzen umgeben. Überall blüht gerade die Schafgarbe. Diesen organischen nachhaltigen Garten, der nicht bewässert werden muss, hat Tom Stuart-Smith, ein berühmter englischer Gartendesigner, angelegt.

«Was frustrierend ist: dass alles so viel Zeit braucht! 18 Jahre vergingen, bevor der neugepflanzte Weinberg wirklich zeigte, wie gut er ist.»


Um zu seinen Weinbergen zu kommen, nimmt er gerne die Strecke über Encinas de Esgueva, die über das Hochplateau führt. «Das Duero-Tal ist ein Canyon. Die echte Landschaft ist hier oben, und die ist völlig flach. Ich nenne diese Weite ‹das Meer von Kastilien›. Besonders im Winter ist es majestätisch.» Anfang der 1990er Jahre brachten ihn die Anfangsschwierigkeiten der Hacienda auf den Gedanken, etwas für sich selbst zu machen. Pingus sollte der Wein heissen, nach seinem eigenen Kosenamen aus Kindertagen, und er sollte auf alten Reben basieren. In Pesquera fand er die nicht, wohl aber in La Horra, einer anderen Gemeinde im berühmten Goldenen Dreieck der Ribera. Er konnte 1995 die Trauben aus einem 1929 gepflanzten Weinberg in bester Hanglage kaufen. «Der Wein, den ich machte, war wirklich besonders. Ich brachte ihn nach Bordeaux zu meinen Freunden, meiner Familie, meinem Onkel. ‹Wow, das ist ein grosser Wein!›, meinten sie. Wir beschlossen, zu versuchen, ihn en primeur zu verkaufen. Das wurde zuvor noch nie mit einem spanischen Wein versucht. 
Es wurde ein grosser Erfolg. Ich lancierte ihn für 135 Francs. Das war der Preis von L’Eglise Clinet und Pichon Comtesse – ein guter Preis für einen unbekannten Wein. Ich verkaufte alles innerhalb von zwei Tagen.» Weinkritiker wie René Gabriel und Stephen Tanzer bewerteten ihn mit Höchstnoten, bevor Robert Parker ihm 98 von 100 Punkten verlieh und orakelte, dass dieser Wein eine Legende würde und einer der grössten Weine sei, die er jemals verkostet hätte. Als dann auch noch die erste Sendung von Pingus in die USA mit dem Frachter unterging, spielte der Preis absolut verrückt. Über Jahre war Pingus der teuerste spanische Wein.

 

Gewusst wie

Natürlich wollte der Pingus-Importeur in den USA sofort mehr Menge. Aber die gab es nicht. So beschloss man, dass Peter einen zusätzlichen Wein machen würde: Flor de Pingus. Nach einigen Problemen pachtete er dafür 1999 die halbe Finca Villacreces einschliesslich Keller und produzierte ihn dort bis 2003. In der Zwischenzeit gründete er das Gut Dominio de Pingus, indem er die Parzellen von Pingus und weitere Weinberge in La Horra kaufte, so dass Flor de Pingus ab 2004 ein Villages-Wein wurde und Pingus weiterhin der Grand Cru blieb. Unglaublich, aber 1995 landete Peter Sisseck dort einen Volltreffer. Denn nur die allerersten Parzellen, die er für Pingus verwendete, besitzen dieses absolut herausragende steinige Terroir, auf dem sich Kies und Kalk auf ganz besondere Weise mischen. Seit sie ihm gehören, pflegt er sie aufwendig, seit Anfang der 2000er Jahre biodynamisch. Geht man heute durch die Rebzeilen, fühlt sich der Boden wie ein Flauschteppich an. Auch die inzwischen 33 Hektar von Flor de Pingus bearbeitet er biodynamisch, darunter alte Parzellen, aber auch Neuanlagen in Massenselektion. «Was frustrierend ist: dass alles so viel Zeit braucht! 18 Jahre vergingen, bevor der neugepflanzte Weinberg wirklich zeigte, wie gut er ist», klagt er.
Sein Hauptkampf gilt den alten Reben. Statt sich für deren Erhalt einzusetzen, gibt es viele Bodegueros, die lieber mit allen Tricks der Weinbautechnik neu pflanzen, um hohe Erträge und damit hohe Gewinne zu erzielen. Als durch diese verquere Weinbaupolitik in La Horra 60 Hektar alter Weinberge gerodet wurden, brachte ihn das so auf, dass er 2007 das Projekt PSI initiierte, um alte Reben in den Dörfern der Ribera zu retten. Er bietet Familien, die alte Weingärten bewirtschaften, einen guten Preis für ihre Trauben, aber auch Beratung und Hilfe, um die Qualität zu steigern. Dabei ist eklatant, dass es heute dafür oft an Wissen fehlt. Mit gleichdenkenden Kollegen hat er deshalb eine neue Initiative gestartet. «Wir sind dabei, eine Weinbauschule zu gründen, wo die Leute alle die Weinbautechniken lernen können, die fast verloren gegangen sind. Wir müssen Leute zurückgewinnen, die stolz auf die Arbeit sind, die sie in den Weinbergen machen», sagt er und fährt fort, «Leute sprechen über die neuen Rebkrankheiten wie Esca, aber ein grosser Teil der Probleme beruht auf schlechtem Rebschnitt.» Mit Pablo Rubio, seiner rechten Hand beim PSI-Projekt, bezieht er inzwischen Trauben aus 841 Parzellen von über 500 Weinbauern, und sie erzeugen 320 000 Flaschen Ribera del Duero, der die Region auf sehr überzeugende Weise zum Ausdruck bringt. «Ich bin sehr stolz und glücklich mit Pingus und dem Wein, den wir dort machen. Ich bin mir aber bewusst, dass Wein nicht nur Trophäen-Wein sein soll. Ich finde, dass Wein bezahlbar sein sollte, erreichbar und nachhaltig. Nachhaltig heisst für mich: mit geringem Input.» Wie PSI.

 

Der rote Faden

Zu Bordeaux hat Peter immer den Kontakt gehalten, insbesondere zu Saint-Émilion. «Ich war oft dort, habe Freunde in der Gegend, und ich mag es.» Mit seinem Schweizer Freund Silvio Denz übernahm er 2010 das Château Rocheyron auf dem historischen Kalkplateau von Saint-Émilion. Sechs Jahre benötigte er, um die 8,45 Hektar auf Biodynamie umzustellen. «2016 ist der erste Wein entstanden, mit dem ich richtig glücklich bin. Und stolz», gesteht er. Aber schon hat er eine neue Herausforderung gefunden, und zwar in Jerez. Mit anderen Freunden erwarb er die Solera des Fino Camborio und zehn Hektar bester Albariza-Böden. «Jerez ist einer der grössten und originellsten Weissweine, die es gibt. Die Herkunft ist dabei wichtig, nicht der Prozess. Und das wollen wir beweisen!» Gibt es denn da ein Bindeglied? «Ich war nie darauf aus, einen modernen Wein zu machen. Mir geht es darum, klassische Weine zu machen. Deshalb liebe ich es, in Saint-Émilion zu arbeiten und in Jerez! Es gibt eine sehr direkte Linie zwischen den beiden Orten und Ribera del Duero. Das sind alles Kalksteinböden. Das ist meine Arbeitslinie. Kein Schiefer, kein Granit, nur Kalk.»


Immer dem Kalk nach

Peter Sisseck hat den Bogen raus. In welcher Weinregion er auch anpackt, es kommen Meisterwerke dabei heraus. Sein Geheimnis? Er setzt an der Basis an: dem Boden. Der muss für ihn kalkreich sein und lebendig. Dafür ist ihm kein Aufwand zu gross, keine Übergangszeit zu lang. Dass ihm dann Erfolg beschert wird, ist nur natürlich.


Bodegas y Vinedos Alnardo, Aranda de Duero, Castilla y Léon Ribera del Duero DO PSI 2015 

16.5 Punkte | 2018 bis 2030

Dieser Wein entstand aus dem Projekt PSI, mit Trauben alter Reben von über 500 Weinbauern. Intensive rote Früchte, dezente Würze, Noten von Minze und Kakao; attraktive Frucht, Wildkräuter, schönes Volumen, spannende Tannine und eine gute Länge.

Dominio de Pingus, Quintanilla de Onésimo, Castilla y Léon Ribera del Duero DO Flor de Pingus 2016

18.5 Punkte | 2018 bis 2041

Der Villages-Wein aus La Horra. Wunderschön floral mit feiner Vanillewürze und Toastnoten, viel dunkler Frucht, aber noch etwas verschlossen; am Gaumen mit seidiger Textur, viel Kirsche, dann ausgeprägt mineralisch, dabei sehr ausgewogen und 
äusserst elegant. 

Dominio de Pingus, Quintanilla de Onésimo, Castilla y Léon Ribera del Duero DO Pingus 2012 

20 Punkte | 2018 bis 2042

Der am höchsten bewertete Wein in Peter Sissecks Karriere. Beginnt sich zu öffnen. Ausgesprochen vielschichtig, floral mit eleganter Frucht und Würze, Kräutern und Leder; samtig, extrem feine, präsente Tannine, enorm spannend und dynamisch mit superbem mineralischem Finale. 

Bodegas y Vinedos Alnardo, Aranda de Duero, Castilla y Léon Ribera del Duero DO PSI Gran Reserva 2013 

17 Punkte | 2018 bis 2043

Peters Wiederbelebung der Gran Reserva. Nach 39 Monaten Ausbau im Januar 2017 abgefüllt. Balsamisch, intensive Wildkräuter, Kirschen, Rauch; saftiger Ansatz, Kakao, Tabak, raffinierte Tanninstruktur und eine gute Frische. Noch nicht ganz trinkreif, aber mit viel Potenzial. 

Château Rocheyron, Saint-Christophe-des-Bardes, Bordeaux Saint-Émilion AOC Grand Cru 2016

18 Punkte | 2023 bis 2045

Der Durchbruch nach der sechs Jahre dauernden Umstellung des Gutes auf Biodynamie. Intensiv, Veilchen, Himbeeren, Cassis, dezente Würze, sehr präzise und elegant; wunderbare Frische und Finesse mit exzellenten Tanninen, sehr ausgewogen und lang.

Bodega San Francisco Javier, Jerez de la Frontera, Andalusien Jerez DO Fino

19 Punkte | 2020 bis 2050

Die weiterentwickelte Camborio-Solera. Brillanter Goldton; sehr intensiv und komplex, Hefe, Heu, Mandeln, Kamille, feine Röstnoten; die gleichen Aromen, nun mit feinem Rancio, nussig, salzig, vibrierend und enorm lang: ein ganz grosser Fino. Abfüllung im Frühjahr 2020. 

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