Best of Niederösterreich
Achtmal Niederösterreich
Text: Harald Scholl, Foto: OeWM / WSNA

Wie schmeckt Niederösterreich? Nach Riesling aus der Wachau? Grünem Veltliner aus dem Weinviertel? Rotem Veltliner vom Wagram? Oder doch Blaufränkisch aus Carnuntum? Wer sich jetzt für eine Antwort entscheidet, hat schon verloren. Denn acht Weinbaugebiete machen aus einem Land eine ziemlich erstaunliche Weinwelt.
Niederösterreich ist ein Sonderfall. Einerseits ist es Österreichs grösstes Weinbaugebiet, rund 27 000 Hektar gross. Andererseits sagt diese stattliche Klammer erstaunlich wenig darüber aus, was später im Glas landet. Acht spezifische Weinbaugebiete versammeln sich darunter, vom Weinviertel im Norden bis zur Thermenregion im Süden, von der Wachau im Westen bis Carnuntum im Osten. Alle acht tragen inzwischen DAC-Status.

Wer Niederösterreich auf Grünen Veltliner und Riesling reduziert, liegt nicht falsch. Er macht es sich nur recht bequem. Denn natürlich prägen die beiden Sorten das Bild. Fast jede zweite Rebe ist ein Grüner Veltliner, Riesling folgt mit deutlichem Abstand. Vor allem entlang der Donau sind die Rollen verteilt. Die Wachau, das Kremstal und das Kamptal stehen für jene Weissweine, mit denen Österreich international Karriere gemacht hat. Nur schmecken sie erfreulicherweise nicht alle gleich. Die Wachau liefert dafür schon landschaftlich die grosse Bühne. Das enge Donautal zwischen Melk und Krems gehört zum UNESCO-Welterbe, viele Weingärten liegen auf steilen Terrassen. Kristalline Gesteine dominieren in den Steillagen, Löss findet sich in geschützteren Partien. Riesling liebt die kargeren, felsigen Standorte, Grüner Veltliner darf etwas mehr Fleisch ansetzen. Und als wäre DAC nicht schon genug Herkunft, hält die Wachau an Steinfeder, Federspiel und Smaragd fest. Für Aussenstehende klingt das nach Ornithologie, Falknerei und Edelsteinhandel, im Glas funktioniert die Sache erstaunlich gut.

Unsere Verkostung bestätigte den Ruf der Wachau, ohne ihr einen Freifahrtschein auszustellen. Der beste Riesling der Probe kam aus Rossatz, weitere Weine aus bekannten Rieden lagen weit vorne. Aber ein Durchmarsch wurde daraus nicht. Prestige darf bestätigt werden, aber nicht automatisch gewinnen. Das Kremstal schliesst östlich an und macht die Geologie noch etwas unübersichtlicher. Rund um Krems und Stein prägen kristalline Gesteine die Hänge, weiter östlich liegen mächtige Lössterrassen, südlich der Donau rund um Göttweig Granulit mit dünnerer Lössauflage. Riesling kann hier straff und mineralisch auftreten, Grüner Veltliner auf Löss dagegen voller und würziger. Dazu treffen kühle Einflüsse aus dem Waldviertel auf wärmere Luft aus dem Osten. Ziemlich viele Möglichkeiten also, sich nicht festlegen zu müssen.

So zeigte es sich auch im Glas: mal salzig und fest, mal saftig und fruchtig. Das Kremstal machte wenig Theater. Es lieferte. Auch eine Qualität. Im Kamptal wird die Sache wieder diffiziler. Löss ist wichtig, daneben finden sich Schotter, Sandstein, kristalline Gesteine und Konglomerate. Und dann ist da der Heiligenstein, geologisch ohnehin ein Kapitel für sich.
«Grünen Veltliner gibt es auch anderswo. Die Herkunft aber, die Stilistik und Typizität einer Region ausdrückt, ist unaustauschbar.»
Johannes Schmuckenschlager, Präsident Österreichischer Weinbauverband
Seine uralten permischen Gesteine sorgen seit Jahren dafür, dass Weinfreunde über Steine sprechen, als hätten sie Geologie studiert. Vor allem Riesling kann hier Kraft, Reife und Spannung zusammenbringen. In unserer Probe war das Kamptal das Gebiet mit der höchsten Dichte an Spitzenweinen. Auffällig war weniger ein gemeinsamer Geschmack als ein gemeinsames Rückgrat. Zitrusfrucht und Stein, reifes Steinobst, Kräuter, Reduktion, manchmal deutlicher Phenolgriff: Die Stilistik wechselte, doch der Zug blieb. Herkunft bedeutet eben nicht Uniformität. Sonst könnten wir uns die Sache mit den Lagen auch sparen.

Ein Veltliner ist nicht genug
Spätestens am Wagram bekommt die Geschichte einen neuen Dreh. Die Donau teilt das Gebiet, im Norden liegen die mächtigen Lössformationen, für die der Wagram berühmt ist. Löss speichert Wasser und passt hervorragend zu Grünem Veltliner. Nur wäre es schade, dort aufzuhören. Denn hier hat auch der Rote Veltliner seine wichtigste Heimat. Die weisse Sorte verdankt ihren Namen der rötlichen Färbung der reifen Beeren, ist mit dem Grünen Veltliner aber nicht unmittelbar verwandt. Wer Rebsortenkunde gerne logisch hätte, ist in Österreich ohnehin nicht immer an der richtigen Adresse.

Der Wagram erwies sich als Schweizer Taschenmesser unter den Herkünften. Grüner und Roter Veltliner, Riesling, Zweigelt und sogar Pinot Noir tauchten weit vorne auf. Besonders der Rote Veltliner zeigte, dass er mehr sein kann als eine regionale Fussnote. Kraft und Würze bringt die Sorte ohnehin mit, die besseren Weine verbanden das mit Frische und Eleganz. Dass ein Roter Veltliner die Kategorie der niederösterreichischen Spezialitäten gewann, passte ins Bild. Noch grösser, sehr viel grösser, ist das Weinviertel. 13 841 Hektar machen es zum grössten spezifischen Weinbaugebiet Österreichs. Vom Manhartsberg im Westen bis zur slowakischen Grenze und von der Donau bis nach Tschechien reicht eine Landschaft, bei der der Begriff «Gebiet» fast niedlich wirkt. Mehr als die Hälfte der Weingärten liegt auf Löss, die gemeinsame Klammer heisst Grüner Veltliner. Und natürlich «Pfefferl». Kaum ein Aromawort ist enger mit einer österreichischen Herkunft verbunden. Mit dem Jahrgang 2002 wurde das Weinviertel zur ersten österreichischen DAC, der klassische Typ sollte fruchtig, würzig und pfeffrig sein. Das gab der Region Profil, gelegentlich aber auch ein enges Korsett im Kopf der Konsumenten. Denn Weinviertler Veltliner kann längst mehr. Unser Sieger in der Kategorie Grüner Veltliner kam aus dem Retzer Land, zwei weitere Weinviertler standen ebenfalls ganz vorne. Das Traisental ist klein, aber keineswegs leise. Mit weniger als tausend Hektar gehört es zu den kleinsten Gebieten Niederösterreichs. Grüner Veltliner prägt rund 60 Prozent der Fläche, Riesling spielt die zweite Hauptrolle. Löss, kalkreiche und schottrige Böden sowie der starke Einfluss kühler Luft aus dem Alpenvorland geben dem Gebiet eine ausgeprägt frische Handschrift. Dass drei Veltliner unter den Top Ten unserer Probe landeten, passt da ja ziemlich gut ins Bild.

Und plötzlich wird es rot
Südlich von Wien ändert sich die Tonlage gründlich. Die Thermenregion zieht sich am Rand des Wienerwaldes nach Süden und liegt an jener geologischen Bruchzone, der sie ihre Thermalquellen und ihren Namen verdankt. Im Norden rund um Gumpoldskirchen bestimmen Rotgipfler und Zierfandler die Identität, weiter südlich rücken Pinot Noir und St. Laurent ins Zentrum. Die Sortenliste sagt ziemlich deutlich: Die Veltliner-Riesling-Komfortzone liegt hinter uns. Ihre Stärke lag in unserer Verkostung nicht in spektakulären Höchstnoten, sondern in Eigenständigkeit. Rotgipfler und Zierfandler brachten reife Frucht, Würze und Säurespannung ins Spiel, St. Laurent und Pinot Noir die kühlere, feinere Seite des roten Niederösterreichs. Nicht jedes Gebiet muss eine Probe gewinnen. Manche müssen nur unverwechselbar sein. Und dann Carnuntum. Gut 800 Hektar Rebfläche, aber eine klare Identität. Zwischen Wien und der slowakischen Grenze trifft pannonische Wärme auf Lehm, Löss, Sand und Schotter. Zweigelt ist die Leitsorte, Blaufränkisch besitzt vor allem am Spitzerberg eine besondere Stellung. Carnuntum ist mehrheitlich Rotweinland, und das merkt man ihm an. Auch unsere Probe endete hier folgerichtig mit Rot. Der beste Blaufränkisch kam aus Carnuntum, weitere Zweigelt und Cuvées unterstrichen das Bild. Dabei ging es weniger um schiere Kraft als um Frische, Würze und Tanninstruktur. Wärme muss schliesslich nicht automatisch Schwere bedeuten.
Selbst damit ist das Bild nicht komplett. In der Verkostung gab es auch starke Sekte, dazu Neuburger, Chardonnay und andere Sorten. Für solche Weine bleibt die Herkunft Niederösterreich selbst ein sinnvoller Raum. Die grosse Klammer ist keineswegs überflüssig, sie funktioniert nur anders als die spezifischen Gebiete darunter.
Am Ende bleibt deshalb eine Erkenntnis, die sich schlecht auf ein Werbeplakat drucken lässt: Den niederösterreichischen Wein gibt es nicht. Rechtlich natürlich schon, im Glas wird es komplizierter. Die Wachau, das Kremstal und das Kamptal zeigen, wie verschieden Riesling und Grüner Veltliner entlang der Donau auftreten können. Das Weinviertel beweist, dass Grösse und Anspruch zusammengehen, am Wagram steht neben dem Grünen auch der Rote Veltliner im Rampenlicht. Das Traisental setzt auf Präzision, die Thermenregion pflegt ihre eigenen Sorten, Carnuntum denkt rot. Acht Gebiete, acht Handschriften. Und wer danach noch wissen möchte, wie Niederösterreich schmeckt, bekommt die einzig seriöse Antwort: Es kommt darauf an, wo man die Flasche aufmacht.