Hotspot Zürich

Bodega Española

Es gibt Geschichten, die können nur hier passieren. Sonst nirgends in Zürich und vielleicht auch sonst nirgends auf der Welt. Ein Zürcher Künstler kehrt nach 15-jährigem Exil in New York in seine Heimat zurück, besucht am ersten Abend die Bodega, setzt sich zu einer Runde von flüchtigen Bekannten von damals, worauf ihn einer fragt: «Lange nicht mehr gesehen, warst du in den Ferien?» Und während der Rückkehrer noch mit offenem Mund da sitzt, kommt Santiago, das Kellner-Urgestein, an den Tisch und schenkt ihm automatisch den Rioja Crianza ein, den er vor 15 Jahren immer trank. Es gibt hier auch den englischen Gentleman, der um Mitternacht einen Tempranillo nippt, neben sich eine Tasche von Grieder. Eigentlich hatte ihn seine Frau nach dem Lunch nur schnell von ihrer Hotelsuite im «Baur au Lac» in die Luxusboutique geschickt, um ein Kostüm abzuholen, doch dann lief der arme Mann zufällig an der Bodega vorbei, wurde magisch ins Innere gezogen und vergass die Zeit. Die Kellner übrigens, die schon seit Jahrzehnten hier arbeiten, heissen Santiago, Sindo, Manuel und Ramon und haben immer einen guten Spruch auf Lager. Wenn sie mit einem teuren Gran Reserva durchs Lokal laufen und einer der Stammgäste frech sein leeres Glas hinhält, heisst es schon mal: «Zu teuer für dich, Kumpel, aber kannst du machen eine Fotokopie!»

Noch bis nach dem Krieg lagerte der Wein hier in Holzfässern im Keller. Ein edelsüsser Garnacha, der ewig im Fass schlummerte, wurde Mitte der 60er Jahre in Flaschen abgefüllt und galt noch in den 90er Jahren als Geheimtipp für Eingeweihte. Das Interieur der Weinstube ist seit 1951, als die Familie Winistörfer das Lokal übernommen hatte, dasselbe. Nur der alte Ölofen wurde vor 20 Jahren durch einen Gasofen ersetzt. Das gutbürgerliche spanische Restaurant im ersten Stock, dessen Interieur seit 1874 nie verändert wurde, ist eine Welt für sich. Es gibt Stammgäste, die seit Jahrzehnten unten in der Weinstube sitzen und noch nie die Treppe hochgestiegen sind. Doch gerade unter diesen Parterresitzern gibt es noch etliche, welche die Bodega als ihre Wohnstube bezeichnen. Gibt es ein schöneres Kompliment für ein Wirtshaus? Im Gegensatz zu den wilden 60er und 70er Jahren, wo sich hierein paar filmreife Szenen abgespielt haben, gehen heute alle brav um Mitternacht nach Hause, auch wenn das Lokal bis zwei Uhr morgens offen bleiben dürfte. Und doch findet man hier noch immer bedeutend mehr Originale als Langweiler. Manche Zürcher würden lieber aufs Grossmünster verzichten, als auf ihre Bodega Española.

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