Travel like a Pro

48 Stunden in der Weinregion Goriška Brda

Text: Ursula Geiger

  • Malerisches Šmartno | Fotos: Damijan Simčič, istockphoto / pleshko74

Flagship-Stores und Luxusmarken gibt es in Brda nicht. Doch die traumhaft schöne Hügelregion ist perfekt für langsam Reisende, die mehr Genuss und aktive Erholung suchen als den Shopping-Kick und das Abhaken von In-Plätzen für das Social-Media-Profil. Nach dem Motto: mehr Genuss und Kultur, weniger Kommerz und Dichtestress.

Was für ein Paradies! Hinter jeder Kurve auf der schmalen Strasse eröffnen sich neue Ausblicke auf eine Landschaft, die ein bisschen an das Auenland in «Herr der Ringe» erinnert. Auf jedem Hügel thront ein Dörfchen. An die Flanken schmiegen sich Weinberge. Weiter unten in den Tälern wachsen Obst- und Olivenbäume. Dazwischen wühlen Schweine in ihrem Gehege nach Leckerbissen, Pferde grasen auf der Koppel, und Esel wälzen sich im Sand. Dieses Kleinod liegt eingebettet zwischen Adria und Alpen in Slowenien und ist von Venedig und Triest aus mit dem Auto gut erreichbar. Brda – Hügel auf Deutsch – umfasst 72 Quadratkilometer und ist die Heimat von 5600 Menschen, die in über 40 Weilern leben. Die Traumlandschaft ist ein weisser Fleck auf der Landkarte der Schnellreisenden und darum wohltuend entschleunigt, still und pur. Brda schliesst direkt an die italienische Weinregion Collio an. Collio gleich Brda gleich Hügel. In dieser grenzübergreifenden Weinregion herrschten schon die Habsburger, die Italiener, das Königreich Jugoslawien und die blockfreie Republik Jugoslawien. Bis zur Unabhängigkeit von Slowenien 1991 zählte Brda zu den strukturschwachen Regionen in Europa. Heute erweist sich das als Glück, denn die Brda ist ländlich geblieben und setzt auf den Weintourismus. Die 600 Gästebetten finden sich teils in Hotels, öfter auf den Bauernhöfen mit Bed & Breakfast, wo man verwöhnt wird mit hervorragenden Weinen der Region, köstlichen Würsten, Rohschinken und im Sommer mit frisch gepflückten Kirschen, Aprikosen und Pfirsichen. Brda liegt am Alpe-Adria-Trail, der vom Grossglockner bis ans Meer führt. Weitwanderern ist das versteckte Paradies darum als Etappenstation bekannt. Darauf baut der Tourismus in Brda. Biken, wandern und sich in den zahlreichen Bächen abkühlen gehört zum Programm. Wer es weniger anstrengend mag, nimmt das E-Bike oder die Vespa. Kultur, Geschichte und Kunsthandwerk in den behutsam sanierten Dörfern lassen staunen. «Made in China»-Kitsch gibt es hier nicht. Nur Produkte aus der Region werden im Tourismusbüro verkauft, das übrigens jeden Tag offen hat.

Orange-Wine-Rebelen im Schlarafenland

Für die Winzer der Region ist das Collio der ≪italienische Teil von Brda≫, für die Collio-Winzer ist es gerade andersrum. Beide Regionen haben eins gemeinsam: Die Konglomeratsboden aus Mergel, Sandstein und einem Anteil Lehm heissen Opoka (Ponka) und die Rebsorte Rebula (Ribolla). Letztere eignet sich hüben wie drüben hervorragend für die Bereitung von Orange Wine. In Brda hat die junge Generation Winzer die Gelegenheit beim Schopf gepackt, wirtschaftet biodynamisch und keltert hervorragende Naturweine, die sehr gut reifen können. Wer Interesse zeigt und danach fragt, darf gerne degustieren. Rebula-Trauben reifen auf den Opokaboden deutlich besser aus und bringen mehr Aromatik in den Wein. Herrlich geradlinig sind auch die Schaumweine der Region. Die junge Generation Winzer hat auch begriffen, dass die gemischten Betriebe mit Obstbau und Viehhaltung kein Hemmschuh, sondern eine Riesenchance sind, die Region als das zu erhalten, was sie ist: ein kleiner Garten Eden mit authentischen Weinen und Produkten.

 

7.30 h Aufwachen in Šmartno

Das Hiša Marica ist Hotel und Restaurant. Hier isst und trinkt man vorzüglich, entweder im rustikalen Gastraum oder auf dem Gässchen unter grossen Sonnenschirmen. Der Gastgeber baut seinen eigenen Wein aus. Die Zimmer sind grosszügig und komfortabel. Kein Lärm stört die Ruhe, denn der historische Ortskern ist autofrei. Früh aufstehen lohnt sich. Vor dem Stadttor lässt sich der Sonnenaufgang bewundern, der die Hügel in sanftes Licht taucht. Am Horizont blitzt die Adria. Fur Übernachtungen unbedingt rechtzeitig buchen.

Hiša Marica
Šmartno 33, 5211 Kojsko

info@marica.si

 

10 h Im Frühtau zur Brücke

Die Wahl zwischen den acht Wandertouren, alle benannt nach den traditionellen Kirschsorten der Region, fällt nicht schwer. Die Route Trcinka lockt mit einem erfrischenden Halt am Bach. Ideal für ein Picknick aus Aprikosen und Pfirsichen, die an Ständen entlang der Strasse Richtung Peternel, dem Start und Ziel der Tour, verkauft werden. Höhepunkt ist die glatt gewaschene Natursteinbrücke über den Wildbach Kožbanjšček. Flussabwärts hat der Bach ein sanfteres Bett mit flachen Naturbecken geschaffen, die zum Baden einladen. Weil eh kaum jemand den Weg kreuzt, kann man textilfrei im kühlen Nass plantschen.

www.brda.si

13 h Schwein & Orange Wine

Klinec ist ein Traum. Schon die Tafel am Hoftor macht klar, wie der Hase hier läuft. Fastfood und Cola gibt es nicht. Auf den Tisch kommt, was der Hof hergibt. Pancetta und Prosciutto crudo zergehen auf der Zunge. Der Rebula, als Orange Wine ausgebaut, ist so animierend, dass wir unter der lauschigen Laube beinahe zu tief ins Glas schauen. Bemerkenswert ist die alte Terroir-Klassifikation der Region, die Aleks’ Etiketten schmückt und die zeigt, dass Collio und Brda zusammengehören. Die Anreise mit dem eigenen Auto erweist sich als Segen. Wir kaufen Wein und Prosciutto crudo, den Bruder Uros Klinec ein paar Häuser weiter verkauft.

Aleks & Simona Klinec
Medana 20, 5212 Dobrovo
www.klinec.si

15 h Kulturelles Erbe

Vor rund 15 Jahren war der historische Ortskern von Šmartno halb zerfallen. Im Dachgeschoss des Brda-Hauses kann man sich an einem Dokumentarfilm über das bäuerliche Leben aus den 1950ern ergötzen und erfährt, dass 1953 eine Gruppe Ethnologen aus Ljubljana hier Station machte, um die Lebensumstände der Menschen in Brda zu erforschen. Das Grenzgebiet zu Italien war damals ein weisser Fleck auf der Landkarte. Im Erdgeschoss wird es bunt. Hier verkauft Tanja ihre Keramikwaren. Sie formt Frauenbüsten und Fische, denn ihre Liebe gilt allem Leben aus dem Meer. Ihr Freund Boro Leban schnitzt Löffel in allen Grössen und Formen aus dem Holz alter gefällter Obstbäume der Region.

www.gearusjan.com.wix/gallery
www.lesnikwoodcraft.com

16 h Kunst im Wehrturm

Im runden Wehrturm, gleich hinter dem Stadttor von Šmartno, hat Luka Sirok sein Atelier. Das Kunststudium in Venedig hat er 2007 abgeschlossen. Anschliessend lebte und arbeitete er ein Jahr in Berlin. Seit 2008 ist er im Turm eingemietet. Ein mit rotem Samt bezogenes Sofa steht unter dem Fenster mit dem atemberaubenden Ausblick. Diverse bunte Skulpturen füllen den Raum. Unzählige Mappen mit Zeichnungen lehnen an den Wänden. Einmal düster, dann wieder farbenfroh ist Lukas’ Kunst. Bei minus sechs Grad hat er im Turm feinste Tuschezeichnungen angefertigt. «Wenn die Bora im Winter von den Bergen fegt, ist es hier drin eiskalt.» Besuch nach Voranmeldung.

www.ateliersiroksmartn.wixsite.com

18 h Open-Air-Arien

Das frisch renovierte Renaissance- Anwesen Vila Vipolže in Dobrovo ist das Schmuckstück der Region und gleichzeitig eines ihrer kulturellen Zentren mit einem sehenswerten Museum. Hier unterhält Brda Tourismus ein Büro und organisiert übers Jahr verteilt Anlässe und Events. Höhepunkt der Saison ist der Opernabend unter freiem Himmel. Dieses Jahr gastierten hier Chor und Solisten der Oper Maribor.

Vila Vipolže
Vipolže 29, 5212 Dobrovo
www.vilavipolze.eu

10 h Friedenspark

609 Meter hoch ist der Monte Sabotin, der durch eine Fahrstrasse gut zu erreichen ist. Sportliche lassen das Auto auf dem ersten Parkplatz stehen, planen mehr Zeit ein und meistern die sanft ansteigenden, durch lichte Wälder führenden Pfade zu Fuss oder mit dem Mountainbike. Durchaus möglich, dass ein ausgebüxtes Grautier den Weg kreuzt. In Zeiten des Grossen Kriegs, der die Region einmal mehr zwischen die Fronten brachte, waren die Esel wichtig für den Transport von Nachschub. Eine Tour durch den Park Miru (Friedenspark) zeigt eindrücklich die Geschichte des umkämpften Hügels. Anschliessend geniesst man in der Berghütte eine herzhafte Vesper mit Wurst und Wein.

www.sabotin-parkmiru.si

13 h Speisen im Gredič

Auch Gegensätze machen den Charme Brdas aus. Im Schloss Gredič speist man gediegen in elegantem Interieur. Der Stil geht Richtung Fusionsküche. Im Sommer stehen herrlich leichte Fischgerichte auf der Karte. Ein willkommenes Kontrastprogramm nach all den vorangegangenen deftigen Schinken und Würsten. Empfehlenswert sind die Menüs mit Weinbegleitung. Sehr stylish ist der Champagner- Tempel, ausstaffiert mit allem, was in der Schaumweinszene Rang und Namen hat. Die Hotelzimmer im Gredič sind stilvoll und luxuriös eingerichtet. Hotel- und Tagesgäste profitieren vom Pool mit einem herrlichen Blick in die Rebberge.

Gredič
Ceglo 9, 5212 Dobrovo
www.gredic.si

15 h Im Keller mit Marjan

Valeria und Marjan Simčič bewirtschaften Rebberge in Brda (14 Hektar) und im italienischen Collio (6 Hektar). Marjans Grossvater kelterte Wein für die K.-u.-k.-Monarchie, der Vater für Italien und Jugoslawien und er selbst nun für Slowenien. Trauben, die auf den regionaltypischen Opokaböden wachsen, werden separat ausgebaut. Die Rebula- Trauben von bis zu 63-jährigen Rebstöcken ziehen bis zu vier Tage auf der Maische. Für die hervorragende Wurst, die Marjan zum Tasting reicht, zieht der Knoblauch im Rebula.

Simčič Marjan Family Estate
Ceglo 3b, 5212 Dobrovo
www.simcic.si

17 h Skulpturale Huldigung

Auch wenn die Region kleinteilig und ländlich ist, die Landschaft hat etwas Erhabenes, etwas, dem man sich nur schwer entziehen kann. Darauf baut das Werk von Ivan Skubin. Sein Atelier samt Garten liegt in Breg, einen Katzensprung entfernt von der Grenze zu Italien. Skubin selbst bezeichnet sich als «Handwerker für Ton». Die Skulpturen «Guardians of the Threshold» stehen in seinem Garten und öffnen einmal mehr den Blick für die ausserordentliche Schönheit von Brda. Sie erinnern an Totempfähle, die mehr Hüter denn Grenzwächter sind. Die kleineren Werke des Plastikers zieren auch das Hiša Marica in Šmartno, Ausgangspunkt dieser Reise. Ivan Skubin empfängt, wenn er nicht gerade in den Metropolen dieser Welt ausstellt, gerne Besucher. Er spricht Slowenisch und Italienisch, doch seine Partnerin springt als Dolmetscherin ins Englische gerne ein. Am besten sind Terminabsprachen mittels E-Mail.

Ivan Skubin
Breg 6, 5212 Dobrovo
www.ivanskubin.si

19 h Wein und Brot

«Kruh in Vino» (Brot und Wein) heisst die brandneue Weinbar in der Vila Vipolže. Die Barhocker sind aus Kork. Den riesigen Tisch unterm Kronleuchter und den Tresenzieren die Namen der Winzer aus Brda. Und genau deren Wein gibt es hier zu trinken. Die Crus können hier auch flaschenweise zu Ab-Hof-Preisen gekauft werden. Im Offenausschank wechselt das Angebot alle zwei Wochen. Bereits nutzen Stammgäste das Konzept, um immer wieder neue Weine aus Brda zu entdecken. Dazu geniesst man Gnocchi und Pogača, oder besser «Pogaccia». Üppig belegt mit Tomate und Mozzarella oder mit Sardinen und Oliven ist der saftige Teigfladen eine herzhafte Mischung aus Balkan und Italianità. An der Bar werden die Speisen übrigens auf emaillierten Tellern serviert. «So wie früher bei unseren Grosseltern», lächelt Nermin. Wer im Restaurant an weiss gedeckten Tischen essen möchte, muss unbedingt reservieren.

Kruh in Vino
Vipolže 29, 5212 Dobrovo
www.kruhinvino.si

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