Überraschend kombiniert

Cheesecake und Riesling

Text: Daniel Böniger, Foto: Martin Hemmi

Jeder kennt Geheimtipps bei der Kombination von Wein und Speisen. Zum klassisch amerikanischen Cheesecake serviert VINUM-Autor Daniel Böniger eine deutsche Riesling-Spätlese.

 

Gute Partys hinterlassen Spuren.Und so beginnt diese Geschichte alles andere als zufällig am Tag nach meinem 33. Geburtstag: Ich stand zu Hause vor dem Kühlschrank, öffnete ihn. Guckte nach, was ich mir als krönenden Abschluss des Tages zu Gemüte führen könnte. Mein Blick fiel auf eine angebrochene Flasche Riesling von der Mosel. «Okay», dachte ich. Dann entdeckte ich ein übrig gebliebenes Viertel eines Cheesecakes. Mir kam nochmals das Fest vom Vortag in den Sinn: Was für eine gute Idee meiner Frau es doch gewesen war, mir statt eines Schokoladenkuchens diese amerikanische Spezialität zu backen. Ich bin nämlich kein Freund allzu süsser Desserts – doch fürs Wiegenfest muss es bekanntlich Kuchen sein, nur schon wegen der Kerzen… Mit gefülltem Glas und Teller installierte ich mich vor dem Fernsehgerät, in dem aller Wahrscheinlichkeit nach eine banale Quizshow lief.

Bei Mariagen vertrete ich eigentlich das Terroirprinzip: Dass ich Fondue mit Schweizer Chasselas kombiniere, ist eine Selbstverständlichkeit. Mir leuchtetes ein, dass spanische Oliven am ehesten zu Sherry passen. Und ohne Frage passt zu gebackenen Eglifilets aus dem Genfersee ein Aligoté aus der nahen Region am besten. Umso grösser war wenig später meine Überraschung vorder Glotze: Denn gänzlich unerwartet beseelte plötzlich deutsch-amerikanische Freundschaft meinen Gaumen. Und das ging so: Obwohl der Cheesecake nur leicht gesüsst war, wirkte der erste Bissen ziemlich mastig und mundfüllend. Reflexartig griff ich zu meinem Weissweinglas und nahm einen grossen Schluck zum Spülen. Dann begann eine sinneserweiternde Achterbahnfahrt: Erst wirkte der Riesling wie frisches, klares Quellwasser. Allmählich wurde die leichte Restsüsse spürbar. Schliesslich machte sich der Wein erst breit und zeigte sein ganzes Aromenspektrum, um dann im Abgang sogleich wieder ganz schlank, konzentriert und mineralisch zu werden.

Ich probierte nochmals: einen Bissen Kuchen, einen Mundvoll Wein. Diesmal achtete ich ganz genau auf die Biskuit-und Käsearomen, die kurz darauf in saftiger Apfeligkeit ertranken. Wow! Und gleich noch mal... Das Programm, das währenddessen in der Flimmerkiste lief, war plötzlich weit weg. Ich wiederholte das Prozedere wieder und wieder. Gott sei Dank hatte der Wein gerade mal acht oder neun Alkoholprozente – denn schon bald stand ich erneut im Licht des offenen Kühlschranks, goss Riesling nach, hob das letzte Stück meines Geburtstagskuchens auf den Teller.

Ja, seither muss die Torte an meinem Jahrestag aus Käse sein. Und auch wenn ich ein ausgesprochener Liebhaber von edlem Champagner bin – bei dieser Gelegenheit kann ich ausnahmsweise darauf verzichten, weil mir eine leicht restsüsse deutsche Riesling-Spätlese nebenher noch um Längen feierlicher erscheint.

Versuchen Sie’s!

Die Speise

Auch wenn es in aller Herren Länder verschiedene Rezepte für «Käsekuchen» gibt – hier ist die Rede vom typisch amerikanischen Cheesecake, der im Ofen gebacken wird. In Mitteldeutschland heisst das Dessert umgangssprachlich auch Quark-, in Österreich Topfentorte. Der Kuchen besteht im Wesentlichen aus einer cremigen Masse, die aus Frischkäse, Joghurt, Eiern und Zucker zubereitet wird. Für den Boden werden zerstossene Löffel- oder Butterbiskuits verwendet. Wer will, kann frische saisonale Früchte wie Himbeeren oder Aprikosen zum Kuchen geben, allerdings macht dies die Kombination mit dem Riesling schwieriger. In den USA ist «Strawberry Cheesecake» besonders beliebt: Er wird nach dem Backen mit einer süssen Erdbeerkonfitüre bestrichen. Weil die US-amerikanische Regierung in den 60er Jahren einen solchen Cheesecake als Teil des Notvorrats für einen allfälligen Atomkrieg empfahl, gelangte die Rezeptur zu einiger Berühmtheit.

Der Wein

Ob der deutsche Riesling für diese Mariage tatsächlich von der Mosel kommen muss, sei dahingestellt. Was es braucht, ist leichte Restsüsse; ein Alkoholgehalt von ungefähr 8,5 Prozent ist ideal. Beim Nachverkosten für diese Zeilen wanderte die Spätlese Wolfer Goldgrube 2005 vom Weingut Vollenweider in Traben-Trarbach ins Glas, die sehr gut mit dem Cake harmoniert hat.

Die Mariage

Wo beginnen? Soll man sich erst einen kräftigen Schluck Riesling genehmigen, damit der Mund so richtig parat ist für den deftigen Kuchen? Oder füllt man sich den Gaumen erst ordentlich mit cremiger Tortenmasse, um ihn dann mit dem Riesling zu erfrischen? Beides funktioniert vortrefflich – probieren Sie’s einfach aus! Achten Sie jedoch darauf, dass der Wein etwas kühler serviert wird als der Cheesecake; dann ist die Abfolge von üppig-deftiger Speise und filigranmineralischem Getränk besonders akzentuiert und eindrücklich. Und schon erleben Sie deutsch-amerikanische Freundschaft in vollster Harmonie.

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