Hut ab!

Bordeaux 2017

  • Clos des Lunes
  • Lafaurie Peyraguey

Wie immer prüfte Rolf Bichsel, assistiert von Barbara Schroeder und Elodie Colin, alle Fassmuster während dreier Wochen unter optimalen Bedingungen an exklusiv für VINUM organisierten Sitzungen. Frostbedingt verkostete er weit weniger Weine als in einem «normalen» Jahr und konzentrierte sich dabei vor allem auf Weine, die in einigen Wochen in Subskription zu haben sind und im Frühjahr 2020 ausgeliefert werden.

Die Zeichen standen schlecht. «Jahre mit Sieben gelingen nie in Bordeaux, behaupteten die einen und die anderen doppelten damit nach, dass nach drei guten Jahrgängen einfach nicht ein Vierter folgen konnte. Ende April sah es dann tatsächlich so aus, als kriegten die Kaffeesatz-Leser recht: Zwei Tage mit Morgenfrost dezimierten je nach Ort null bis 80 Prozent der zu erwarteten Ernte. Der trockene Sommer schien die Auguren dann wieder Lügen strafen zu wollen. Doch glücklicherweise regnete es im September drei Wochen lang. Die Pessimisten jubelten und urteilen den 2017 endgültig ab. Einmal mehr war ein Jahr gebrandmarkt, bevor die Trauben auf die Kelter kamen. Als wir Anfang April zu unserem dreiwöchigen Verkostungsmarathon aufbrachen, schauten uns die Besitzer und Weinhebammen doch ziemlich betreten und ängstlich an. Nun gehört dieses psychologische Kriegsspiel halt einfach zu Bordeaux. Wir tun es gemeinhin mit einem Schulterzucken ab und verlassen uns auf unsere Nase und unsere eigene Erfahrung. Und die unterscheidet sich doch stark von der schon früh kolportierten.

Erstens hat der Frost sehr ungleich zugeschlagen und gar nicht demokratisch. Die historischen Terroirs des linken Ufers und damit der klassierten Güter überstanden ihn fast unbeschadet. Auf vielen dieser Güter erfroren nur Reben, die nach 1855 dazu gekauft wurden und ohnehin kaum je für den Spitzenwein dienen. Grundsätzlich litten tiefe Lagen und solche, die weiter entfernt von der Gironde liegen. Am rechten Ufer sieht die Sache komplizierter aus. Höhenlagen waren klar bevorteilt. Die ominösen drei Wochen Septemberregen kamen ferner nach einem extrem trockenen Sommer (kaum Regen in der ersten Jahreshälfte, heisser Juli, mässig warmer August) nicht ganz ungelegen. Weissweintrauben konnten bei optimaler Reife geerntet werden: Die trockenen Weissen sind generell hervorragend in allen Gebieten. Auch die Sauternes profitierten vom Witterungsverlauf: Hier gibt es zwar wenig Wein (und manchmal gar keinen), doch der ist generell vollmundig, mit öliger Süsse und Frische und Noten von Trockenfrüchten, im Schnitt vielleicht nicht so elegant wie 2015, sonst aber von ähnlichem Kaliber.

Für die Rotweine ist die Sache komplexer. Je nach Lage litten die Merlot effektiv unter dem Regen und der einsetzenden Graufäule und mussten früher geerntet werden, als das vielen lieb war. Doch das hat auch Vorteile: Der Alkoholgrad (meist 13 bis 14 Vol.-%) bleibt erträglich. Die Cabernets (Sauvignon und Franc) widerstanden dem Regen besser und konnten bei guter bis optimaler Reife eingebracht werden. Im besten Fall ergab das sehr ausgewogene, im guten Sinn klassische, aromatisch sehr komplexe rote Bordeaux von besonderer Fruchtigkeit, Rasse und Frische. Nur wer versucht war, Trauben aus zweiter Generation mitzuverwenden, erhielt unreife, bittere, spröde Weine. Auch übertriebene Extraktion lag nicht drin: Herrliche Weine hat im Fass, wer mit Fingerspitzengefühl vinifizierte.

Fazit: 2017 ist eines der spannendsten, interessantesten Bordeaux-Jahre seit langem, ein Jahr, dass nun wirklich keinem anderen gleicht. Allerdings gilt es, die Spreu vom Weizen zu trennen – genau das haben wir für sie getan. Die Weine werden mit einem leichten Preisnachlass auf den Primeurmarkt kommen, je nach Gut in leicht verminderten Mengen. Gerade für Spitzenweine lohnt daher der Primeurkauf. Doch es gibt auch unter den weniger bekannten Gütern Schnäppchen, etwa dort, wo sich der Besitzer entschloss, nur die Trauben aus den besten Lagen zu verarbeiten. Positive Überraschungen sind folglich nicht ausgeschlossen. Wer trinkige, elegante Weine mit Schliff und besonderer aromatischer Klasse mag, wie sie nur Bordeaux liefern kann, sollte um diesen Jahrgang auf keinen Fall einen Bogen machen.

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