Die Kunst des Gleichgewichts
Interview mit Eric Boissenot
Text: Adrian van Velsen, Foto: z.V.g.

Eric Boissenot prägt seit Jahrzehnten den Stil grosser Bordeaux-Weine. Der renommierte Önologe spricht über das Erbe seines Vaters, die Bedeutung von Balance sowie die Herausforderungen einer Weinwelt im Wandel. Seine Antworten zeigen, warum für eine hohe Weinqualität auch in Zukunft Anpassungsfähigkeit, Erfahrung und Respekt vor dem Terroir entscheidend bleiben.
Sie begleiten seit Jahrzehnten renommierte Châteaux in Bordeaux. Wie verlief Ihr Weg als beratender Önologe?
Tatsächlich konnte ich schon sehr früh, unmittelbar nach meinem Studienabschluss im Alter von 21 Jahren, meinen Vater täglich in die klassierten Weingüter begleiten und gemeinsam mit ihm die Assemblagen kreieren. Gleichzeitig beriet ich bereits eigenständig verschiedene Châteaux im Médoc. Natürlich war mir seine Philosophie längst vertraut. Seit meiner Kindheit wurde bei uns am Familientisch intensiv über Wein gesprochen. Dennoch musste ich selbst verstehen, welche Stilrichtungen mich in ihrer Machart, ihrer Extraktion oder ihrem Ausdruck nicht überzeugten. Diese Erkenntnis braucht Zeit.
Wie prägt Sie das Erbe Ihres Vaters Jacques Boissenot bis heute?
Ich denke, dieses Erbe ist heute tief in mir verankert, ähnlich wie eine Sprache oder eine Kultur. Gleichzeitig kann man nie der Klon eines anderen Menschen sein. Während der Zusammenarbeit mit meinem Vater habe ich verstanden, dass verschiedene Wege zu einem vergleichbaren Ergebnis führen können. Jeder entwickelt dabei seine eigene Herangehensweise.
Was unterscheidet die Bordeaux-Weine von heute von jenen früherer Jahrzehnte?
Im Prinzip sehe ich keinen grundlegenden Wandel. Schon immer sprach man von der Suche nach der ästhetischen Vollendung eines Weines und von Harmonie in der Assemblage. Verändert haben sich vor allem die Möglichkeiten, dieses Ziel zu erreichen. Die steigenden Weinpreise erlauben eine strengere Selektion und Investitionen in mehr Genauigkeit. Hinzu kommt das Klima, das uns heute eine deutlich vollständigere Reife der Trauben ermöglicht als noch vor 40 Jahren.
Hat Bordeaux an Eleganz gewonnen?
Ja, insbesondere weil sich Bordeaux stärker auf seine eigene Identität konzentriert und sich weniger vom medialen Druck beeinflussen lässt.
Welche Rolle spielt die Traubenselektion für die Qualität?
Die Selektion ist entscheidend, ohne den Charakter der Traube zu vereinheitlichen. Sie entfernt Fehler durch Witterung oder Krankheiten, die den Terroir-Ausdruck beeinträchtigen. Fehler sind überall gleich, die Qualitäten hingegen sind die Signatur eines Ortes.
Wie beurteilen Sie heute die Bedeutung von Presswein?
Pressweine wurden lange unterschätzt. Mein Vater und Émile Peynaud, der sie als «Konzentrat des Weins» bezeichnete, haben sich früh mit ihrer Aufwertung beschäftigt. Ich bin mit der Überzeugung aufgewachsen, dass ein grosser Wein ohne einen Anteil Presswein kaum denkbar ist. Pressweine verleihen einer Assemblage Tiefe und Kontrast. Entscheidend ist jedoch die gezielte Auswahl, denn ihr Einsatz erfordert Erfahrung und Fingerspitzengefühl. Gerade darin liegt die Faszination: Hinter ihrer zunächst manchmal fordernden Art verbergen sich grosse Qualitäten. Richtig eingesetzt, betonen sie das Terroir und bereichern den Wein. Je nach Rebsorte, Klima und Stil müssen die Entscheidungen immer wieder angepasst werden. In allen Weinregionen, in denen ich gearbeitet habe, konnte ich feststellen: Gut eingesetzter Presswein verbessert den Wein.
Welche Auswirkungen des Klimawandels beobachten Sie in Bordeaux?
Die Erwärmung hat auch positive Seiten. Sie ermöglicht heute eine bessere Reife, besonders beim Cabernet Sauvignon. Die früher gefürchteten Pyrazinnoten sind kaum noch ein Thema. Gleichzeitig sind Frühlingsfröste seit 2017 zu einer ernsthaften Herausforderung geworden. Auch der Mehltau stellt neue Anforderungen. Die zunehmende Verbreitung biologischer und biodynamischer Bewirtschaftung macht seine Bekämpfung anspruchsvoller.
Wie lässt sich das Gleichgewicht der Trauben bewahren?
Wichtig sind ein angepasstes Laubmanagement, natürliche Beschattung, geeignete Unterlagen und eine tiefe Verwurzelung. Junge Reben bleiben wegen ihres oberflächlichen Wurzelsystems besonders empfindlich gegenüber Trockenheit. Auch der Erntezeitpunkt gewinnt an Bedeutung. Ziel ist es, Frische und aromatische Reinheit zu erhalten und gleichzeitig reife, seidige Tannine zu erreichen. Der Merlot profitiert oft von einer früheren Lese, während Cabernet Sauvignon flexibler ist. Cabernet Franc liebt Wärme, reagiert aber stärker auf Wassermangel. Beim Petit Verdot führt eine spätere Lese zu weicheren Tanninen. Weissweine werden heute zunehmend früher gelesen.
Wie haben Sie Ihre Kellerarbeit an die neuen Reifebedingungen angepasst?
Da die Zuckergehalte heute höher sind als vor 20 Jahren, entstehen alkoholreichere Weine. Auch die Extraktion verläuft leichter und muss mit Fingerspitzengefühl gesteuert werden. Entscheidend bleibt das Gleichgewicht über die gesamte Entwicklung des Weines, etwa um die natürliche Fülle des Alkohols auszugleichen. Auch das Holz tritt bei reifen Weinen stärker hervor. Deshalb passen wir Toastung, Anteil neuer Barriques und Ausbaudauer entsprechend an.
Welche Botschaft geben Sie der nächsten Generation mit?
Die Herausforderung ist spannend, weil ich überzeugt bin, dass Anpassung immer möglich ist. Entscheidend ist, zu verstehen, was einen grossen Bordeaux-Wein ausmacht: Komplexität, Feinheit und Harmonie. Dafür braucht es Aufmerksamkeit, Verständnis und die Bereitschaft, ständig zu hinterfragen. Diese Suche kann ein ganzes Winzerleben begleiten. Gleichzeitig muss Bordeaux auf neue Konsumentenbedürfnisse reagieren. Leichtere Weine für einen früheren Genuss können eine sinnvolle Ergänzung sein. Bordeaux besitzt alle Voraussetzungen, auch in diesem Bereich erfolgreich zu sein.