«Ich schaue sehr genau hin.»

Interview mit Weinauktionator Franz J. Wermuth

Text: Nicolas Greinacher, Foto: Nicolas Greinacher

Der Thurgauer Weinauktionator Franz J. Wermuth über Dramaturgie im Saal, eine abgelehnte Kiste Pétrus und günstige Zeiten für Sammler. 

Herr Wermuth, Sie sind seit 1979 im Premium-Weinhandel. Was reizt Sie an Weinauktionen?

Im Handel verkaufe ich, was ich selbst eingekauft habe. An der Auktion kommt zusammen, was es sonst praktisch nirgends mehr gibt – und über den Preis entscheidet der Saal, nicht meine Preisliste.

Wie stellen Sie einen Katalog zusammen?

Eine Weinauktion muss von Anfang bis zum Schluss spannend bleiben. Einzelne Positionen müssen geschickt zusammengestellt werden, damit eine Art Dramaturgie mit einzelnen Höhepunkten entsteht.

Wie lange dauern Ihre Auktionen?

Meine Weinauktionen dauern circa drei bis vier Stunden und sind sehr eng getaktet, damit nicht nur keine Langeweile aufkommt, sondern damit wir auch keine unnötige Zeit verplempern.

Woher stammen die zum Verkauf ausgeschriebenen Weine?

Die allermeisten Einlieferungen habe ich von privaten Sammlern, die oftmals mehrere zehntausend Flaschen bei sich zu Hause im Weinkeller haben und nun altersbedingt weniger trinken als früher.

Highlights der nächsten Weinauktion?

Gerade wurden aus einem perfekt klimatisierten Zürcher Keller aussergewöhnlich rare Originalkisten eingeliefert: Château Latour, Lafite- und Mouton-Rothschild 1982 sowie Haut-Brion 1989 – Jahrhundertjahrgänge, allesamt mit 100 Parker-Punkten bewertet. Dazu kommen besondere Einzelflaschen, etwa eine makellos erhaltene Magnum Pétrus 1978.

Wie gehen Sie mit Fälschungen um?

Ich schaue sehr genau hin und kann auf meine jahrzehntelange Erfahrung zurückgreifen. Erst vor kurzem habe ich eine 12er-OHK Pétrus 1982 abgelehnt, weil mir die Flaschen suspekt vorkamen.

Woran erkennen Sie das?

An der Summe der Kleinigkeiten: Etikettendruck, Kapsel, Füllhöhe, Zustand der Holzkiste. Vor allem aber an der Provenienz. Wer die Geschichte einer Kiste nicht plausibel dokumentieren kann, kommt nicht in meinen Katalog.

Wie steht es um die aktuellen Marktpreise?

Gerade was Bordeaux und Burgund anbelangt, sind die Zuschlagspreise in den letzten Jahren spürbar nach unten korrigiert worden. Käufer profitieren in der Schweiz aktuell von äusserst attraktiven Bedingungen. Wer verkaufen muss, hat es zurzeit deutlich schwerer.

Also lieber reife Weine ersteigern als «en primeur» zeichnen?

Subskription kann man machen. Aber was man als gereifte Realität im Keller hat, ist meiner Ansicht nach besser als zukünftige Träume von Weinkritikern und Verkäufern.

Und in Ihrem eigenen Keller?

Mein Herz schlägt für Bordeaux. Privat trinke ich aber auch sehr gerne spanische Weine, etwa von Clos d’Agon, oder Weine aus dem Rhônetal wie Clos des Papes und Château Pesquié.