Winzerlegende: Colette Faller, Elsass, Frankreich

Die Riesling-Königin

Text: Barbara Schroeder, Fotos: Rolf Bichsel

  • Colette Faller
    Wie viele Elsässer Betriebe produziert die Domaine Weinbach viele verschiedene Weine aus angestammten Sorten und mit traditionellen Methoden.
  • Colette Faller
    Nach dem Tod von Théo Faller teilte Colette die Verantwortung für das Gut ihren beiden Töchtern.
  • Colette Faller
    Die Domaine Weinbach trägt den Namen eines Baches, der den fünf Hektar grossen Weingarten des Clos des Capucins in Kientzheim durchquert.
  • Colette Faller
    Von 1954 bis 1979 leiteten Colette und Théo Faller den Betrieb gemeinsam.
  • Colette Faller
    Colette Faller (M.) predigt Weine mit Säure, Catherine Faller (l.) sucht nach Harmonie, und Laurence Faller (r.) verteidigte Komplexität und Terroirtreue.

Schicksalsschläge prägen das Leben von Colette Faller. 1979 verlor sie ihren Mann und leitete fortan die Domaine Weinbach – sie war eine der ersten Frauen an der Spitze eines Elsässer Weinbetriebes. Noch während dieser Artikel verfasst wurde, verstarb ihre Tochter Laurence. Ihr ist dieser Beitrag gewidmet.

 

«Ach, wissen Sie, ich verdiene keine Meriten. Alles habe ich meinem Gatten Théo Faller zu verdanken.» Den Satz hörte ich während meines Aufenthalts auf der Domaine Weinbach öfters. Théo Faller war Elsässer Winzer mit Leib und Seele, ein Mann mit Leidenschaft und Engagement. Er leitete einen Weinbaubetrieb in Kientzheim am Fuss der Grand-Cru-Lage Schlossberg, die sein Vater und sein Onkel um die Jahrhundertwende erworben hatten. Er war Generalrat und in der Elsässer Winzerorganisation aktiv. Und er präsidierte die genossenschaftlich organisierte Bank Crédit Agricole. Privatleben gab es für ihn nur am Rande, und das wurde ihm zum Verhängnis. 1979 fuhr er zu einem Kongress nach Lyon und erlag dort einem Herzversagen. «Ich begleitete ihn sonst bei all seinen Reisen. Nur bei jenem Kongress in Lyon habe ich eine Ausnahme gemacht. Wir hatten Probleme mit neuen Angestellten – ich blieb zu Hause. So spielt das Leben und lässt uns keine Wahl.»

Colette kam in einem kleinen Bergdorf in den Vogesen in der Nähe von Thannzur Welt, etwa 70 Kilometer von Kientzheim entfernt. 1954 heiratete sie den damals 43-jährigen Théo Faller. «Vom Wein hatte ich nicht die geringste Ahnung. Doch ich lernte rasch, dass ich nicht nur einem Mann das Jawort gegeben hatte, sondern einer Mission – der Mission für den Elsässer Wein. Ich mag mich sehr gut daran erinnern, wie die Weinbach-Weine damals schmeckten. Sie waren anders als alle anderen Elsässer Gewächse, die ich bisher getrunken hatte. Sie hatten etwas Unverkennbares, schwer zu Definierendes. Sie gerieten ungemein fruchtig, vollmundig, zeigten besondere Länge, besassen nicht diese aggressive Säure anderer Weine. Hier wurden schon damals die Trauben bei optimaler Reife geerntet. Auch unsere Weine besassen viel Säure, aber auch Körper und Fülle. Das gab ihnen diesen besonderen Charakter, der sie bis heute auszeichnet. Ja, ich mochte sie von Anfang an, sonst hätte ich mich nie so engagieren können. Ich habe alles von meinem Mann gelernt. Zuerst hörte ich zu, dann lernte ich sprechen wie er, erst nach und nach tauschten wir unsere Erfahrungen aus. »

Und urplötzlich stand sie alleine da, mit zwei Töchtern, Enkelkindern, einem 25-Hektar-Gut, für Elsässer Verhältnisse riesig. Niemand gab ihr auch nur die geringste Chance. Eine Frau an der Spitze eines Winzerbetriebs? Absolut unmöglich. Wie oft hatte man Colette höflich, aber bestimmt darum gebeten, bei Verkostungen doch lieber draussen zu bleiben. Denn «eine Frau parfümiert sich, das verfälscht den Geschmack des Weins». Selbst die eigenen Rebarbeiter fragten sich hinter vorgehaltener Hand, wie das bloss weitergehen solle. Doch Colette gab nicht auf. «Das war ich Théo schuldig.» Als Erstes bat sie einen alten Freund ihres Mannes um Rat. «Théo hatte mir oft gesagt: Solltest du einmal Hilfe brauchen, wende dich an Jean Maerki. Er war Winzer im Ruhestand und wie mein Mann ein erfahrener Weinmacher, mit der Rebe verlobt, mit der Sache des Weins verheiratet.»

Maerki stand Colette im Keller und im Rebberg bei. «So habe ich einfach weitergemacht, allen Unkenrufen zum Trotz. Maerki kelterte weiter Weine, wie sie Théo geschmeckt hätten, vollmundig, kräftig, charaktervoll. Ich wusste sehr wohl, dass ich kein Pardon zu erwarten hatte. Es reichte nicht einmal, gute Weine zu machen. Wollte ich ernst genommen werden, musste ich die besten produzieren. » Jean Maerki wurde später von Tochter Laurence unterstützt, die Weinbau studierte und seine Nachfolgerin wurde.

Bei meinem Besuch bei den Fallers im Frühling dieses Jahres war noch alles im Lot. Colette sass am Tisch und stand Rede und Antwort, Laurence und Catherine hatten das Sofa in Beschlag genommen und hörten zu, nickten bestätigend, schüttelten den Kopf, ergänzten und widersprachen auch mal. Sie gaben das Bild einer Familie, die zusammenhält. Erst beim Tippen dieser Zeilen wurde ich von der Nachricht überrascht, die tüchtige, kompetente Laurence sei an Herzversagen gestorben. Und plötzlich muss ich todtraurig über eine fröhliche, offene Begegnung berichten. So spielt das Leben, würde Laurence’ Mutter sagen.

Unermüdlich auf Achse

Doch eine Faller legt nicht einfach die Hände in den Schoss. Darum empfängt sie weiter Kunden, führt Besucher herum, beantwortet Briefe und ist bei allen technischen Verkostungen dabei. «Unsere Weine verkosten wir gemeinsam. Nie sind alle einverstanden. Dann diskutieren wir – und kommen meistens zum Schluss, dass der Einwand berechtigt war.» Aus dem Blick, den sich die drei Frauen zuwarfen, schloss ich, dass dabei auch mal die Funken flogen. Colette predigt Weine mit Säure, Catherine sucht nach der ultimativen Harmonie, und Laurence verteidigte Komplexität und Terroirtreue. Doch am Schluss fanden sie immer zusammen – sehr zur Freude des Geniessers.

«Ich habe einfach weitergemacht, allen Unkenrufen zum Trotz. Und ich wusste sehr wohl, dass ich kein Pardon zu erwarten hatte. Wollte ich ernst genommen werden, musste ich die besten Weine produzieren.»

Colette Faller

Was Qualität und Ausdruck der Faller-Weine anbelangt, hat die Tochter Laurence viel erreicht. Ihr Verlust trifft die Domäne nun doppelt und dreifach. In den 1980er Jahren entschied sie sich für ein Önologie-Studium. Danach stand sie im Keller, arbeitete ab 1996 organisch und bereitete die Umstellung auf biodynamischen Weinbau vor. Sie liess sich von François Bouchet beraten, dem vielleicht bekanntesten französischen Spezialisten für Biodynamie, kein Spinner, sondern ein Mann des Bodens und der Natur, ein Rationalist. Bouchet legte den Faller-Frauen nahe, dass Biodynamie eine Philosophie sei, keine Religion. Heute ist Weinbach sowohl für Bio als auch für Biodynamie Ecocert-zertifiziert. Die Präzision und Reinheit des aromatischen Ausdrucks, die Komplexität, die Harmonie ihrer Weine lagen Laurence besonders am Herzen. «Die aromatische Palette der Elsässer Weine ist so unglaublich reich. Die darf man nicht verfälschen.»

Colette Faller fürchtet Veränderungen. «Brüche schmerzen. Das gilt selbst für so kleine Dinge wie einen Lampenschirm oder einen Teppich, den man ersetzen muss. Das habe ich immer meine Töchter machen lassen. Ich gab später aber gerne zu, dass die Veränderung nötig war.» Mit der Biodynamie ging es ihr so ähnlich. Sie liess den Töchtern freie Hand, solange die Weine nicht schlechter wurden. Was ihr daran auf Anhieb gefiel, war diese fixe Idee des Respekts vor der Rebe. Sie wusste aus langer Erfahrung, dass man gute Weine nur aus guten Trauben keltern kann und dass man der Natur vertrauen muss.

Darum begleitete sie die Entwicklung als wohlwollend-kritische Beobachterin, überwachte sie mit dem Glas in der Hand. «Die Weine blieben exzellent, sie schmeckten mir weiter und hatten weiter Erfolg. Folglich gab es am Entscheid nichts zu rütteln.» Und da war dieser Satz von Antoine de Saint-Exupéry, den Laurence zu ihrer Maxime gemacht hatte: «Wir erben die Erde nicht von unseren Vorgängern, wir leihen sie uns von unseren Kindern aus.» Damit konnte Colette sich identifizieren.

«Weinbach verkaufen? Nie, Madame!»

Mütter haben unparteiisch zu sein. Auch Rebsortenmütter? «Ich gebe zu, ich habe eine klare Vorliebe für den Riesling. Der Riesling ist der König aller Weissweinsorten», sagte Colette, ohne lange zu überlegen. «Aus dem Riesling entstehen Weine mit grossem Reifepotenzial, die Körper besitzen, Rasse, Frische, Länge, aber auch grosse Finesse. Er besitzt diese besondere Mineralität und Finesse, die von unseren Granitböden kommen und die sich nach sechs, sieben Jahren Flaschenreife entwickeln. Im Riesling, der auf Lehm-Kalk-Böden wächst, bricht diese Mineralität früher aus.» Natürlich bauen die Fallers auf ihren heute 30 Hektar auch die anderen Elsässer Sorten an: Gewürztraminer, Weissburgunder, Grau- und Blauburgunder. Die Tradition und die Kunden wollen das so. Doch der Riesling ist und bleibt die wichtigste Weinbach-Sorte.

Und die schwelende Krise? Hat Colette Faller nie daran gedacht, die Domaine Weinbach zu verkaufen? Der Blick, den sie mir zuwarf, war scharf wie ein Metzgermesser. «Weinbach verkaufen? Nie, Madame! Nie im Leben. Auf Weinbach kennen wir keine Krise. Wer guten Wein macht, der schafft es immer.» Die Fallers werden ihren guten Ruf weiterhin auf Hochglanz halten. Das gehört zur Tradition. Schon Théo Faller wusste, dass die Präsenz in der Spitzengastronomie die beste Visitenkarte ist. Auch heute führen die Spitzenrestaurants in der ganzen Welt Faller-Weine auf ihren Karten. Colette ist überzeugt davon, dass ihre Weine prädestiniert sind als bekömmliche Begleiter grosser Küche. «Ich habe schon mehrmals betont, wie sehr ich Säure mag. Darum schätze ich trockene Weine. Natürlich geniesse ich ab und zu auch eine Spätlese oder eine Beerenauslese. Doch für mich sind das Weine für einen besonderen Moment, zu Kombinationen von süss und sauer, einer Entenbrust mit Honig und natürlich zu würzigem Käse wie Maroilles, Epoisses oder Münster. Zu Wurstwaren, Fisch, Geflügel, Schnecken, Sauerkraut oder einem zarten Hähnchen wähle ich einen trockenen Riesling.»

Worauf Colette am meisten stolz ist nach all den Jahren? «Der Rebgarten hier heisst Clos des Capucins und war Teil des Kapuzinerklosters», antwortete sie augenzwinkernd. «Er ist von Mauern umschlossen. Am Eingang gab es einen Judas, ein kleines Fenster, durch das die Mönche Besucher beobachten konnten, ohne gesehen zu werden. Sie liessen niemanden einfach so herein, schon gar keine Frau – wegen der Versuchung. Bat jemand um ein Almosen, schoben sie ihm etwas Brot und Salz auf einem Brettchen zu. Und heute leben hier drei Mädchen.»

Meine letzte Frage wagte ich, als Colette kurz nach draussen ging, und richtetesie an die Töchter. «Colette Faller ist eine Legende. Ist es einfach, mit ihr zu leben?» «Oh», antwortete Laurence mit leisem Lächeln, «das ist ganz einfach. Die Legende heisst nicht Colette Faller. Die Legende heisst Colette Faller et ses Filles.»

Domaine Weinbach - Clos des Capucins

Wie alle Elsässer Betriebe produziert auch die Domaine Weinbach in Kaysersberg zahlreiche herrliche Cuvées aus klassischen Sorten der Region. Nachfolgend eine kleine Auswahl, von Laurence Faller zusammengestellt.

Weine des Winzers

 

1 Riesling Schlossberg 2011 Alsace Grand Cru

16.5 Punkte | 2016 bis 2023

Aus Trauben, die im oberen Teil der Grand-Cru-Lage Schlossberg wachsen. Betörende, besonders eindrückliche Riesling-Aromatik von Kräutern und exotischen Früchten, perfekte Verbindung von Rasse, Fülle und Würze. Macht in diesem frühen Stadium schon Spass, doch kann durch zusätzliche Reife noch gewinnen.

 

2 Riesling Schlossberg 2011 Cuvée Sainte Catherine Alsace Grand Cru

17.5 Punkte | 2017 bis 2030

Aus Trauben gepresst, die an besonders alten Stöcken in der Mittedes Schlossbergs reifen und einen besonders vollmundigen Riesling ergeben. Überragende Mineralität und Rasse, immense Komplexität und ausgesprochene Finesse trotz der Fülle und Dichte; superbes Finale auf zarter Bitternote. Herrlicher Wein, noch etwas reifen lassen.

 

3 Riesling Schlossberg 2009 Cuvée Sainte Catherine Alsace Grand Cru

17.5 Punkte | 2015 bis 2030

Steckt zwischen zwei Altern, hat seine Jugendlichkeit abgelegt, aber seinen Reifefirn noch nicht voll entwickelt. Einmal auf dem Höhepunkt 18 Punktewert. Nicht vor 2015 öffnen und bis 2030 und länger geniessen.

 

4 Gewürztraminer Fürstentum 2010, Cuvée Laurence Alsace Grand Cru

17.5 Punkte | 2014 bis 2020

Eine einmalige Mischung aus Würze, Fruchtigkeit, Volumen und ölig-seidiger Frische, von enormer Länge und grosser Mineralität; superbes Aprikosenfinale mit herrlicher Bitternote; die ganz grosse Klasse.

 

5 Gewürztraminer Mambourg 2009 Vendanges Tardives Alsace Grand Cru

17.5 Punkte | 2015 bis 2025

Das herrlich frische Litschi-Bouquet dieser Spätlese spiegelt einen trocken ausgebauten Wein vor, daher reagiert man fast etwas überrascht auf die ölige, mineralische Süsse. Kann schon genossen werden, dürfte aber in vier, fünf Jahren noch besser munden.

 

6 Gewürztraminer Fürstentum 2006, Sélection de Grains Nobles Alsace Grand Cru

17 Punkte | 2014 bis 2020

Selbst in dieser schön gereiften Selektion gesellen sich Mineralität und Frische zur öligen Süsse; zeigt grosse aromatische Komplexität. Meditationswein für einen besonderen Moment, kann weiter reifen.

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