Winzerlegende Donald Hess, Napa und Salta

Der Traum vom Ganzen

Text: Thomas Vaterlaus

  • Die stundenlange Anfahrt über Naturstrassen lohnt sich: Colomé vereint ambitionierten Hochland-Weinbau, edles Gaucho-Ambiente im Hotel und …
  • … animierende Licht-Kunst zum erdigen Gesamtkunstwerk.

Der 82-jährige Ex-Bierbrauer Donald M. Hess war im Napa Valley ein Pionier des «Hillside»-Weinbaus und hat dort die überzeugendste Symbiose von Wein und Kunst weltweit geschaffen. Im nördlichsten Zipfel Argentiniens wurde er vollends zum «ganzheitlichsten Wein-Visionär» unserer Zeit. Colomé steht für Spitzen-Weinbau, soziales Engagement, Autarkie, nachhaltigen Tourismus und inspirierende Raum-Licht-Terroir-Kunst. 

Bei seinen Mitstreitern der ersten Stunde, mit denen er vor fast 20 Jahren das verwegene Colomé-Projekt im nördlichsten Zipfel Argentiniens startete, wird Donald Hess fast wie ein Heiliger verehrt. Nicht nur, weil er hier Millionen investiert hat, um nebst seinem Weingut Colomé auch dem ganzen Tal in den östlichen Ausläufern der Anden neue Perspektiven zu eröffnen. Sondern auch wegen einigen wundersamen Geschichten, die sich um ihn ranken. Wie damals, als es um die Bepflanzung der Lage El Arenal ging. Alle hatten ihm gesagt, dass hier Rebbau nicht möglich sei, weil kein Wasser vorhanden sei. Donald Hess ging mit einer Wünschelrute durchs weitläufige Gelände, zeigte auf einen Punkt und meinte, hier gebe es Wasser. Die Einheimischen winkten ab, hier gäbe es kein Wasser, das sei schon mehrfach untersucht worden. Hess liess eine Spezialfirma kommen. Sie bohrten einen Tag, dann einen zweiten und einen dritten, ohne Erfolg. Seine Berater baten Hess eindringlich, diese teuren und völlig aussichtslosen Bohrungen zu beenden, doch Hess blieb hartnäckig, und dann, in 60 Metern Tiefe, stiessen sie auf eine erste Wasserader, tiefer unten folgten weitere und heute, nach Jahren, in denen hier sehr tanninreiche Weine entstanden sind, findet der El-Arenal-Rebberg langsam zu seinem Gleichgewicht und liefert exzellente Traubenqualität.

Wer behauptet, Donald Hess habe Wasser zu Wein gemacht, liegt nicht ganz falsch, wenigstens sinnbildlich… Nach dem frühen Tod seines Vaters übernahm der 21-Jährige im Jahr 1957 die Verantwortung für die familieneigene Steinhölzli-Brauerei mit reichlich Immobilienbesitz in Bern. Schon als 24-Jähriger landete er einen veritablen Coup, indem er die Nutzungsrechte der Valser Quelle kaufte und das gleichnamige Mineralwasser erfolgreich im Schweizer Markt etablierte. Nach seinem 40. Geburtstag suchte Donald Hess nach einer neuen Challenge und durchreiste den Goldenen Westen der USA auf der Suche nach einer Mineralquelle, um im amerikanischen Tafelwassermarkt mitzumischen. Weil er keine geeignete Quelle fand, investierte er in den aufblühenden Weinbau im Napa Valley. Das Timing war gut. 1976 hatten beim sogenannten Judgment of Paris die Napa-Weine die prestigeträchtigsten Franzosen geschlagen. Zwei Jahre später kaufte Hess erstmals Land am Mount Veeder, an der südwestlichen, steilen Flanke des Tales gelegen. Das Land war so unwegsam, dass Mayacamas, zu jener Zeit die einzige Kellerei in diesem Abschnitt des Tales, an der Naturstrasse ein Schild aufstellte: «Nicht verzweifeln. Sie sind bald da!» Napa-Koryphäen wie Robert Mondavi hielten die Pläne des Schweizers für ziemlich verrückt. In den abgelegenen Steillagen sei Rebbau viel zu kostspielig, zudem lägen alle prestigeträchtigen Lagen wie To Kalon, Napanook oder Inglenook unten in der Talebene, meinten sie. Doch Quereinsteiger Hess hatte sich schnell das nötige Wissen über Weinbau angeeignet und glaubte an das Potenzial von Mount Veeder. Und lag richtig mit dieser Einschätzung. Die Hillside-Crus der Hess Collection gelten bis heute als Prototyp des eleganten, gut strukturierten Napa-Stils. 1989 eröffnete er seine eigene Kellerei mit Visitor Center und der Hess Art Collection. 

Rückzug in die Stille auf dem Berg

Die Beziehungen zwischen Wein und Kunst sind zwar vielfältig, doch meist wird die Kunst darauf reduziert, den Produkten einen emotionalen Mehrwert zu verschaffen, etwa als Zusatzelement auf Etiketten oder als mehr oder weniger zufällig zusammengestellten Wand- und Raum-Schmuck im Visitor-Center. Ganz anders bei Hess. Hier begegnen sich Wein und Kunst auf Augenhöhe, beides verdient das Prädikat «State of the Art». Die sorgfältig kuratierte und räumlich grosszügig präsentierte Auswahl mit Werken von weltbekannten zeitgenössischen Künstlern wie Gerhard Richter, Anselm Kiefer, Francis Bacon oder Franz Gertsch ist in ihrer Qualität weltweit einzigartig. Und befindet sich erst noch inmitten einer spektakulären Berglandschaft. Donald Hess liebte die pure Natur am Mount Veeder so sehr, dass er sich regelmässig in ein Beduinenzelt zurückzog, dass er oberhalb seiner höchstgelegenen Rebberge, rund 700 Meter über Meer, errichten liess.

Ab seinem 40. Lebensjahr hatte Donald Hess das Privileg, sich intensiv mit jenen zwei Themen befassen zu können, die ihn am meisten faszinierten: Kunst und Weinbau. Wobei er zur Kunst den direkteren, intuitiveren Zugang hatte als zum Weinbau, wo der Erfolg von unzähligen Faktoren abhängig ist. «Bei der Kunst war es einfach. Immer, wenn ich aus einer Galerie oder einem Atelier rausging und das Bild oder die Skulptur in meinem Kopf so präsent blieb, dass ich nachts nicht einschlafen konnte, habe ich es gekauft». In die Wiege gelegt wurde ihm diese Leidenschaft nicht. «Ich bin in einem Berner Bürgerhaus mit dunklen Möbeln und weissen Wänden aufgewachsen. Mein Vater sagte jeweils: Schau durch die Fenster nach draussen, da gibt’s tausende von Bildern.» Und doch war sein Vater, der Berner Patriarch, ganz offensichtlich ein ähnlich unkonventionell agierender Charakter wie sein Sohn. Regeln und Vorschriften, egal ob von der Bierbrauervereinigung oder dem Gewerbeinspektarot erlassen, gingen ihm gegen den Strich. Und im gemütlichen Bern wurde es ihm immer wieder mal langweilig. Dann setzte er sich jeweils ins marokkanische Tanger ab, wo er nebenbei noch ein Hotel betrieb. Übrigens: Donald Hess erbte auch dieses Hotel von seinem Vater, entwickelte daraus sogar eine kleine marokkanische Hotelgruppe mit 1200 Angestellten, die er in den 70er Jahren aber wieder verkaufte. Die Episode zeigt auch, dass Hess nie Angst vor Zäsuren hatte, wenn sie ihm nötig oder strategisch sinnvoll erschienen. Die familieneigene Brauerei verkaufte er schon 1968. Valser Wasser veräusserte er 2002 an Coca Cola. Und auch sein Weinimperium, das zeitweise sieben Weingüter in drei Kontinenten umfasste und 20 Millionen Flaschen Wein jährlich produzierte, wurde in den letzten Jahren von Christoph Ehrbar und Timothy Persson, die mit den aus der ersten Ehe stammenden Töchtern von Ursula Hess verheiratet sind und heute die Geschäfte führen, redimensioniert auf die drei Kernbetriebe Hess Collection in Kalifornien sowie Amalaya und Colomé im nördlichsten Zipfel Argentiniens.

«Schutzpatron» für ein ganzes Tal

In Colomé, seinem letzten grossen Projekt, dass er Ende der 90er Jahre zusammen mit seiner zweiten Frau Ursula initiierte, vereinen sich die mannigfaltigen Visionen, die Donald Hess im Laufe seines Lebens wichtig geworden sind, zu einem exemplarischen Ganzen. Es ist weit mehr als nur ein Weingut, vielleicht umschreibt der Begriff «soziale Skulptur» nach der Definition des deutschen Künstlers Joseph Beuys recht gut, was Colomé heute ist. Ab den späten 90er Jahren kaufte Donald Hess im nördlichsten Zipfel Argentiniens insgesamt 66 365 Hektar Land, eine gigantische Fläche, viermal so gross wie der Kleinstaat Liechtenstein. Und trotzdem sind hier nur gerade 260 Hektar mit Reben bestockt, für mehr reicht das verfügbare Wasser nicht aus. Gefunden hat Hess diesen Ort übrigens zufällig. Bei einer Erkundungstour im Norden Argentiniens trank er in einem Restaurant im Provinzstädtchen Cachi einen Wein aus Colomé, der 1831 gegründeten und damit zweitältesten Bodega Argentiniens. 2001 kaufte er das dahindarbende Weingut, das heute Trauben aus drei Lagen verarbeitet, nämlich den teilweise mit bis zu 110-jährigen Reben bestockten Parzellen in Colomé (2300 Meter über Meer) selber, dem El-Arenal-Rebberg (2600 Meter über Meer) und schliesslich Altura Maxima, dem höchsten Rebberg der Welt, der eine maximale Höhe von 3111 Metern erreicht. 

Hess reanimierte mit Colomé nicht nur ein historisches Weingut, er übernahm Verantwortung für ein ganzes Tal, inklusive eines Dorfes. Für die damals 150 und heute wieder über 500 Einwohner baute er Häuser, eine Kirche, einen Shop, ein Wasserkraftwerk, erneuerte Dorfplatz und Schule. Er errichtete eine Estancia mit geschlossenem Innenhof im Kolonialstil mit neun grosszügigen Hotelzimmern. Eine Kellerei mit Weinbistro, ein Gebäudekomplex für die Kadermitarbeiter inklusive Social-Club und natürlich das Museum, das eine Retrospektive des amerikanischen Raum-Licht-Künstlers James Turrell beherbergt. Wer dort im Skyspace bei Sonnenuntergang rücklings auf dem Boden liegt und durch die Öffnung im Dach in den Himmel schaut, der sich durch die wechselnde Beleuchtung des Innenhofs immer wieder dramatisch verändert, wird den Himmel von Colomé, der ein integraler Bestandteil des Terroirs ist, nicht mehr so schnell vergessen. 

Heute ist es Hess-Schwiegersohn Christoph Ehrbar, der den einzigartigen Kosmos Colomé mit einer gesunden Portion Pragmatismus weiterführt. Auch im Wissen, dass dieses Projekt am ehesten dann langfristig Bestand haben wird, wenn es wirtschaftlich weitestgehend auf eigenen Füssen steht. So hat er sich vom biodynamischen Anbau verabschiedet, weil es hier Schädlinge, etwa aggressive Ameisen, gibt, denen mit natürlichen Präparaten nicht beizukommen ist. Er hat viel in den Ausbau des Zweitbetriebes Amalaya, weiter unten im lebendigen Provinzstädtchen Cafayate, investiert, wo infolge der viel besseren Verkehrsanbindung günstiger produziert werden kann. Das Hotel oben in Colomé, das einige Jahre geschlossen war, hat er kürzlich mit einem neuen, etwas einfacheren, aber immer noch hochstehenden Konzept wieder eröffnet. Das Wichtigste ist aber, dass die Weinqualität stimmt. Wer denkt, in den extremen Höhenlagen in den Valles Calchaquíes reiften Cool-Climate-Weine, liegt falsch. Langezeit zeigten sich die Colomé-Weine reif, vollfruchtig und wuchtig. Mit den letzten Jahrgängen tendieren sie nun deutlich zu mehr Eleganz und Struktur. Der neue Kellermeister, der junge Franzose Antoine Bonneaud, der zuvor bei Château Angélus in Saint-Émilion gearbeitet hat, will diesen Weg weitergehen. Man darf gespannt sein!

Die Weine von Hess Collection im Napa Valley und Colomé in der argentinischen Provinz Salta vereinen die Fruchtfülle der Neuen Welt mit der Struktur und Eleganz europäischer Top-Crus.

Hess Collection Winery

Chardonnay 2015
Napa Valley, USA

17 Punkte | 2018 bis 2022

Vornehme Aromen von Zitrusfrüchten, floralen Noten und sehr gut eingebauter Würze. Im Gaumen dicht gewoben und ausgewogen, getragen von einer saftigen Säure. Tolles Verhältnis zwischen Preis und Qualität.

Hess Collection Winery

Mount Veeder Cabernet Sauvignon 2014
Napa Valley, USA

18 Punkte | 2018 bis 2028

Aromen von dunklen Beeren, vor allem schwarze Kirschen und Brombeeren, dazu ein Anflug von Minze und Noten von Schokolade, Kaffee und diskreter Würze. Im Gaumen vollmundig und fleischig, mit viel feinkörnigem Tannin und reifer Säure.

Hess Collection Winery

Lion Cabernet Sauvignon 2013
Napa Valley, USA

18.5 Punkte | 2018 bis 2032

Ein Napa-Icon-Wein, in welchem der Cabernet mit wenigen Prozenten Malbec und Petite Verdot abgerundet wird. Aromen von perfekt ausgereiften schwarzen Früchten, aber auch blauen Beeren, dazu eine Spur Pfeffer, Unterholz, Schokolade und Würznoten. Im Gaumen trotz seiner Fülle sehr vielschichtig strukturiert und ausgewogen. Langer Abgang. 

Bodega Colomé

Estate Malbec 2014
Valle Calchaqui, Salta, Argentinien

17 Punkte | 2018 bis 2025

Sehr komplexe und animierende Aromatik mit reifen dunklen Beeren, aber auch Lakritze, Weihrauch und Wiesenkräutern. Konzentriert, aber doch geradlinig gebaut, mit kernigem Tannin und einer tragenden Säure.

Bodega Colomé

Lote Especial Malbec El Arenal 2015
Valle Calchaqui, Salta, Argentinien

18 Punkte | 2018 bis 2030

Auf sandigen Böden reift dieser verschwenderische Malbec. Viel frische dunkle Beerenfrucht, aber auch erdige und fleischige Noten. Im Gaumen im Auftakt ausladend, mit geballter Fruchtfülle, dann aber übernehmen eine animierende Säure und ein kerniges Tannin das Zepter. Lebendiger und vibrierender Wein.

Bodega Colomé

Altura Maxima Malbec 2016
Valle Calchaqui, Salta, Argentinien

18.5 Punkte | 2018 bis 2032

Geballte, noch jugendlich wirkende Beerenfrucht, aber auch florale Noten, Veilchen, etwas Minze, aber auch mineralische Noten (Graphit). Im Gaumen überraschend lebendig und temperamentvoll. Wirkt trotz seiner vielschichtigen Fülle fast knackig frisch. Toller Wein!

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