Winzerlegende: Gérard Gauby

«Das Schwierigste ist, nichts zu tun»

 

Text: André Dominé, Fotos: Mariano Herrera

  • Gérard Gauby
    Bei Gérard Gauby im Keller ist man im Burgund Kataloniens. Seine Weine halten spielend mit denen des Burgund mit, gehen aber auch unverkennbar eigene Wege.
  • Gérard Gauby
    Die Domaine Gauby ist das gemeinsame Werk von ihm, seiner Frau Ghislaine und Sohn Lionel.
  • Gérard Gauby
    Es gibt wenige Weine auf der Welt, die einen solch vibrierenden und reinen Ausdruck ihres Terroirs vermitteln.
  • Gérard Gauby
    Gérard Gauby ist eins mit Wein und Reben, dabei unentwegt auf der Suche nach Perfektion und Einklang mit der Natur.
  • Gérard Gauby
    Tiere haben da ebenso Platz wie Paulus, der Dorfheilige.

Wenn Gérard Gauby durch seine Weinberge schreitet, dann spürt man: Sie gehören zusammen, dieser breitschultrige Winzer und diese alten Rebrecken, die im Glas eine irrsinnige Finesse ergeben. Tiefe, Länge, Emotion, darum geht es ihm. Und darum, Energie zum Ausdruck zu bringen. Auf ihrem Weg gelang Gérard und seinem Sohn Lionel immer wieder der Aufbruch in neue Dimensionen.

 

Wenn man vom Dorf Calce zur Domaine Gauby fährt, braucht man gutes Karma. So schmal und kurvig ist der Weg. Sollte man zum ersten Mal das Gut besuchen, ist eine Überraschung garantiert: Die Gaubys haben kein spektakuläres Kellergebäude in die Landschaft gestellt. Als sie vor einem Jahrzehnt ihren Sitz an den Fuss der berühmten Lage Muntada verlagerten, grassierte gerade der Wahn aufsehenerregender Kellerarchitektur. Sie waren dagegen gefeit.

Das Gut liegt völlig für sich an einem Hang der Hochebene, von der man hinunter auf das Flachland des Roussillon und die Mittelmeerküste blickt. Inzwischen gehören alle Weinberge, Felder, Wäldchen und Wildheidestücke im Umkreis dazu. Der erste Blick fällt auf die beachtliche Sammlung an Traktoren. Gauby investiert gern in beste, das heisst sanfteste und präziseste Landmaschinentechnik.

Dann steht der Besucher dem bedeutenden Kellerteil gegenüber. Der eher kleine Wohntrakt versteckt sich hinter Büschen und Bäumen. Dennoch führt der erste Schritt, wenn man die Gaubys kennt, in ihre Wohnküche. Aber auch die ist eigentlich nur das Vorzimmer zum Kellerreich. Wenn sich die Hunde wieder beruhigt haben. Seit ich Gérard und Ghislaine kenne – jetzt bald 25 Jahre –, verblüffen mich ihre Weine Jahr um Jahr aufs Neue. Mehr als die jedes anderen Winzers. Das hat sich nicht geändert, seit Sohn Lionel im Keller regiert. Im Gegenteil. War der Côtes du Roussillon Villages Vieilles Vignes 1990 ein Meilenstein auf ihrem Weg, wurde er vom 1991er in den Schatten gestellt, den wiederum der 1993er überflügelte. Aber 1994 zeigte mehr Schliff und bereitete den Boden für den ersten Muntada 1995. Und so weiter. «Ich glaube, der grosse Unterschied besteht darin, dass wir Wein dermassen lieben, dass wir ein Ideal im Kopf haben und versuchen, es zu erreichen», bemerkt Gérard. «Dabei haben wir mehr oder weniger chaotische Wege zurückgelegt. Aber du erneuerst unentwegt, weil du nie zufrieden bist. Nach und nach kommst du auf diese Weise voran, und du hast den Eindruck, dem perfekten Licht näher zu kommen.»

Trinkigkeit statt Kraft

Anfangs ging es um Kraft und Konzentration. Über die ersten Jahre bestand der Muntada fast ausschliesslich aus Syrah und wurde schnell zu den besten Syrahs der Welt gezählt. Aber Lob und Ruhm haben Gérard noch nie hindern können, seinen eigenen Weg weiterzugehen. «Von dem Augenblick an, wo wir den Eindruck hatten, dass unsere Weine etwas schwer waren, haben wir begonnen, Finesse, Eleganz und Trinkigkeit zu suchen», sagte er vor drei Jahren.

«Die Evolution fand nicht auf einen Schlag statt. Sie vollzog sich in mehreren Stufen. In dem Masse, in dem die Weinberge immer lebendiger wurden, antworteten die Weine mit zunehmender Präsenz.» So wurde Carignan das Rückgrat des Muntada und Grenache sein Körper.

Wir lassen Ghislaine am Herd in der Wohnküche zurück und steigen über die Wendeltreppe in den Fasskeller hinab. Über die letzten Jahre sind hier die Meisterwerke des österreichischen Fassbinders Franz Stockinger eingezogen. Echte Kellermöbel. Aber auch einige rohe Betonkuben und nun zwei Betonpyramiden. Gerade hantiert Lionel Gauby akrobatisch auf den Gebinden. «Ich mache etwas, was ich sonst nie tue», sagt er, «ich setze den Wein in Bewegung. Ich versuche immer, zu empfinden, was der Wein benötigt, und darauf zu reagieren.» Da sich die 2013er reduktiv zeigten, zog er einige Liter unten ab und gab sie oben wieder hinein. Fast augenblicklich kehrte der Wein Frucht und Finesse hervor.

«2013 ist ein magischer Jahrgang im Roussillon», merkt Gérard an und lässt mich den Grenache Noir von La Roque aus den beiden Pyramiden probieren. Düfte von Rosen und Weinbergspfirsichen. Atemberaubende Finesse! Bei Gauby im Keller ist man im Burgund Kataloniens. Nicht nur halten die Weine spielend mit denen des Burgund mit, er nimmt sich auch die Zeit, vorzuführen, was die Domaine Gauby ausmacht. Und das schmeckt man von Fuder zu Fuder. Immer wieder verblüffend anders. Mit steigender Dramaturgie bis zur Apotheose: dem über hundert Jahre alten Carignan La Foun.

«Unsere Stärke ist, dass wir zu zweit sind. Dadurch kann sich jeder von uns wirklich auf die Präzision konzentrieren, auf das Detail. Und wir verlieren keine Energie.»

Inzwischen prägt bei aller Verschiedenheit jeden Wein ein feiner, oft seidiger und anregender, leicht salziger Ansatz. Resultat der Weinbergsarbeit und einer sehr zurückhaltenden Vinifikation. «Früher habe ich Weine gemacht, die musste man 24 Stunden vorher karaffieren, bevor man sie trinken konnte», gibt Gérard freimütig zu. «Jetzt öffnen wir sie, und man kann sie direkt geniessen. Es war wichtig für uns herauszubekommen, wie man dahin kommt. Noch dazu in einem Klima, das so trocken ist, dass du sofort enorme Konzentrationen erhalten kannst. Seit wir zur Vinifikation in ganzen Beeren übergegangen sind (ohne Hefen, Enzyme, Chaptalisierung, Aufsäuerung und mit minimalem Schwefel), ist es gelungen, die Weine zu verfeinern.»

Auch Gauby setzte früher ein Abbeergerät ein, weil es Mode war. «Émile Peynaud hat alle Leute reingelegt», scherzt er. Im heissen Jahr 2003 nahm er für den Muntada mehr als die Hälfte nicht abgebeerter Trauben. Heute wird überhaupt nicht mehr entrappt. «Die Rappen sind ein Schwamm», sagt Gérard. «Hast du zu viel Tannine, absorbieren sie diese, hast du zu viel Säure, ebenso. Die Rappen bringen Ausgewogenheit.» Sohn Lionel hat darauf gedrungen, so wenig wie möglich einzugreifen. «Unsere Stärke ist, dass wir zu zweit sind», betont der Vater. «Zu zweit kann man sich wirklich auf die Präzision konzentrieren, auf das Detail. Allein, wenn du sowohl im Weinberg wie im Keller arbeitest, verlierst du viel von deiner Energie.»

Vorstoss in neue Dimensionen

Gauby ist nicht nur Rotwein. Ich erinnere mich lebhaft an den Coume Gineste 2000, mit dem Gérard das neue Zeitalter der weissen Roussillon-Weine einläutete. Weine mit verblüffender Mineralität. «Die wahrhafte Konzentration sind die Mineralsalze», sagt er. «Den ganzen Rest kann man im Keller zufügen. Sie aber sind das Skelett des Weins.» Deshalb spielen für ihn alkoholische und phenolische Reife keine Rolle mehr.

Mit Coume del Lloups und La Roque Blanc sind die Gaubys in eine weitere Dimension vorgestossen. Sie werden in ganzen Beeren wie Rotweine vergoren und bieten sensationelle Komplexität und Länge. Bereits wartet die weisse Version des Muntada, Jahrgang 2011, aus Gaubys ältestem Weinberg auf ihren ersten öffentlichen Auftritt. Nur braucht sie noch ein wenig mehr Zeit in der Flasche, um ihre ganze Finesse zu entfalten. Sensation garantiert.

In der Küche duftet schon das Huhn aus dem Ofen. «Ihr solltet euch aber erst noch La Roque anschauen», fordert uns Ghislaine lächelnd auf. Wir gehen am weiten Hühnergehege vorbei. «Und die Trockenheit?», frage ich. «Das ist DIE Herausforderung», erwidert Gérard. «Wenn es einfach wäre, würden wir uns langweilen», setzt er lachend hinzu. «Ich weiss nicht, wie lange es mit der Klimaerwärmung dauern wird, aber wir wissen, dass wir fähig sind, aussergewöhnliches Leben in eine Wüste einzubringen. Seit 2003 habe ich mehr als 4000 Bäume gepflanzt – als Hecken und als Wäldchen.» Er setzt sie nicht zuletzt als Windschutz ein, als Mittel gegen Verdunstung.

La Roque, heute 90 Jahre alte Grenache-Stöcke, hat Gérard vor einem Jahrzehnt gekauft. Damals waren die Reben von Termiten befallen und mit Arsen verseucht. Hier spürt man, wie sehr Gérard eins mit der Natur, mit seinem Gut ist. Da geht jemand über den Boden, den er kennt, mehr noch: den er geschaffen hat. Und der Boden federt unter seinem Schritt. Die alten Grenache-Stöcke recken sich nach oben. Voll Vitalität. Dank Gérards Hilfe haben sie sich von den Termiten befreit. Sie gehören zusammen, dieser breitschultrige Winzer und diese alten Rebrecken, die im Glas eine irrsinnige Finesse ergeben. «Es geht um Tiefe, Länge, Emotion, darum, die Energie zum Ausdruck zu bringen. Vor allem um die Energie. Das ist das Komplizierteste«, sagt er und fügt hinzu: «Das Schwierigste besteht darin, nichts zu tun.» Spricht da ein Taoist? Schon. Aber einer, der kein köstliches Schmorhuhn verschmäht.

Domaine Gauby - Ausgewählte Weine

Ob weiss oder rot, es gibt wenige Weine auf der Welt, die einen solch vibrierenden und reinen Ausdruck ihres Terroirs vermitteln. Und das zu einem Bruchteil des Preises, den man für eher langweilige Berühmtheiten zahlen muss.

Weine des Winzers

 

1 Coume Gineste – Vin de Pays des Côtes Catalanes blanc 2011

19 Punkte | 2014 bis 2036

Von alten Reben, zu gleichen Teilen Grenache Gris und Blanc. Frischer Duft von weissem Pfirsich und Zitrusfrüchten, dann Feuerstein. Am Gaumen nervig, voller Spannung, mit salziger Mineralität und grossartiger Länge, und das bei zwölf Volumenprozent Alkohol!

 

2 Vieilles Vignes – Vin de Pays des Côtes Catalanes blanc 2003

16.5 Punkte | 2014 bis 2017

Wer in diesem heissen Jahrgang im Süden Frankreichs einen derart kühlen, nach mehr als 10 Jahren noch vitalen Weisswein zu keltern versteht, muss ein Hexer sein.

 

3 Vieilles Vignes – Côtes du Roussillon Villages 2011

17.5 Punkte | 2014 bis 2031

Grenache Noir vor Carignan und Syrah. Ausbau in Betontank und Fuder. Noch violette Reflexe. Intensive, kräuterwürzige Nase. Feiner, weicher, saftiger Ansatz, rote Beeren, pfeffrige Tannine, anregend, frisch, langanhaltend.

 

4 La Roque – Côtes du Roussillon Villages 2011

19 Punkte | 2014 bis 2036

90-jährige Grenache-Noir-Reben auf schieferigem Kalkmergel. Hinreissendes Bouquet von Veilchen, Kirschen, Wildkräutern. Seidige Textur, extrem feinkörnige Tannine, sensationelle, dezent salzige Mineralität. Ganz Verführung.

 

5 Muntada – Côtes du Roussillon Villages 2011

19 Punkte | 2014 bis 2041

Diese legendäre Cuvée, inzwischen aus altem Carignan und Grenache mit etwas Syrah bestehend, erreicht mit dem Jahrgang 2011 einen neuen Höhepunkt an Finesse mit ihrem vielschichtigen Bouquet, in dem Noten von Rosen und Veilchen bezaubern. Am Gaumen ein packendes Relief mit delikater Frucht, superber Tanninstruktur und mineralischer Spannung. Ausserordentlicher Nachhall.

 

6 La Foun – Côtes du Roussillon Villages 2011

19.5 Punkte | 2014 bis 2041

Die Trauben stammen aus einer uralten Parzelle, in der Carignan über eine Fülle anderer Sorten dominiert. Grosse Intensitätin der Nase mit Aromen von Wacholder, Garigue-Kräutern und Lakritz. Fasziniert mit einem saftigen, dichten Auftakt, mit Frische, Frucht, Volumen, Würze, Mineralität und einer unglaublichen Länge. Der Wein verfügt über eine ausserordentliche Kraft, doch ohne jegliche Schwere. Grosses Potenzial.

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