Winzerlegenden: Marchesi de’ Frescobaldi

Alter Adel, frische Crus

Text: Christian Eder, Fotos: Sabine Jackson

  • Marchesi de’ Frescobaldi
    Die toskanische Frescobaldi- Palette reicht von Chardonnay über Sangiovese und Merlot bis zu Syrah und Cabernet Franc.
  • Vittorio Frescobaldi
    Vittorio Frescobaldi
  • Marchesi de’ Frescobaldi
    Während der letzten 50 Jahre haben die Brüder Vittorio, Ferdinando und Leonardo (v.r.n.l.) das Unternehmen geleitet und stetig ausgebaut.
  • Marchesi de’ Frescobaldi
    Heute leitet Vittorios Sohn Lamberto die Geschäfte.

Die Marchesi de’ Frescobaldi regieren selber über ihr Reich in der Toskana – und das aus Tradition. Während der letzten 50 Jahre haben die Brüder Vittorio, Ferdinando und Leonardo das Unternehmen geleitet und stetig ausgebaut. Heute leitet Vittorios Sohn Lamberto die Geschäfte. Ganz im Sinne der Familie, versteht sich. 

 

Die Chemie zwischen Vittorio, Ferdinando und Leonardo de’ Frescobaldi ist besonders. Das spürt man an der Art, wie sie miteinander umgehen– wie sie sich gegenseitig stützen, um die steilen, unebenen Steintreppen von Castello di Nipozzano hochzusteigen, wie sie einander zuhören, wenn sie von ihren Lieblingsschlössern und -weinen erzählen.

Marchese Ferdinando ist das Castello di Nipozzano im Gebiet von Rufina am wichtigsten, er verbindet damit Erinnerungen an eine glückliche Kindheit: «Unser Vater hat schon gesagt, dass der beste Wein von hier stammt.» Für Marchese Leonardo ist die Tenuta Castiglioni «der Ort, an dem unser Herz hängt». Das Weingut südlich von Florenz ist seit 700 Jahren im historischen Besitz der Frescobaldis. Und Marchese Vittorios Lieblingsgut ist Castel Giocondo, das Weingut, für das er so lange kämpfen musste, um es schliesslich 1989 zu erwerben: «Wenn ich Castel Giocondo sehe, geht mir das Herz auf», schwärmt er. «Die Rebberge sind perfekt ausgerichtet, und der Boden ist reich an Fossilien – das ist ideales Sangiovese-Terroir.

Vittorio ist Jahrgang 1928 und der Älteste der Marchesi de’ Frescobaldi. Jahrzehntelang haben er und seine jüngeren Brüder Ferdinando und Leonardo das Unternehmen geführt und auch die Anteile der anderen Familienmitglieder verwaltet. Marchese Vittorio war Präsident, Ferdinando für den italienischen Markt verantwortlich und Leonardo für den Rest der Welt. Unter der Ägide des weitblickenden Vittorio ist es ihnen gelungen, den rückständigen Landwirtschaftsbetrieb der 50er Jahre, in dem noch die Regeln der Mezzadria, der Halbpacht, herrschten, in einen modernen Weinbaubetrieb zu verwandeln.

Wir sitzen an einem wunderschönen Herbsttag im Castello di Nipozzano hoch über Rufina und verkosten gemeinsam einige der Weine aus den fünf toskanischen Gütern der Marchesi de’ Frescobaldi. Ferdinando, der Skifahrer und Tennisspieler, war immer ein Mann der Tat, Vittorio und Leonardo sind vom Naturell her bedächtiger, mit einem guten Gefühl für Geschäfte und Chancen. Unser Blick schweift weit über die bunten Wälder im Nordosten von Florenz und die sanften Berge dahinter. Rund um uns herumstehen sonnenbeschienene Reben und Olivenbäume. Die Wiesen und Bauernhäuser sind alle im Besitz der Marchesi.

Die Sonnenstrahlen brechen sich in den Flaschen und Gläsern, die vor uns auf dem Tisch aufgebaut sind. Wir befinden uns degustierend auf einem «Giro della Toscana», wie Leonardo schmunzelnd erklärt, einer Rundreise durch die fünf Kellereien der Familie. Jeder der drei Marchesi horcht bedächtig, wenn einer der Brüder die Geschichte und Machart eines Weines erklärt, nickt ab und zu mit dem Kopf, um etwas zu bestätigen, ergreift erst das Wort, um etwas zu konkretisieren, wenn der andere fertig ist. Die Brüder sind ein eingespieltes Team, das merkt man. Auch wenn das Tagesgeschäft inzwischen von Lamberto, Vittorios Sohn, und dem langjährigen Geschäftsführer Giovanni Geddes sowie dem Weinmacher Nicoló d’Afflitto geleitet wird, sind sie alle drei stolz, wenn sie auf die vergangenen 50 Jahre zurückblicken und auf das, was sie unter dem Namen Marchesi de’ Frescobaldi geschaffen haben.

«Je weniger man in den Keller geht, um zu degustieren, desto besser ist es», sagt Ferdinando mit einem breiten Grinsen. «Dann ist man auch nicht dafür verantwortlich, wenn etwas schiefgeht.» Ferdinando ist heute Präsident der Familienholding, Leonardo und Vittorio sind Ehrenpräsidenten der Marchesi de’Frescobaldi S.p.A. «Dass wir da oft über die Arbeit sprechen, lässt sich kaum vermeiden», meint Leonardo, während er ein Glas eines kompakt-fruchtigen Nipozzano Riserva 2011 schwenkt. «Schliesslich sehen wir uns jeden Tag.» Alle drei leben im Palazzo Frescobaldi in Florenz, dem historischen Sitz der Familie – wie schon ihre Ahnen vor ihnen und zum Teil auch ihre Nachfahren.

Altes Florentiner Geschlecht

Der Stammbaum der Frescobaldis ist gross. Dokumente belegen, dass die Familie um das Jahr 1000 vom Val di Pesa nach Florenz übersiedelte und sich am linken Arno-Ufer niederliess. Auf der Piazza de’Frescobaldi wurden ein Palazzo, eine Loggia und ein Turm, damals der höchste der Stadt, errichtet. 1252 liess ein Urahn namens Lamberto die erste Holzbrücke über den Arno bauen, um den Landbesitz des Adelsgeschlechtes mit dem historischen Stadtzentrum zu verbinden. Die lange Geschichte der Familie ist ständig präsent – immer wieder taucht sie in unseren Gesprächen auf.

Zu jedem Wein kommen aber auch persönliche Erinnerungen auf den Tisch. Leonardo gerät ins Schwärmen, wenn er von den Sommerferien auf der Tenuta di Castiglioni erzählt oder von den Brüdern, die in den gut durchlüfteten Hügeln von Castello Nipozzano oder Pomino bei der Weinlese halfen, wenn es in Florenz gar zu heiss war. Die Landarbeiter kannte man beim Namen, «sie waren quasi Teil unseres Lebens.» Daraus sei eine «Kultur des Arbeitens» entstanden, die die Marchesi auch an die neuen Generationen weitergeben wollen, an die eigenen Kinder und die Enkel. Die Familie hat sich nie auf ihren Lorbeeren ausgeruht, sondern immer die Herausforderung gesucht, meint Ferdinando: «Innovation hat in unserer Familie Tradition, diesen Geist müssen wir bewahren.»

Vittorio gibt zu, dass sie schon ein wenig stolz darauf sind,dass ihnen das bislang gelungen ist. Unter seiner Ägide wurde die Rebfläche mehr als verdoppelt: 1200 Hektar sind es heute. Von den hohen Lagen bei Pomino bis zu den Rebbergen an der südlichen toskanischen Küste nahe dem Monte Argentario, vom Chianti Rufina bis Montalcino. Und dazu kommen noch die beiden toskanischen Spitzenweingüter, an denen die Marchesi zwar die Mehrheit halten, die aber nicht unter dem Namen Frescobaldi, sondern als eigenständige Marken firmieren: Ornellaia bei Bolgheri und Luce della Vite bei Montalcino.

Mondavis Vertraute

Es ist Mittagszeit, Vittorio zerteilt ein Stück einer Tagliata und erzählt von Robert Mondavi, mit dem er 1995 eine Kooperation bei der Kellerei Luce della Vite einging – der Heimat des gleichnamigen und heute berühmten Supertoskaners. Die Partnerschaft mit Mondavi dauerte bis 2005, dann übernahm Frescobaldi die Mehrheit an dem Unternehmen. Für Vittorio ist Robert Mondavi bis heute ein gentiluomo – ein Gentleman –, mit dem ihn mehr verband als nur geschäftliche Beziehungen: «Robert Mondavi hat uns damals als Partner gewählt, weil wir für Kontinuität stehen und weil man uns vertrauen kann.» 2002 erwarben die Marchesi daher auch 50 Prozent von Mondavis Kellerei Ornellaia bei Bolgheri, 2005 gingen auch hier die gesamten Anteile an die Familie über.

Zum Frescobaldi-Imperium gehört auch die Conti Attems im friulanischen Collio, das einzige Projekt der Familie ausserhalb der Toskana. «Es gibt nur drei Orte, wo man einen grossen Sauvignon Blanc keltern kann – das Loire-Tal, Marlborough in Neuseeland und das Collio», erklärt Leonardo in diesem Zusammenhang. Und Vittorio fügt hinzu: «Jede Regel hat eine Ausnahme, auch unsere, dass wir nur in der Toskana investieren.»

Die Liebe zur Toskana ist bei den Frescobaldis wohl historisch bedingt: Zu den Ahnen der Familie zählen berühmte Literaten, Forscher, Musiker, Bankiers und Politiker – alles Florentiner. Seit dem 14. Jahrhundert produzieren die Frescobaldis Wein in der Toskana und belieferten damit im 15. und 16. Jahrhundert die Höfe Europas. Im 19. Jahrhundert brachte die Hochzeit zwischen Angelo Frescobaldi und Leonia degli Albizi die Schlösser Nipozzano und Pomino in Familienbesitz. Schon 1875 wurde ein Pomino von Frescobaldi in Paris prämiert, aber erst ab dem Jahr 1950 sorgten Lamberto Frescobaldi und sein Sohn Vittorio dafür, dass sich das Unternehmen zu einem modernen Weinbaubetrieb entwickelte. Vittorio blieb damals keine andere Wahl, als sich dem Familienunternehmen zu widmen, erzählt er: «Um zehn Uhr hatte ich meine Abschlussprüfung an der Uni, um zwölf Uhr habe ich bei Frescobaldi zu arbeiten begonnen. Aber ich habe es nie bereut.»

Gemeinsam mit Vittorios Sohn Lamberto, der für den Weinbau der Marchesi de’ Frescobaldi und des Weingutes Lucedella Vite verantwortlich ist, steigen wir nach dem Espresso in den tiefen Keller von Nipozzano. Die grossen Holzfässer sind für den Montesodi reserviert, den reinsortigen Sangiovese vom Castello di Nipozzano. Im kleinen Holz reift der Mormoreto, der Supertuscan der Marchesi de’ Frescobaldi aus internationalen Rebsorten. Alle vier – Vittorio, Ferdinando, Leonardo und Lamberto – winken jedoch entschieden ab, als sie das Wort Supertuscan hören. Schliesslich wurden Cabernet Sauvignon, Merlot und Cabernet Franc schon Mitte des 19. Jahrhunderts in diesen Rebbergen gepflanzt, seien also praktisch schon toskanisch.

Dass Innovation ebenso wichtig ist wie Tradition, zeigt das neue Prestigeprojekt der Familie: Gorgona. Der gleichnamige Weisswein aus Vermentino und Ansonica wird auf der letzten verbliebenen Gefängnisinsel Italiens, Gorgona, gemeinsam mit den Insassen produziert. Lamberto Frescobaldi: «Auch, um den Gefangenen eine Möglichkeit zu geben, einen Beruf zu lernen, den sie später ausüben können.» Das erwirtschaftete Geld wird auf der Insel reinvestiert – gerade werden neue Reben gepflanzt. Gorgona fügt sich somit in die Philosophie der Marchesi de’ Frescobaldi ein, Weinbau mit Verantwortung zu betreiben.

Die Weine von Frescobaldi sind übrigensso erfolgreich wie nie: Ihre feine Eleganz hat lange Zeit unter der Mode opulenter Alkoholbomben gelitten, die bei Vergleichsverkostungen die Nase vorne hatten. Das ist heute anders, Finesse und Typizität sind wieder gesucht. Ein Beispiel für diesen Frescobaldi-Stil sei der Giramonte, ein Merlot (mit etwas Sangiovese) der Tenuta di Castiglioni, meint Leonardo. Dieser sei kein wuchtiger Marmeladen-Merlot, sondern «vielschichtig, mit dem goût de terroir und auch elegant». Die Reben wurden an ausgesuchten Positionen gepflanzt, die ideal für diese Varietät sind. Das älteste Weingut der Familie diene damit auch als Beispiel für andere Güter. Und darauf ist Leonardo besonders stolz.

Quer durch die Toskana

Unter den vielen Weinen der Marchesi de’ Frescobaldi eine Auswahl zu treffen ist schwer, wir haben uns daher auf die Spitzenweine der toskanischen Güter beschränkt. Doch schon hier ist die Vielfalt gross, die toskanische Frescobaldi-Palette reicht von Chardonnay über Sangiovese und Merlot bis zu Syrah und Cabernet Franc.

Weine des Winzers

 

1 Castello di Pomino Benifizio Pomino Riserva 2012

16 Punkte | 2015 bis 2019

1973 war dieser holzgereifte Chardonnay ein neuer Weintyp für die Toskana, heute zeigt er sich in Hochform: komplexe Nase, harmonisch, durch die Säure sehr vif, mit einem schönen Finale auf exotischen Fruchtaromen. Kann noch reifen.

 

2 Castello di Nipozzano Mormoreto 2011

16.5 Punkte | 2016 bis 2024

Von Rebbergen in Südostlage, die dafür sorgen, dass Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc, Merlot und Petit Verdot perfekt ausreifen können. Verführerisch-vielschichtige Aromatik, Noten von Waldbeeren und Kräutern; im Mund kernig, rassige Tannine, gute Länge. Sollte man zu einem Bistecca Fiorentina geniessen.

 

3 Castello di Nipozzano Montesodi 2011

17 Punkte | 2016 bis 2024

1974 wurde der erste Jahrgang dieses reinsortigen Sangiovese gekeltert, der inzwischen nur mehr in grossem Holz ausgebaut wird. Kernige Himbeerfrucht mit feinen Blütenaromen; im Mund kompakt, die Tannine und die Säure in schöner Balance, feines, harmonisches, noch etwas zurückhaltendes Finale.

 

4 Tenuta di Castiglione Giramonte 2009

16.5 Punkte | 2016 bis 2022

Stammt von einer Einzellage mit einzigartigem Mikroklima, in der Merlot mit zehn Prozent Sangiovese verschnitten wird. Am Gaumen überzeugen klare Waldfruchtnoten, im Mund ausgewogen und sehr saftig,von grosser Länge, mit überraschender Eleganz. Wird mit der Reife noch an Schmelz gewinnen.

 

5 Castel Giocondo Brunello di Montalcino Riserva 2006

17 Punkte | 2016 bis 2024

Langlebiger Brunello-Jahrgang, ideal für einen Riserva. Verführerische Aromatik von roten Beeren und Veilchen, Säure und Tannin in perfekter Balance, lecker und anhaltend. Stammt von Rebbergen, die 400 Meter über Meer in Südposition liegen.

 

6 Tenuta Ammiraglia AmmiragliA 2011

16 Punkte | 2015 bis 2018

1997 gekauft, liegt das Weingut in der südlichen Toskana nahe Magliano. Reinsortiger Syrah, der zeigt, welches Potenzial diese Rebsorte an der toskanischen Küste aufweisen kann. Frische Kirschfrucht; im Mund knackig und füllig, lang und überraschend frisch. Passt ausgezeichnet zu herbstlichen Wildgerichten.

 

7 Luce della Vite Luce 2011

17.5 Punkte | 2017 bis 2025

Die ehemalige Kooperation mit Robert Mondavi, Luce della Vite, ist heute Teil der Tenute di Toscana und wird von Lamberto Frescobaldi geleitet. Herrliche, vielschichtige Fruchtaromatik, am Gaumen füllig und rassig. Die Tannine sind gut eingebunden. Der Jahrgang 2011 sollte noch mindestens zwei Jahre reifen vor dem Genuss.

 

8 Tenuta dell’ Ornellaia Ornellaia 2011

18 Punkte | 2016 bis 2024

Die Tenuta dell’ Ornellaia, einst von Lodovico Antinori gegründet, ist Teil der Tenute di Toscana, an denen Frescobaldi 72 Prozent der Anteile hält. Eindrucksvolles Bouquet mit Noten von frischen Beeren, Gewürzen und Blumen; der Ansatz frisch, aber von grosser Rasse, mit einem wunderbar anhaltenden Fruchtfinale.

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