Winzerlegende Telmo Rodriguez, Spanien

Einer, der auszog, den wahren Geschmack zu finden

Text: André Dominé, Fotos: Josemi Rodriguez

  • Telmo Rodriguez
    Winzerlegende Telmo Rodriguez, Spanien
  • Telmo Rodriguez
    Telmo ist kein Schönredner. Ganz im Gegenteil.
  • Telmo Rodriguez
    Der energiegeladene, sportliche Baske mit den feinen Gesichtszügen seziert seine Heimatregion unerbittlich.
  • Telmo Rodriguez
    Mit meist biodynamischem Anbau und viel Geduld rekultivierte das Duo die Weinberge.
  • Telmo Rodriguez
    Jetzt zeigt sich, in welche Dimensionen die zwei vorgestossen sind.

Telmo Rodriguez war der Erste, der ganz Spanien durchstreifte, um vergessenen Weintraditionen und Spitzenlagen nachzuspüren, als sich viele spanische Erzeuger internationalen Sorten zuwandten. Seit mehr als zwei Jahrzehnten haben er und sein Mitstreiter Pablo Eguzkiza seelenruhig ihr Ziel verfolgt, den wahren Geschmack herausragender Lagen zum Ausdruck zu bringen. Revolutionär.

«In diesem sehr alten Weingarten spürst du den Winzer. Er kam jeden Tag hierher zu seinen Obstbäumen, seinem Feigenbaum und einigen Stöcken mit Tafeltrauben. Das war schön. Und wir geben solchen alten Weingärten neuen Sinn, schenken ihnen erneut Leben, indem wir sie bearbeiten, um grosse Weine zu erzeugen.»

 

«Jetzt gibt es auch in Spanien Menschen, die für ihr Terroir kämpfen, ob auf den Kanarischen Inseln, in Galicien, in Katalonien oder der Rioja. Ich bin sehr zufrieden, denn sie zeigen, dass Spanien eine unglaubliche Zukunft hat.»

 

Telmo Rodriguez hatte uns auf einem Weinbergsweg Richtung Labastida geführt. Weit ging der Blick über die wunderschöne Weinlandschaft zu Füssen der Sierra de Cantabria. Nur der scheussliche Kellerklotz von Torres störte. Wir wandten uns lieber den alten Terrassen und Weingärten zu, wo schon im siebten Jahrhundert Wein kultiviert wurde, während man auf dem flachen Gelände Getreide anbaute. «Und was bedeutet das weisse Band an einigen Stöcken?», wollte ich wissen. «Das sind alte Rebstöcke, aber ich habe auf sie Sorten aufgepfropft, die viel interessanter sind», erwiderte Telmo, «alte Sorten aus Massenselektion. Überall hatte man früher Mischsätze im Weinberg. In Galicien gab es 120 Rebsorten. In Katalonien auch. Bei allen Projekten, bei denen ich herausragende Weinlagen übernehme, wie Tabuerniga hier – dies ist ein Grand Cru der Rioja –, erhalten wir nicht nur alte Reben, sondern wir pfropfen darauf auch alte, oft vergessene Rebsorten auf, um zu einem wahren Rioja zurückzukehren. Die Rioja war niemals zu hundert Prozent Tempranillo. Das nenne ich banal!»

Telmo ist kein Schönredner. Ganz im Gegenteil. Der energiegeladene, sportliche Baske mit den feinen Gesichtszügen seziert seine Heimatregion unerbittlich. In ihren Dörfern stehen beeindruckende Herrenhäuser und Paläste, meist Zeugen aus dem 18. Jahrhundert, als die einheimischen Familien offensichtlich Reichtum erwarben und Dörfer für ihren Wein berühmt waren. Doch die zuerst Frankreich heimsuchende Reblausplag ebrachte eine enorme Umstrukturierung. Damals wurden Kellereien gegründet, die Trauben ankauften, sie nach Bordeaux-Stil in Barriques ausbauten und damit Bordelaiser Handelshäuser belieferten. Die Eigentümer lebten in Bilbao oder San Sebastián. Auch im 20. Jahrhundert dominierte diese Struktur, bei der Weinbauern zu wenig Geld für ihre Trauben erhielten, um sich auf Qualität ausrichten zu können. «Das Modell der industriellen Rioja, das war die Falle, das Ende der Rioja», betont Telmo. «Die Leute sind schockiert, wenn ich das sage. Aber die interessante Rioja, das ist die Rioja der Dörfer.» So wie sie vor der Reblauskatastrophe bestand.

Ein Château in der Rioja

In den 1980er Jahren erregte ein Name aus der Rioja internationales Aufsehen: Remelluri. Im 14. Jahrhundert war das Gut von Mönchen des Klosters Toloño, dessen Ruine hoch darüber auf dem Bergrücken steht, gegründet worden. Telmos Vater Jaime Rodriguez und dessen Frau erwarben das traumhafte alte Anwesen der Granja Nuestra Señora de Remelluri 1968 als Landsitz. Die damals bestehenden 15 Hektar Rebfläche veranlassten sie, sich mit der Weinproduktion zu befassen. So wurde Remelluri zum ersten unabhängigen Château-ähnlichen Weingut der Rioja. «Ich erinnere mich – ich war damals ein Kind –, dass wir oft bei Schnee die Weinlese machten. Wir sind auf 650 Metern! Und hier gibt es viel Nordwind. Es gab viel Garnacha, weil das eine sehr robuste Sorte ist, die dem Wind gut widersteht. Und übrigens, nie wurde auch nur ein Gramm Herbizid hier gespritzt.»

Auf Umwegen kam Telmo zur Önologie. Viel stärker fühlt er sich aber dem Weinbau, der Kultivierung von Reben auf besonderen Lagen, verbunden. Damit hatte er in Bordeaux Ende der 1980er Jahre, als man dort noch der Ansicht war, Wein würde im Keller gemacht, wenig Berührung. Deshalb suchte er andere Lehrmeister. «Bei Eloi Dürbach und Gérard Chave entdeckte ich eine Welt, die ich sehr liebte. Für mich waren sie die wahren Helden. Das waren Menschen, die haben für ihr Terroir, ihre Parzellen gekämpft. Diese Leute hatten die Courage, wirklich unglaubliche Weinberge zu bearbeiten. Und hier? In der Rioja kämpft niemand für sein Terroir. Die Leute hier haben den Kontakt mit den Reben verloren.» Zum Glück gibt es neue Ansätze, selbst in der Rioja. Und in anderen Regionen, in Katalonien, auf Mallorca und den Kanarischen Inseln, vor allem aber in Galicien. «Jetzt gibt es auch in Spanien Menschen, die für ihr Terroir kämpfen. Ich bin sehr glücklich darüber, denn sie zeigen, dass Spanien eine unglaubliche Zukunft hat. Früher waren 99 Prozent der Weine, die ich für mich kaufte, französische oder deutsche Weine. Heute beginne ich iberische Weine zu kaufen und zu trinken, aber ich finde es uninteressant, industrielle Weine von Unternehmen zu kaufen, die Millionen von Flaschen machen.»

Mit Respekt und Geduld

Drei Jahre sammelte Telmo Erfahrungen bei Eloi Dürbach auf der Domaine de Trévallon, dann wusste er, was er wollte. Doch zurück auf Remelluri stiess er auf Widerstand. Heute sieht er das als Glück an. Denn so sah er sich gezwungen, Remelluri den Rücken zu kehren und seinen eigenen Weg zu gehen. Mit Freund Pablo. Während viele damals in Spanien Cabernet pflanzten und auf Drahtrahmenerziehung umstellten, gingen die Freunde nach Navarra und machten aus alten Garnacha-Reben den Wein Alma. Günstig und gut, ein Trinkvergnügen. Von Anfang an bestand ihre Philosophie darin, sich auf einheimische spanische Sorten zu konzentrieren. Ins Schwarze trafen sie mit Basa aus Rueda, der die Sorte Verdejo international bekannt machte. «Ich ziehe es vor, Basa oder Al Murvedre in Alicante zu machen, die ich günstig verkaufe, aber bei denen ich ehrlich bleibe, statt einen schlechten grossen Wein anzubieten», bemerkt Telmo.

Unablässig durchstreiften Telmo und Pablo Spanien, immer bereit für neue Projekte mit engagierten Weinbauern, wenn sie mit einer typischen Sorte den Charakter eines Gebiets ausdrücken konnten. So entstanden in Toro die Lagenweine Dehesa Gago und Gago, in Valdeorras der Gaba do Xil Mencía und der Godello, in Cigales die Viña 105, in der Ribera del Duero der Gazur, in Málaga der MR und in der Rioja die Crus LZ und Corriente. Zugleich aber hielten sie immer Ausschau nach besonderen, für grosse Weine vorbestimmten Lagen. Dabei vergass Telmo die Rioja keineswegs. Im Gegenteil. Um an die einstige Tradition anzuknüpfen und zugleich ein anderes, vom Burgund inspiriertes Modell einzuführen, kreierte er Lanzaga, einen Villages-Wein. Beim Dorf Lanciego windet sich der Weg steil hinauf auf ein Plateau. Nur niedrige Reben, zerzauste Mandelbäume, knorrige Olivenstämme. Ein spektakuläres Terroir für Garnacha. Plötzlich versperrt ein breites Stahltor den Weg. Erst dahinter erscheint die avantgardistische Bodega Lanzaga. Sie duckt sich und taucht in den Boden ein. Selbst aus geringer Entfernung unsichtbar. «Unser Projekt hat eine menschliche Grösse: Wir haben 15 Hektar Weinberge, das sind 40 000 Flaschen, und damit drücken wir einen Villages aus. Wer in der Rioja Erfolg hat, zeigt dies in Gebäuden. Bei unserem Projekt in Lanciego geht es darum, das Konzept des Respekts zu zeigen und eine gute Rebkultur zu praktizieren. Ich denke, das ist eine sehr gehaltvolle Botschaft, die kaum jemand vor uns vermittelt hat.»

Der nächste Schritt zielte auf Grands Crus. Wie As Caborcas und Falcoeira in Valdeorras. «Um einen grossen Wein zu machen, muss man die Weinlage erkennen und sie bearbeiten. Man muss lernen. In Galicien brauchten wir 13 Jahre, um einen grossen Wein zu machen.» In der Rioja wartete Telmo sogar 20 Jahre! «Jetzt zeige ich dir Las Beatas, denn die Rioja hat viel zu erzählen mit ihren ‹lieux-dits›, ihren Parzellen. Und die Rioja hat Parzellen auf Weltniveau. Da spricht man nicht über Technik und Prozesse, sondern da spricht man über die wahren Dinge. Las Beatas ist nicht nur ein schöner Ort, das ist ein radikales Konzept. Was war die Rioja früher? Was kann sie sein? Das ist der Mischsatz, eine Art und Weise zu arbeiten, eine aussergewöhnliche Kultur. Ich erhebe den Anspruch, mit Las Beatas den wahren Geschmack der Rioja zu zeigen.»

Meine Freundin Spoon

Spoon, Telmos quirlige Foxterrierhündin, sprang sofort in den Wagen. Auf der Strasse nach Briones bog Telmo in einen Sandweg ab und stoppte wenig später vor einem Hang. Wir stiegen die Terrassen hinauf zu den ältesten Rebstöcken. Als 1992 ein alter Winzer sie Telmos Vater anbot, lehnte der ab. Für Telmo aber war der Weinberg eine Offenbarung: ein Stück unverfälschte Rioja. Doch er schwieg. Am Tag darauf besuchte er den Alten. «Ich verspreche dir, niemals wird eine Maschine deinen Weinberg berühren», sagte er ihm, und der Alte schlug ein. Über 20 Jahre restaurierte Telmo diese und die angrenzenden Parzellen mit Mischsatz und in biodynamischem Anbau. «Was war die traditionelle Rioja? Wir sind weitergegangen, in einen unterirdischen Keller, wo die Familien vor 200 Jahren Wein machten.» Er befindet sich in Ollauri. Wir treten in eine andere Welt ein, eine Welt der Kühle und Stille, der Andacht. Selbst Spoon wird ruhig. «Ich gebe zu, über 20 Jahre habe ich viel gelitten, weil ich niemals einen Wein geliebt habe», gesteht Telmo. «Aber diesen hier, den liebe ich sehr. Der gibt mir eine Gänsehaut.»

Treffen der Pioniere

Im Mai 2016 veranstaltete Telmo Rodriguez auf Remelluri die «Erste Zusammenkunft der Rebkulturen», ein zweitägiges Treffen von Winzern und Experten, um gemeinsam über die Zukunft des spanischen Weinbaus nachzudenken. Da es heute fast überall in Spanien neue Projekte gibt, bei denen sich Winzer auf Lagen und Terroirs ausrichten, ging es darum, das einzigartige Potenzial Spaniens zu erkennen und die Bedeutung des selbst Weinbau betreibenden und vinifizierenden Winzers herauszustellen, der in Spanien noch immer fast eine Ausnahme ist. So lautete die Devise. Eine beachtliche Anzahl von Winzerpionieren kam zu dem Treffen und stellte ihre eigenen Ansätze vor. Reinhard Löwenstein und Hansjörg Rebholz erklärten den spanischen Kollegen Struktur und Funktion des VDP.

Künftige Grands Crus Spaniens

Wo immer Telmo Rodriguez und Pablo Eguzkiza in Spanien auf Spitzenlagen stiessen, wurden diese erworben. Mit meist biodynamischem Anbau und viel Geduld rekultivierte das Duo die Weinberge. Jetzt zeigt sich, in welche Dimensionen die zwei vorgestossen sind.

VIÑEDOS TELMO RODRIGUEZ

Las Beatas 2012, DO Ca Rioja

20 Punkte | 2016 bis 2037

Bereits 1992 erworbener alter Weinberg und angrenzende Terrassen bei Labastida. Insgesamt 1,9 Hektar. Über 20 Jahre gründlich restauriert mit einem Mischsatz alter Rebsorten. Im 200 Jahre alten unterirdischen Keller spontan vergoren und in Fudern ausgebaut. 1498 Flaschen. Mitteldunkles leuchtendes Schwarzrot. Einzigartig komplex, Aromen von Thymian, Lorbeer, Wildkirsche, Wacholder, Blutorange, feine Rauchnote und Gewürze wie Nelken und Cumin. Erobert augenblicklich die Mundhöhle, seidig, voll und frisch, zugleich vibrierend und mineralisch mit begeisternder Präsenz, Spannung und Finesse. Ein Geniestreich.

As Caborcas 2013, DO Valdeorras

19 Punkte | 2016 bis 2028

Alte steile Terrassen am Bibei-Fluss in Galicien auf 550 bis 600 Meter Höhe, mit Granitböden und einem Mischsatz aus 50 bis 70 Jahre alten Reben, vorwiegend Mencía mit Merenza, Sousón, Garnacha, Godello und Brencellao. Ausbau zwölf Monate in grossen Fässern. 2496 Flaschen und 100 Magnums. Klares schönes Kirschrot. Herrlich eleganter Duft nach Veilchen, Roten Johannis- und Waldhimbeeren, feine Noten von Zimt und Kardamom. Unglaublicher Auftakt, so seidig und belebend mit roten Beeren und atlantischer Frische, sehr feinen, pfeffrigen Tanninen, beschwingt und inspirierend.

Falcoeira «A Capilla» 2012, DO Valdeorras

18 Punkte | 2017 bis 2027

Eine einzelne, in Vergessenheit geratene Parzelle, hoch am Hang über dem Fluss Bibei auf sehr kargem Boden, neu bestockt im traditionellen Mischsatz. 1180 Flaschen. Tiefes Kirschrubin. Zeigt sich zunächst reduktiv und benötigt viel Luft. Dann öffnet er sich mit Wildkräuterduft, frischen Brombeeren, dezenten Würznoten. Am Gaumen frischer, lebendiger Auftakt mit Sauerkirschsaft, klar, animierend, geradlinig wie ein Pfeil, feinkörnige Tannine, schöne Dichte, unterschwellige Salzigkeit, enorm lang und belebend.

Alto Lanzaga 2011, DO Ca Rioja

18.5 Punkte | 2016 bis 2031

Der Star der Bodegas Lanzaga in Lanciego stammt aus sieben Parzellen, zusammen vier Hektar uralter Reben von Tempranillo, Graciano und Garnacha in biodynamischem Anbau. Steinige Kalkböden auf 500 bis 600 Meter Höhe. Ausbau: 18 Monate in Fudern und Barriques. 2530 Flaschen. Dunkles Rubinrot. Komplexes Bouquet mit reifer schwarzer Beerenfrucht, viel süsser Würze, Noten von Kakao und Tabak. Im Geschmack sehr elegant mit reifer Frucht, integrierter Würze, verschmolzenen Tanninen, dabei reizvolles Relief, feine Mineralität, noch immer erstaunlich saftig, sehr ausgewogen und ausgezeichnete Länge.

Molino Real 2010, DO Málaga

18 Punkte | 2016 bis 2043

Von steilen Hängen auf 550 Meter Höhe oberhalb der Stadt Málaga und der Küstenebene. Reiner, im Gobelet erzogener Moscatel von neun Hektar eigenen Reben. Telmos Initiative, dem einst bekanntesten spanischen Wein eine neue Zukunft zu geben. Schönes Zitronengold. Sehr intensiv mit Aromen von Orangenblüten, Zitronenzeste, Quittenpaste, Honig, gerösteten Mandeln, Rauch und Gewürzen. Köstliche, leicht ölige Finesse, kandierte Zitrusfrüchte, wunderbar präzise Aromen, reizvolle Frische, enorme Länge, ohne jegliche Klebrigkeit.

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