Niederfall der fränkischen Prädikatsweingüter mit technischen Raffinessen

13.11.2009 - aw-yoopress-cs arthur.wirtzfeld

DEUTSCHLAND (Würzburg) - Der VDP Franken hatte diese Woche zu einem ungewöhnlichen *Niederfall eingeladen. Dieses Mal waren die Gastgeber die Traditionsweingüter Bürgerspital zum Hl. Geist und Juliusspital und es gab bemerkenswertes zu hören und zu sehen. Mal abgesehen vom Tenor der VDP-Winzer, dass just im Jubiläumsjahr des Silvaners der 2009er Jahrgang ein außergewöhnlicher sein werde, beide Güter und die eingeladenen Winzer gemeinsam feine Tropfen zum Verkosten anboten und den Abend bei interessanten Gesprächen harmonisch gestalteten, präsentierten Weingutsdirektor Robert Haller und Weingutsleiter Horst Kolesch die neuen raffinierten Techniken ihrer Betriebe.

 

Erste Station: Weingut Bürgerspital

"Wir waren auf der Suche nach einem schonenden Transportsystem, das darüber hinaus auch leicht zu handhaben und schnell sein musste", erklärte Weingutsdirektor Robert Haller vom Weingut Bürgerspital seinen Kollegen und der Presse. "Leider sind wir nicht in Deutschland sondern in Frankreich fündig geworden."

Der "Traubentransporter", ein hydraulisch betriebener Kippanhänger auf zwei Achsen der französischen Firma "Sthik" entsprach am ehesten den Vorstellungen von Haller. Nachdem dann die Franzosen ihren Hänger Haller´s Anforderungen angepasst hatten, insbesondere verlangte er eine Zuggeschwindigkeit von 60 km/h und man diesen zudem noch für den deutschen TÜV modifiziert hatte, speziell wurde das Bremssystem verstärkt, wurde man für rund 40.000 Euro handelseinig.

"Der relativ hohe Kaufpreis amortisiert sich locker", erklärte Haller. "Wir bewältigen bei der Lese bis zu 30 km Transportwege zwischen unseren Weinbergen und dem Keller. Mit diesem Traubentransporter sind wir schnell, flexibel und die technischen Raffinessen, insbesondere der schonende Transport des Lesegutes sind beeindruckend."

"Der Traubentransporter fasst bis zu 7 Tonnen Traubenmaterial", erläutert Haller weiter. "Dabei verteilt sich diese Masse auf eine maximale Höhe von 80 Zentimetern, was kaum zu einem Druck führt, sodass die Trauben nicht schon beim Transport übermäßig gequetscht werden. Traubensäfte, die sich dennoch bilden, werden durch im Boden des Hängers eingelassene Siebe in einem zweiten Unterboden gesammelt. Der besondere Clou besteht darin, das sich einerseits das Entleeren in jedwede weitere Technik individuell anpassen lässt und andererseits, dass sich der konisch zulaufende Ausgang in einstellbare Schwingungen versetzen lässt, was wiederum einen schonenden Ausladeprozess garantiert."

Das "neue" Kelterhaus des Weingutes Juliusspital ist an das Parkhaus des Spitals angegliedert. Auf den ersten Blick ist von außen nicht zu erkennen, was sich innen an Möglichkeiten, moderner Technik und innovativer Raumgestaltung verbirgt. Innen gewinnt man den Eindruck, als habe man die Arbeitsstationen so gestaltet, dass man intuitiv arbeiten kann. Alles ist genau dort, wo man es braucht - einfach perfekt.

"Es ist deswegen so perfekt gestaltet, weil unser Chef (gemeint ist Horst Kolesch) die gesamte Mannschaft, vom Kellermeister Benedikt Then bis zu den Packraumleuten mit in die Überlegungen und Planungen involviert hat", erklärt Vertriebsleiterin Kordula Geier vom Weingut Juliusspital auf unsere Nachfrage. "Außerdem hat uns insbesondere auch beim Traubenaufzug die Technikabteilung des Krankenhauses unterstützt, insofern ist unser Kelterhaus wirklich ein gemeinsames Projekt von uns allen."

Der Leiter des Geschäftsbereichs Landwirtschaft, Weinbau und Forsten der Stiftung Juliusspital Würzburg, Horst Kolesch, führt seine Kollegen ohne Umschweife zum Herzstück der Anlage - dem "Traubenlift-Grape-Tec". "Im Rahmen unserer Neugestaltung des Spitalparks mit dem Parkhaus in der Mitte waren die baulichen Möglichkeiten vorgegeben. Hier mussten wir nun überlegen, wie schaffen wir die Integration der Technik", erklärt Horst Kolesch und führt an: "Dabei betraf eine der wichtigsten Fragen den schonenden Transport des Traubenmaterials, aber gleichermaßen waren uns die Flexibilität in den weiteren Arbeitsschritten und letztlich die Energieeffizienz wichtig. Wir haben uns verschiedene Systeme angesehen und dann unseren eigenen Traubenaufzug entwickelt."

Dafür musste man in dem bestehenden Gebäude gleich in drei Decken entsprechende Einschnitte anbringen, was wiederum die Statiker zum Schwitzen brachte. Doch Kolesch war sich von Anfang an sicher: "Dieses System, versehen mit unseren technischen Modifikationen, ist ideal für unsere Situation."

Nun nach fünf Jahren im Einsatz hat sich der Traubenaufzug bestens bewährt. Das Traubenmaterial kann von Außen recht einfach in die 10.000 Liter fassende Wanne des Traubenaufzugs entladen werden. Danach fährt die Wanne über drei Etagen 14 Metern hoch bis sie Zentimeter genau unter der obersten Decke zum Stehen kommt. Hier werden die Trauben und Säfte mit leichtem Gefälle - "Als ob man sie sanft mit der Hand schiebt", erklärt Kolesch - mittels einer Übergabeschürze in kühlbare Trauben und Maischebehälter übergeben. Und von dort aus, immer in Abwärtsrichtung, lassen sich verschiedene Pressen bedienen.

Über diese technischen Details, die Haller und Kolesch am frühen Abend präsentierten, diskutierte man anschließend in der gemütlich hergerichteten Füllhalle des Weingutes Juliusspital. Die Winzer hatten ihre Lieblingsweine mitgebracht und berichteten unter der Leitung und Moderation von Karl Martin Schmitt (Weingut Schmitts Kinder, Vorsitzender des VDP-Franken) in entspannter Atmosphäre von ihren Eindrücken der 2009er Lese.

Ich habe nicht alle Weine probieren können, dafür waren die Gespräche doch zu intensiv. Aber aufgefallen und immer noch präsent sind mir der "2007er Riesling Teufelskeller Großes Gewächs" vom Weingut Bürgerspital, der "Blanc de Noir" vom Weingut Juliusspital, der "Weißburgunder GG" vom Weingut Störrlein und, wen wird es wundern, die Beerenauslese Jahrgang 1967 vom Fürstlich Castell´schen Domänenamt, mit ihrer feinen Sherrynote.

Dazu bemerkte der anwesende Weinjournalist Rudolf Knoll: "Ich habe die 67 Casteller Beerenauslese 1994 bei einer großen Silvanerprobe mit 20/20 Punkten bewertet, dann zwei Flaschen gekauft, eine davon ein paar Jahre später aufgemacht, dann im Anbruch im Zweitkühlschrank vergessen, nach einer längeren Zeit wieder entdeckt, probiert, für gut befunden und mich dann zu einem Langzeit-Versuch entschlossen. Gestern habe ich die BA (noch ca. 0,15 l Inhalt) erneut geöffnet, probiert und eigentlich keinen Unterschied zum frisch geöffneten entdeckt. Echt sensationell, wie stabil diese BA ist."

*Niederfall: Ein in Mittel- und Unterfranken volkstümlicher Begriff für den Abschluss von bäuerlichen Arbeiten, insbesondere die Erntezeit betreffend, speziell die Bezeichnung für die Traditionsfeier der Winzer am Ende der Weinlese.

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