Weinbau in Thüringen: Das nächste Abenteuer des Prinzen zur Lippe

18.10.2010 - R.KNOLL

DEUTSCHLAND (Meißen) - Vor 20 Jahren erklärten ihn einige Leute für verrückt, als er seinen guten Job bei der Unternehmensberatung Roland Berger in München aufgab und sich entschloss, die Chance der Wende zu nutzen. Nämlich das einstige Familienweingut in Sachsen wieder aufzubauen. Schloss Proschwitz bei Meißen war bis 1945 ein Vorzeigebetrieb gewesen. Dann wurde die Familie zur Lippe enteignet und vertrieben. Als Dr. Georg Prinz zur Lippe (Jahrgang 1957) Anfang der neunziger Jahre den einstigen Familiensitz sah, war er entsetzt vom baulichen Zustand.

 

Heute steht das Schloss, das er später zurückkaufen konnte, prächtig renoviert da, ist wieder ein Schmuckstück im Dörfchen Proschwitz und Schauplatz zahlreicher Veranstaltungen. In zwei Kilometer Luftlinie, in Zadel, befindet sich das gut funktionierende Weingut, zu dem ein Hotel und ein Restaurant gehören. Durch zugekaufte und gepachtete Rebfläche ist das Gut inzwischen bei 81 Hektar Fläche angekommen. Gelegentlich weist der Prinz auf die Rolle der geduldigen Banken hin, die viel zur Finanzierung der Käufe und Baumaßnahmen beigetragen haben und auch nicht unruhig werden, wenn Frost und in diesem Jahr noch Hagel die Ernte beeinträchtigen. „Wir haben eine gute Finanzdecke und ausgezeichnete Sicherheiten“. Das weiß er und das wissen auch die Bankmanager.

Man könnte meinen, der 53-Jährige würde sich jetzt angesichts des Geschaffenen etwas zurück lehnen. Nichts da! Vor einigen Jahren ließ er sich auf das nächste Abenteuer ein. 2005 sprach ihn Volker Sklenar, seit 1990 amtierender Minister für Landwirtschaft, Forsten, Umwelt und Naturschutz an, ob er sich vorstellen könne, dem Thüringer Weinbau Impulse zu geben. Im Freistaat wurde früher intensiv Rebbau betrieben. Erste Akzente nach der Wende setzte das 1992 gegründete Thüringer Weingut Bad Sulza, das dem Anbaugebiet Saale-Unstrut (Bestandteil von Sachsen-Anhalt) zugeschlagen wurde. Schon vorher, zu Zeiten der DDR, war im Zusammenhang mit Plänen für eine merkliche Erweiterung der Rebfläche immer wieder Thüringen im Gespräch. Aber umgesetzt wurde nichts.

Der Erfurter Minister (der 2009 nicht mehr weiter machte) empfahl Fluren im Umfeld von Weimar, weil auch der Tourismus vom Weinbau – und umgekehrt – profitieren könne. Lippe studierte die Möglichkeiten, begann Verhandlungen mit Grundbesitzern, wie schon Anfang der neunziger Jahre, als er sich an der Elbe ein Areal nach dem anderen sichern konnte. „Diese Erfahrungen waren sehr wertvoll, obwohl das damalige Misstrauen der Besitzer gegenüber einem aus dem Westen heute nicht mehr spürbar ist.“ Um kein Risiko einzugehen, ließ er die ins Auge gefassten Fluren von einer Geisenheimer Studentin auf Weinbautauglichkeit untersuchen. Franziska Zobel nutzte dies für ihren Abschluss auf der Weinuni – und wurde anschließend gleich vom Weinprinzen für das Weinbergmanagement verpflichtet.

2007, mit der ersten Pflanzung, begann ihre Arbeit. Drei Jahre später konnte die erste Ernte eingefahren werden. Vorläufig stehen 10 Hektar im Ertrag, in wenigen Jahren werden es 47 Hektar in sanften Hanglagen sein. Weil sich im Boden viel Muschelkalk befindet, setzt Georg Prinz zur Lippe vor allem auf die Burgunderfamilie in Weiß und Rot (63 Prozent Flächenanteil). Dazu kommen noch je 12 Prozent Müller-Thurgau, Dornfelder sowie im kleinen Umfang Sauvignon blanc und Rieslaner.

Die Erntemenge ist mit gut 15 000 Liter gering. Aber die Junganlage trägt noch nicht viel. Außerdem wurde sehr selektiv gearbeitet. Für den Gutsbesitzer sind die 20 000 Flaschen, die er verkaufen kann, dennoch sehr willkommen, weil er in Sachsen zum zweiten Mal hintereinander nur wenig geerntet hat. Absatzsorgen hat er jedenfalls nicht; knapp 5000 Flaschen Thüringer Wein waren bereits vor Erntebeginn verkauft.

Im ersten Jahr war noch das Problem zu lösen, wo der Ausbau vonstatten gehen soll. Denn einen eigenen Keller hat das Weingut zu Weimar (der erst kürzlich fixierte Name) noch nicht. So ist Kellermeister Ingo Uthmann in Zadel tätig, allerdings räumlich streng getrennt von der „Abteilung Schloss Proschwitz“. „Wir mussten aufpassen, dass wir keine Probleme mit der Weinkontrolle bekommen“, erläutert Lippe. Dass die Weine von zwei unterschiedlichen Betrieben in einem gemeinsamen Keller vinifiziert werden, ist nicht zulässig. Bald wird es das Problem nicht mehr geben. Der Jahrgang 2011 soll bereits in Weimar oder Umgebung ausgebaut werden. Zwei mögliche Standorte hat der Eigentümer ins Visier genommen, die Entscheidung soll in wenigen Wochen fallen, wenn die jeweilige Finanzierung genau durchgerechnet ist. Sicher ist jetzt schon, dass mit dem neuen Weingut rund 20 Arbeitsplätze geschaffen wurden und damit vielleicht die Saat für ein eigenes Anbaugebiet Thüringen gelegt wurde. Vorläufig gehört das Weingut zu Weimar noch zu Saale-Unstrut, dessen Kernstück rund 50 Kilometer entfernt ist.

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