Seitensprung-Guide: Single Malt

Vergiss Schottland

Degustation: Ursula Geiger, Andi Spichtig, Hansjürg Zehnder, Text: Ursula Geiger

Wie könnte man die Hochburg der Single Malts einfach ad acta legen? Schliesslich dient das «uisge beatha», das «Wasser des Lebens», von den Britischen Inseln als Vorbild für die Brenner in der Schweiz, in Österreich und Deutschland. Und die beherrschen ihr Handwerk perfekt und destillieren aus bestem Malz fein-gliedrige, geschmeidige Whiskys, die eine Entdeckung wert sind.

Die Whisky-Geschichte in den CHAD-Ländern Schweiz, Österreich und Deutschland ist extrem unterschiedlich. In der Schweiz war es nach dem Ersten Weltkrieg verboten, aus Grundnahrungsmitteln wie Getreide oder Kartoffeln Hochprozentiges herzustellen. Zwar wurde die Lebensmittelrationierung in der Eidgenossenschaft 1947 aufgehoben, doch das Brennverbot blieb erhalten. Kartoffeln durfte man ab 1997 wieder zu Hochprozentigem verarbeiten, für Getreide fiel das Verbot mit dem Beginn des Brennerjahrs am 1. Juli 1999. Zu dieser Zeit waren die Single Malts aus Schottland schon en vogue und die teuren Produkte bedienten einen Markt, der konstant wuchs. Der erste Schweizer Bierbrand wurde im Berner Oberland von der Brauerei Rugenbräu destilliert, die ihr Produkt am Vorabend des Brennverbots, also am 30. Juni 1999, präsentierte. Etliche Brennereien folgten und prägen seither die Schweizer Whisky-Landschaft mit heute rund 60 verschiedenen Whisky-Marken. Dennoch decken die Schweizer ihre Lust auf Whisky durch den Import. So wurden im Jahr 201 4 18 000 Hektoliter reiner Alkohol in Form von Whisky in die Schweiz importiert, demgegenüber standen 380 Hektoliter reiner Whisky-Alkohol.

Nachkriegsgeschäft
In Deutschland gibt es mittlerweile weit über 100 Brennereien, die Whisky herstellen. Doch die Geschichte des deutschen Whiskys beginnt mit einem Markenprodukt zur Zeit des Wirtschaftswunders und unter dem Einfluss der Trinkgewohnheiten der Alliierten und der Deutschen, die diese kopierten. Doch Scotch und Bourbon waren wegen der hohen Importzölle damals Luxusprodukte und für Otto Normalverbraucher unbezahlbar. Diese Lücke nutzte Harro Moller-Racke von der Binger Wein- und Spirituosenhandelsfirma Adam Racke und lancierte 1958 einen Whisky-Blend aus Scotch und deutschen Getreidebränden und füllte die ersten 850 000 Flaschen. Ursprünglich sollte das Produkt Red Fox heissen, doch die schottische Whisky-Industrie wehrte sich dagegen. Darum heisst der Whisky seit 1961 Racke Rauchzart. Das rote Füchslein auf dem Etikett ist aber geblieben. Seit den 1970er Jahren wird in Deutschland Whisky auch von kleinen Produzenten gebrannt. Eine der ersten Destillerien, die das «Wasser des Lebens» nach schottischem Vorbild produzierte, war wohl 1999 Florian Stetter am Schliersee in Oberbayern. Er nannte sein Unternehmen Slyrs, denn ein bisschen keltisch-gälischer Einfluss macht sich auch in Bayern gut. Stetters Single Malt lehrte gar die Schotten das Fürchten und holte sich 2014 bei den World Whisky Awards in London den Titel «Bester Single Malt Europas». Heute reifen die Slyrs-Whiskys in 3000 Fässern verschiedener Herkunft. Ein Teil der Produktion erhält ein zusätzliches Finishing und noch mehr Komplexität in Fässern, die einst Sherry, Port, Sauternes, Madeira oder Rum beherbergten. Seit einigen Jahren stehen 40 Fässer im «Hochlager» auf dem Gipfel des 1500 Meter Stümpfling. Dort schnuppert der Whisky Höhenluft und gerät noch feiner und balancierter. Mit salziger Atlantikluft, Torfrauch und den daraus resultierenden dunkelwürzigen-iodigen Noten können die Whiskys aus CHAD-Land nicht dienen. Warum auch. Sie sind charakterstark genug, um mit den Schotten mitzuhalten.

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