Châteauneuf du Pape 2016

Der absolute Rundum-glücklich-Jahrgang

Verkostung und Text: Barbara Schroeder, Rolf Bichsel, Foto: Rolf Bichsel

Dass gelungene Jahre aufeinander folgen, sich aber nicht unbedingt gleichen, illustriert der Fall der prominentesten Rhône-Süd-Ecke gleich doppelt und dreifach. Nach einer Reihe guter bis sehr guter Jahrgänge konnten die Winzer von Châteauneuf du Pape den 80. Geburtstag der Erlangung ihrer AOC mit einer Spitzenernte feiern. 2016 hat die Kraft, das Feuer und den Extrakt legendärer Jahre wie 2010, 1998 oder 1990.

Die Rhône-Appellation mit den besonderen Böden, den 13 Traubensorten und dem besonders heissen und meist trockenen Klima kann auf eine fast ununterbrochene Linie guter bis hervorragender Jahrgänge zurückblicken. Da sind der imposante 2010er, die eleganten 2011er, 2012er und 2014er, der erstaunlich bekömmliche 2013er, der füllige 2015er. Doch 2016 schlägt sie alle. Das gilt auch für die beiden folgenden Ernten: 2017 ist verrieselt und mengenmässig bescheiden, und 2018 hat unter der ungewöhnlich feuchten Witterung gelitten, die im Süden Frankreichs herrschte (während es im Norden extrem trocken war). 2016 hingegen stimmte einfach alles. Auf einen milden Winter folgte ein trockener, eher kühler Frühling, der Sommer war trocken und heiss, aber nie schwül und drückend: Der Unterschied der Tag- und Nacht-Temperaturen blieb beträchtlich. Das förderte nicht nur die optimale Entwicklung der Aromen, sondern auch der Gerbstoffe. In den sechs Wochen der Ernte fuhren die Winzer vom Anfang bis zum Ende besonders gesunde, perfekt reife Trauben ein. Mit einem Durchschnittsertrag von 32 Hektolitern/Hektar (erlaubt sind 35 Hektoliter) gehört 2016 auch mengenmässig zu den Wonnejahren. Auffallend ist die hohe Durchschnittsqualität. Selbst weniger bekannte Betriebe brachten ausgezeichnete Weine ein. Aufgrund des Tanninreichtums ist 2016 generell ein Jahr für den Keller, besonders, was die Spitzencuvées anbelangt, die ja gemeinhin später abgefüllt werden als die sogenannten «Traditionellen», die Basiscuvées eines Betriebs. Auch wenn die Weine aufgrund der besonderen Balance von Feuer, Frische und Extrakt mit Schliff bereits jung getrunken Freude machen können.

Zahlen und Fakten

Mit rund 3100 Hektar Reben gehört Châteauneuf du Pape nicht nur zu den grössten Rhône-Appellationen: Sie ist auch die bekannteste. Ein einmaliges Mosaik karger Böden von Kalk, Lehm, Kies und Sand erstreckt sich über vier Gemeinden: Das Winzerdorf Châteauneuf selber, das auf 120 Metern Höhe über allen andern thront; Bédarrides, Sorgues, Courthézon und Orange. Die Jahresproduktion schwankt zwischen sieben und acht Millionen Flaschen.

Herkunft

Die Idee, das charakteristische Winzer-dorf rund um die Burgruine mit den Päpsten von Avignon in Verbindung zu bringen, die hier rund um ihre Sommerresidenz bereits seit dem 15. Jahrhundert Wein angebaut hätten, ist schlicht genial. Selbst wenn vom «Wein der Päpste» erst ab dem 17. Jahrhundert die Rede ist und der Aufstieg zum Spitzenweinproduzent ins 19. Jahrhundert gehört. Zu Châteauneuf du Pape wurde das ehemalige Châteauneuf-Calcernier sogar erst 1893.

Wenn ich einer plötzlichen Urlust auf Fleisch und Feuer nachgebe und Eleganz und Finesse für einmal links liegen lasse, lande ich fast immer in der päpstlichen Kellerecke. Jung ertrage ich sie allerdings nur in den «bekömmlicheren» Jahren wie 2013. Die überbordende Fruchtigkeit und Fülle junger roter Châteauneuf ist auch anderen Weinen aus dem Süden gemein. Doch die aromatische Komplexität, die vollen, dichten Tannine, die trotz ihres Schliffs immer auch Rasse und damit Saftigkeit vermitteln, das laszive, aber durch die Reife gemilderte Feuer, die wohlige Länge des lange gereiften Châteauneuf, all das ist einmalig und unverwechselbar. In der Jugend multipliziert sich die als süss empfundene, konfitürige Fruchtigkeit, wie sie besonders der Sorte Grenache eigen ist, mit dem ebenfalls Süsse vermittelnden hohen Alkoholgehalt, was rasch zum Eindruck der Schwerfälligkeit führt. Mit der Reife «trocknet» diese Süsse gleichsam und wird zur verführerischen Würze. Reife Châteauneuf entwickeln gar so etwas wie vollbusige Eleganz und Noblesse. Natürlich ist die Reifespanne von Flasche zu Flasche, von Jahrgang zu Jahrgang unterschiedlich. Hier eine Faustregel: Die einfacheren Qualitäten verdienen vier bis acht Jahre Kellerruhe, die Spitzencuvées acht bis 15 Jahre und länger. Châteauneuf du Pape werden generell zu kräftigen Speisen gewählt. Ich habe meine ganz besondere Art, die ausgereiften Rebensäfte zu geniessen. Ich knacke ein paar Nüsse, hoble etwas reifen Hartkäse, schneide frisches Schwarzbrot und eine würzige Trockenwurst in Scheiben, setze mich vor den Kamin und lese ein gutes Buch.

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