Harald Scholl über alkoholfreien Wein

Schwacher Hoffnungsschimmer

Text: Harald Scholl

Zehn. Genau zehn Weine. Von 1236 angestellten Rieslingen beim diesjährigen VINUM Riesling Champion waren zehn alkoholfrei. Nicht zehn Prozent. Für ein Zukunftssegment ist das bemerkenswert. Man könnte auch sagen: ein Misstrauensvotum.

Wettbewerbe sind Realitätstests. Wer an seine Weine glaubt, sucht den Vergleich. Offenbar gilt das bei alkoholfreien Weinen nur eingeschränkt. Riesling lebt von Präzision, Spannung, Herkunft und Struktur. Viele alkoholfreie Vertreter boten beim VINUM Riesling Champion 2026 stattdessen Breite, diffuse Süsse und malzige Noten. Manche wirkten eher wie technisch bearbeitete Getränke als wie Wein. ­Natürlich kann sich die Qualität entwickeln. Entscheidend ist die Diskrepanz zwischen Realität und Erzählung.

Nach Einschätzung des Deutschen Weininstituts entfallen rund zwei Prozent des Weinmarktes auf alkoholfreie Weine. Das mag ein Wachstumssegment sein. Allerdings muss die Frage gestattet sein: Kann ein Markt mit zwei Prozent Anteil ernsthaft zur strategischen Antwort auf die Probleme der deutschen Weinwirtschaft erklärt werden? Und wenn ja: Warum fanden sich beim Riesling Champion nur zehn alkoholfreie Weine unter 1236 Anstellungen? Die Branche steht unter Druck. Da klingt jedes neue Segment nach Hoffnung. Doch Hoffnung ist noch keine Strategie.

«Wein war nie erfolgreich, weil er jedem Zeitgeist hinterherlief. Er war erfolgreich, weil er Eigenständigkeit verkörperte.»

Wein war nie erfolgreich, weil er jedem Zeitgeist hinterherlief. Er war erfolgreich, weil er Eigenständigkeit verkörperte: Herkunft, Kultur, Handwerk und Identität. Ausgerechnet jetzt, da wir über Terroir, Biodiversität und alte Reben sprechen, soll die Zukunft darin liegen, das Ergebnis der Gärung wieder aus dem Wein herauszuholen. Man muss kein Traditionalist sein, um darin einen ­Widerspruch zu erkennen. Schliesslich wird gerade jener Bestandteil entfernt, der seit Jahrtausenden untrennbar zum Wein gehört. Hinzu kommt die wirtschaftliche Realität: Eine Entalkoholisierungsanlage kann sich kaum ein Familienweingut leisten. Die Wertschöpfung verlagert sich damit zu grossen Kellereien und spezialisierten Dienstleistern und entfernt sich ein weiteres Stück vom klassischen Bild des eigenständig produzierenden Winzers.

Der alkoholfreie Wein mag ein Zukunftsmodell sein. Die Frage ist nur: Für wen? Mag sein, dass alkoholfreie Weine künftig eine Rolle spielen. Aber warum erklärt man das Ausnahmeprodukt zur Priorität, obwohl Qualität, Beteiligung der Winzer und wirtschaftliche Struktur dafür kaum vorhanden sind? Wer ein Zwei-Prozent-Segment zum Aushängeschild einer ganzen Branche macht, verwechselt Innovation mit Orientierungslosigkeit. Und riskiert, dass aus der Suche nach Zukunft ein Verlust an Identität wird. Und genau diese Identität war es, die den Wein über Jahrhunderte einzigartig gemacht hat. Oder anders gesagt: Menschen trinken Wein nicht, weil er alkoholfrei ist. Sondern weil er Wein ist.

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