Von Bolgheri bis Chianti Classico

Eine Reise durch die Toskana im Glas

Die Vereinigung PROMOVITO (Promozione Vini Toscani) umfasst einige der bekanntesten Weinbaugebiete der Toskana von den Ufern des Tyrrhenischen Meeres bis in die Hügellagen des Chianti – ideal für eine virtuelle Tour durch einige der schönsten Landschaften Italiens, in denen Wein, Natur und Kultur eine Einheit eingehen.

Wir beginnen unsere Reise an der toskanischen Küste, dort, wo die Sonne hinter den Inseln des toskanischen Archipels und des fernen Korsikas versinkt: Hier liegt Bolgheri, ein kleiner Weiler, der vor wenigen Jahrzehnten noch kaum jemandem bekannt war. Inmitten einer Landschaft, in der Meeresbrisen die Sommerhitze mildern und sandig-lehmige Böden für gute Drainage sorgen, fanden schon früh internationale Rebsorten wie Cabernet Sauvignon, Merlot oder Cabernet Franc ideale Bedingungen, die ihnen Struktur, Reife und Eleganz zugleich verleihen. Sie sind die Basis von kraftvoll-eleganten Bolgheri-DOC-Superiore-Weinen, aber auch von fruchtigen Rossi oder leichtfüssigen Bianchi. Bolgheri steht heute für eine moderne Toskana – finessenreich, präzise, international – und doch tief verwurzelt im Gebiet.

Weiter im Süden, hin zur Grenze des Lazio, erstreckt sich die Maremma, einst Sumpfgebiet, das erst im 18. und 19. Jahrhundert trockengelegt wurde. Die Landschaft ist weiter, wilder und ursprünglicher als in anderen Teilen der Toskana. Hier experimentieren Winzer mit autochthonen ebenso wie mit internationalen Varietäten. Die Weine der Maremma sind oft direkter, sonnenverwöhnter als ihre Verwandten aus dem Inland – aber genau darin liegt ihr Reiz. Sie erzählen von Freiheit und Aufbruch, von neu erschlossenen Böden und dem Wunsch, eigene Wege zu gehen. Wie beim roten Ciliegiolo oder dem weissen Vermentino – jeder von ihnen eine Erfolgsgeschichte der Küste.

Im Reich des Sangiovese

Sangiovese ist indes der Herrscher in den Anbaugebieten des Morellino di Scansano und Montecucco. Der Morellino di Scansano blickt auf eine Geschichte zurück, die bis in die Zeiten der Etrusker reicht. Der Name spielt auf die dunkle, rotbraune Farbe des Weines an (italienisch: moro, deutsch: braun). Die Sangiovese findet in dieser Zone, deren Rebberge bis in Höhen von 400 Metern reichen, zu einer eigenen Persönlichkeit: In Sichtweite des Tyrrhenischen Meeres entstehen mediterrane Weine, weich, fruchtig und doch auch langlebig.

Ein längst erloschener Vulkan sorgt hingegen im Hinterland der Maremma für Sangiovese-Weine mit einer mineralischen Ader: Der Monte Amiata mit seinen 1738 Metern Meereshöhe.

Zu seinen Füssen erstreckt sich im Anbaugebiet Montecucco eine grosse Palette an Terroirs: Vulkanische Böden findet man ebenso wie Kalk oder auch Schwemmland. Das Klima ist gut ventiliert im Wechselspiel zwischen den trockenen Luftströmungen aus dem toskanischen Inland und den mediterranen Einflüssen der Küste. Diese Balance und Eleganz spiegelt sich auch in den Rot- (vorwiegend aus Sangiovese), Weiss- und Roséweinen der Region wider.

Eleganz und Langlebigkeit sind etwas weiter nördlich auch Eigenschaften einer der Ikonen der Weinwelt. Der Brunello di Montalcino ist ein Solitär: hundert Prozent Sangiovese, sonst nichts. Die klimatischen Bedingungen sind von grossen Temperaturunterschieden zwischen Tag und Nacht geprägt, die Terroirs der Rebberge rund um die Stadt Montalcino sind vielfältig. Das Ergebnis sind Weine mit Finesse, aber auch Tiefe und Struktur. Brunello braucht Zeit – im Fass, in der Flasche und im Glas.

Die Nachbarschaft Montalcinos, das Weinbaugebiet Orcia, ist eine der eindrucksvollsten Kulturlandschaften Italiens, die gemeinsam mit Montalcino auch zum UNESCO-Kulturerbe erkoren wurde. Die Weine, vor allem auf Sangiovese-Basis, zeichnen sich durch Eleganz, Frische und eine klare Terroir-Prägung aus. Höhenlagen, kühle Nächte und vulkanisch geprägte Böden sorgen für feine Säure und aromatische Tiefe. Orcia steht heute für handwerklichen Weinbau und eine ruhige, authentische Interpretation der Toskana.

Noch tiefer ins Landesinnere, fast bis an die Grenzen Umbriens, führt der Weg in die Renaissancestadt Montepulciano, wo einer der geschichtsträchtigsten Weine der Welt, der Vino Nobile, entsteht. Der Name ist Programm: «edel» soll er sein, würdevoll und ausgewogen, wie ihn einst schon die Päpste und Fürsten Europas schätzten. Grundlage ist der Prugnolo Gentile, wie die Sangiovese hier genannt wird. Auf ton- und kalkhaltigen Böden fällt er besonders fein strukturiert aus. In seinen besten Interpretationen – wie in der neuen Kategorie Pieve für Lagenweine der ehemaligen Kirchenbezirke Montepulcianos – ist der Vino Nobile komplex und langlebig.

In den Hügeln des Weins

Der Arno ist eine Lebensader der ­Toskana, er durchfliesst weite Teile des Inlands, darunter Florenz, und mündet bei Pisa ins Meer. An seinem Oberlauf liegt eines der unbekannteren, aber nichtsdestotrotz spannenden Weinbaugebiete der Toskana: Das Valdarno di Sopra erstreckt sich entlang des Arno-Tals zwischen Florenz und Arezzo. Winzer setzen hier auf Sangiovese, der auf den steinigen, gut durchlässigen Böden eine elegante, oft überraschend frische Stilistik entwickelt, und auf internationale Rebsorten wie Merlot oder Cabernet, aber auch Chardonnay, die dem Gebiet zusätzliche Vielfalt verleihen.

Das Zusammenspiel aus Höhenlagen, ausgeprägten Temperaturunterschieden zwischen Tag und Nacht und einer präzisen Arbeit im Weinberg prägt den Charakter der Weine. Valdarno di Sopra steht heute für eine moderne Interpretation toskanischer Tradition. An das Arno-Tal grenzt auch das historische Chianti, die Heimat des Chianti Classico DOCG, das nicht zu Unrecht geografisch, historisch und kulturell als das Herz der Toskana gilt. Zwischen Florenz und Siena erstreckt sich eine Kulturlandschaft wie aus dem Bilderbuch: Zypressen, Olivenhaine, Weinberge. Die Heimat des ­Chianti Classico ist kein einzelner Wein, sondern ein Mosaik aus Zonen und Stilistiken. Vom einfachen, fruchtbetonten Alltagswein bis zum komplexen Chianti Classico Gran Selezione reicht die Bandbreite. Sangiovese ist auch hier die Seele des Weins – mal saftig und fruchtig, mal elegant und mit Tiefe.

Weite Teile der Toskana nimmt das Anbaugebiet des Chianti DOCG ein – ein weitläufiges Hügelland zwischen Florenz, Si­ena, Pisa und Arezzo, das sieben Unterzonen mit jeweils eigenem Charakter umfasst. Geprägt von kalk- und schieferhaltigen Böden sowie einem gemässigten Klima, entstehen hier Sangiovese-dominierte Weine, die für ihre lebendige Säure, ihre beerenfruchtige Aromatik und die klare Struktur bekannt sind. Last but not least liegt an den westlichen Ausläufern der Heimat des Chianti DOCG ein weisses Juwel inmitten der roten Toskana: Im Wechselspiel zwischen dem Klima des Inlands und dem der Küste erhebt sich San Gimignano mit seinen mittelalterlichen Türmen. Hier ist die Heimat der Vernaccia di San Gimignano, eines der ältesten Weissweine Italiens. Bereits im 13. Jahrhundert wurde er geschätzt, und sogar Dante erwähnte ihn. Der Vernaccia ist kein gefälliger Aperitifwein, sondern ein Charakterdarsteller: straff, mineralisch, mit feiner Herbe im Abgang. In einer Region, die fast vollständig vom Rotwein dominiert wird, behauptet die Regina Ribelle – die rebellische weisse Königin – im Reich der roten Könige selbstbewusst ihren Platz.

So zeigt sich die Toskana im Glas als Region der Vielfalt: von der Küste Bolgheris über die facettenreiche Maremma, die Noblesse Montepulcianos, die Tiefe Montalcinos bis zur zeitlosen Balance des Chianti Classico und der Eleganz der Vernaccia. Jeder Wein ist ein Kapitel, zusammen ergeben sie eine Erzählung, die weit über Mode und Markt hinausgeht – eine Erzählung von der Kunst, Landschaft und Kultur in Geschmack zu verwandeln.