Mit Neugier und Teamgeist

Interview mit Guillaume Roffiaen

In Nordfrankreich aufgewachsen, prädestinierte ihn nichts für eine Karriere in der Welt des Champagners. Heute ist Guillaume Roffiaen Direktor für Weinbau und Wein bei Terroirs & Vignerons de ­Champagne (TEVC) sowie Kellermeister bei Champagne Nicolas Feuillatte – zwei Funktionen, die er mit Humor und viel Gespür für Teamarbeit vereint. 

Sie sind in Nordfrankreich aufgewachsen und haben anschliessend in Lille, der französischen Brauhauptstadt, Agrar- und Lebensmitteltechnik studiert. Was hat Sie zum Wein gebracht?

Mein Vater und mein Grossvater waren Weinliebhaber, aber keine Kenner. Deshalb habe ich mich erst spät für Wein interessiert. Der Auslöser kam 1996. Im Rahmen meines Agraringenieur-Studiums absolvierte ich ein Praktikum auf einem Weingut in der Region Bordeaux. Dort habe ich mich mit dem Weinvirus infiziert, für den es auch heute noch kein Gegenmittel gibt.

Das klingt ein wenig nach Asterix und Obelix mit dem Zaubertrank...

Ich lernte Menschen kennen, die ihren Beruf mit Leidenschaft ausübten. Hinzu kam, dass Weinbau weltweit fast der einzige Bereich der Agrarbranche ist, in dem ein und dieselbe Person den Rohstoff erzeugt, verarbeitet, vermarktet und verkauft. Die Produktion wird von denselben Personen oder zumindest von derselben Berufsgruppe gesteuert. Das hat mich schwer beeindruckt. Ich dachte mir, wenn ich es schaffe, in dieser Branche Fuss zu fassen, könnte ich mich mein ganzes Leben lang weiterentwickeln und mich für andere Bereiche interessieren, immer angetrieben von derselben Leidenschaft.

Wie kam es zur Entscheidung für die Champagne?

Ich war erfinderisch. In der Umgebung von Lille gab es nur Bier, Rüben, Milch und Chicorée. Also habe ich mich auf Qualitätsmanagement spezialisiert. Dies ermöglichte mir 1999 den Einstieg in die Champagne. Das kam mir gelegen, denn ich mochte Schaumwein schon immer, und die Region war schlicht das nächstgelegene Weinanbaugebiet zu Lille, wo meine Frau studierte. So konnte ich am Wochenende hin- und herpendeln! Man hatte mir die Champagne als ein verschlossenes Milieu beschrieben, aber ich traf auf sehr herzliche Menschen. Nicolas Klym, damals Kellermeister von Ayala, öffnete mir Tür und Tor und inspirierte mich. Also beschloss ich, weiterzulernen und in Reims Önologie zu studieren.

Und was haben Ihre Eltern zum Weinstudium gesagt?

Sie haben mich immer unterstützt. Natürlich gab es Zeiten des Zweifels, denn wenn man 120 Bewerbungsschreiben verschickt und insgesamt nur zehn Antworten erhält, von denen jede eine Absage ist, dann stellt man sich schon viele Fragen. Aber ich hatte einfach Glück. Ich habe es dann doch geschafft und konnte tolle Erfahrungen sammeln. Und ich scheute mich vor keiner Herausforderung. Das hat mir geholfen, voranzukommen.

Am Ende des Önologie-Studiums absolvierten Sie ein Abschlusspraktikum bei Nicolas Feuillatte, an der Seite von Jean-Pierre Vincent, dem damaligen Kellermeister. Es war eine prä-gende Erfahrung, nicht wahr?

Anfang der 2000er Jahre hätte der Unterschied zwischen Ayala und Nicolas ­Feuillatte nicht grösser sein können. Ich bin gewissermassen von einer eher traditionellen Version zu einer Art Science-Fiction übergegangen, mit extrem leistungsfähiger Technik und einer sehr modernen Vision vom Champagner. Jean-Pierre Vincent war ein besonders offener und herzlicher Mensch. Nach meinem Praktikum wollte er mich behalten, also konnte ich bis zur nächsten Weinlese bleiben. Ich lernte, wie präzise die Arbeit in der Önologie sein kann und zugleich zutiefst menschlich und loyal. Das war für mich eine echte Bereicherung.

«Champagner bedeutet, das zu teilen, was vor uns war und was nach uns kommen wird. Meine Rolle als Kellermeister ist lediglich die eines Übermittlers.»

2002 haben Sie dann aber gewechselt und sind zu Drappier gegangen, einem völlig anderen Universum. Warum?

Nicolas Feuillatte konnte es sich damals nicht leisten, einen jungen Önologen einzustellen, und ich wurde bei Drappier mit offenen Armen aufgenommen. Seitdem habe ich es mir zur persönlichen Aufgabe gemacht, soweit möglich Praktikanten aus allen Lebensbereichen aufzunehmen. Drappier war und ist nach wie vor in Familienbesitz. Damals hatte Michel Drappier den Wunsch, die Identität seiner Weine weiterzuentwickeln und zu vertiefen. Gemeinsam haben wir neue Cuvées kreiert und die anderen präziser definiert. Michel hat mir schon recht früh sein Vertrauen geschenkt, und die Assemblage Roffiaen-Drappier hat ziemlich gut funktioniert. So hatte ich in Urville etwa zehn Jahre lang das Glück, meinen Senf dazugeben zu können und nicht nur ein einfacher Mitarbeiter zu sein. Zusammen mit Michel haben wir die Önologie in echte Argumente für seine Weine und für die Bekanntheit der Marke verwandelt.

Nur um 2014 wieder zu Nicolas Feuillatte zu wechseln...

Während meiner gesamten Zeit bei Drappier blieb ich mit Jean-Pierre in Kontakt, aber auch mit Dominique Pierre, dem Geschäftsführer von Nicolas Feuillatte. Jean-Pierre ging 2011 in Rente, und Dominique kontaktierte mich Ende 2013. Er wollte ein etwas anderes Organisationsmodell einführen und mich nicht als Direktor für Weinbau und Wein einsetzen, sondern als Direktor für Qualität und Önologie. Mit dieser Doppelfunktion und meinem Know-how auf beiden Seiten sollte ich auch das QHSE (Qualität, Hygiene, Sicherheit, Umwelt)-Team leiten, welches damals übrigens wichtiger war als das Önologie-Team. Natürlich habe ich akzepiert.

Und wie ging es weiter?

Es dauerte vier Jahre, bis die interne Organisation perfektioniert war. Im Jahr 2017 übernahm ich wieder meine Position als Kellermeister, und 2018 wurde beschlossen, die Abteilung Weinbau und Wein zu gründen. Damit hat sich mein Aufgabenbereich erheblich erweitert und umfasst nun auch die technische Beratung in Weinbau, Forschung und Entwicklung sowie einen stärker strukturierten operativen Bereich, der die Kelterei, die Verarbeitung, die Assemblagen und natürlich die Abfüllung umfasst. Ausserdem vertrete ich die Marke in Frankreich und im Ausland und unterstütze die Teams vor Ort.

Ende 2020 fusionierte Nicolas Feuillatte mit Castelnau und gründete TEVC, Terroirs et Vignerons de Champagne.

Das Unternehmen ist ziemlich umfangreich geworden. Das Genossenschaftsmodell ist zweifellos spannend, aber es war notwendig, bestimmte Elemente zu segmentieren, andere durch Pflichtenhefte klar zu regeln und festzulegen und gleichzeitig enge Beziehungen aufzubauen, um insgesamt wieder etwas mehr Flexibilität und Handlungspielraum zu schaffen. Aber mein Aufgabenbereich ist immer noch derselbe, mit einem eng zusammenarbeitenden Team, dessen Mitglieder alle eine Doppelrolle innehaben: Sie sind alle auch Kellermeister.

Haben Sie überhaupt noch Freizeit?

Ich habe gelernt, ein gewisses Gleichgewicht zu finden. Unsere Kern-DNA ist ­Frische und Fruchtigkeit. Nun, ich versuche, den Teams gegenüber frisch und fruchtig zu bleiben...

80 bis 85 Prozent der Produktion von Nicolas Feuillatte sind dem fruchtig-frischen Brut sans Année gewidmet. Aber es gibt auch Raritäten in Ihren Kellern, nicht wahr?

Es gibt so einige Schätze, die Jean-Pierre uns hinterlassen hat. Diese Weine wurden nicht nur beiseitegelegt, um eine lebendige Weinbibliothek zu pflegen, sondern auch, um sie mit anderen zu teilen. Die Mengen sind nicht riesig, aber ausreichend, um Zugang zu ihnen zu gewähren. Die daraus entstandenen Champagner sind meiner Meinung nach sehr erschwinglich. Sie bieten eine moderne Interpretation vom Werk der Zeit. Der Jahrgangschampagner Palmes d’Or zum Beispiel reift mindestens zehn Jahre bei uns im Keller, bevor er sein Nest verlässt.

Und was hat es mit der von Ihnen ins Leben gerufenen Chronothèque auf sich?

Es ist die Gelegenheit, mehr über Champagner zu erfahren und seine unglaubliche Lagerfähigkeit zu entdecken. Das Chronothèque-Erlebnis findet bei uns in einem vertrauten Rahmen statt. Es ist ein einzigartiges Eintauchen in die Welt von Palmes d’Or, eine sensorische Reise, die alle Sinne anspricht – den Tastsinn, den Geruchssinn, den Geschmackssinn –, ohne dass man dabei unbedingt den Wein berührt. Dies geschieht anhand von drei Jahrgängen, die nicht weit voneinander entfernt sind, aber sehr unterschiedliche Nuancen aufweisen und den Begriff «Jahrgang» verdeutlichen. Mehr verrate ich aber nicht, denn das muss man selbst erleben!