Harald Scholl über die mediale Darstellung von Wein
Jetzt ist aber auch mal gut
Text: Harald Scholl

Das Zeitungssterben ist eine gute Sache. Es hilft dem deutschen Wald. Weniger Papier, weniger gefällte Bäume. Damit ist das Klima schon halb gerettet. Keine Sorge – ich meine das nicht ernst. Aber dieser – Pardon! – schwachsinnige Gedanke ist von ähnlicher Brillanz wie ein aktueller Kommentar zum Thema «Weingütersterben».
Manchmal genügt ein Satz, um ein ganzes Handwerk zu diskreditieren. «Das Sterben der Weingüter ist eine gute Nachricht», schrieb kürzlich eine Kollegin der Süddeutschen Zeitung in einem Kommentar. Wie bitte? Eine gute Nachricht? Für wen denn? Für die Statistik vielleicht, für das Gesundheitsministerium von mir aus, für die Moralbilanz der Abstinenzbewegten höchstwahrscheinlich. Sicher aber nicht für die Familien, die seit Generationen Wein anbauen, Böden pflegen, Hänge terrassieren, Landschaften formen und erhalten – und deren Arbeit man nun mit einem Federstrich zum Kollateralschaden eines wie auch immer gesonnenen Gesundheitsverständnisses erklärt. Wer Weinbau auf die Formel «Alkohol gleich Tod» reduziert, hat vom Wesen dieses Kulturguts nichts verstanden. Aber mal so überhaupt nichts.
Der Wein ist kein Medikament, kein Drohstoff, kein Gift, keine Droge, sondern ein kulturelles Lebensmittel – so tief verwurzelt in der europäischen Geschichte wie Brot oder Olivenöl. Weinbau prägt Regionen, schafft Biodiversität, erhält Rebsorten, sorgt für Einkommen, Tourismus und Identität. Ihn abzuschaffen, weil es theoretisch gesünder wäre, wäre etwa so klug, wie eben Zeitungen nicht mehr zu drucken, um Bäume zu retten. Oder Autos zu verbieten, um Verkehrstote zu vermeiden. Es ist der Reflex der Übervereinfachung: Wenn etwas schadet, muss man es abschaffen – statt zu verstehen, was es wirklich ist. Natürlich: Alkoholmissbrauch ist ein Problem. Keiner, der im Wein lebt, leugnet das. Auch wenn Wein ganz sicher nicht das bevorzugte Rauschmittel der Alkoholkranken sein dürfte, weil seine Wirkung im Verhältnis zur erforderlichen Menge doch eher geringfügig ist. Aber es ist eine Frage des Masses, nicht der Moral. Wer Wein nur als Risiko begreift, blendet seine kulturelle, soziale und ökonomische Funktion aus.
Dass die WHO jüngst in ihrer Haltung gegenüber dem Alkohol mässigere Töne anschlug, ist kein Zufall. Sie hat erkannt, dass Differenzierung mehr bewirkt als Dogmen. Verbote, Steuererhöhungen, Stopp des nächtlichen Verkaufs – das sind bestenfalls Pflaster auf gesellschaftliche Wunden. Was wirklich hilft, sind Bildung, Bewusstsein, Qualität. Wer Wein versteht, trinkt definitiv anders. Gerade in Deutschland ist der Weinbau weit mehr als ein profaner Lieferant für Promille. Es sind über 15 000 Betriebe, meist Familienunternehmen, oft mit ökologischer Bewirtschaftung. Sie schaffen Arbeitsplätze, beleben Dörfer, pflegen Kulturlandschaften, die ohne Weinbau längst verwildert oder zubetoniert wären. Der Rückgang des Konsums trifft sie hart – nicht, weil sie mehr Flaschen verkaufen wollen, sondern weil er die Vielfalt gefährdet. Wenn kleine Weingüter sterben, verliert das Land nicht Alkohol, sondern Kultur.
Wie immer geht es um mehr Verständnis
Das eigentliche Problem liegt woanders: in der Entfremdung zwischen Stadt und Land, zwischen Theorie und Praxis. Wer aus dem Büro heraus über «die Deutschen und ihren Alkohol» schreibt, sieht Reben vielleicht nur im Glas, aber sicher nicht im Gelände. Weinbau ist harte, naturverbundene Arbeit, und Wein ist kein Industriegift, das man abstellen kann, sondern gelebte Tradition – und in ihren besten Ausprägungen ein Symbol für Achtsamkeit, Mass und Respekt. Es ist der Unterschied zwischen Bewusstsein und Belehrung. Man darf Wein kritisieren. Man soll – man muss sogar! – über die Risiken reden. Aber wer ernsthaft den Untergang ganzer Berufsgruppen als Fortschritt feiert, verrät den Respekt vor der Arbeit anderer – und vor der Komplexität der Welt. Es gibt kein gesundes Leben in einer Kultur, die alles nur in Gut und Böse einteilt, in Schwarz und Weiss. Der Mensch lebt nicht von Wasser allein.
Es ist Zeit, sich wieder an das Mass zu erinnern, das unsere Grosseltern kannten: ein Glas zur Freude, zum Genuss, nicht zum Vergessen. Genuss statt Rausch. Kultur statt Dogma. Und ein wenig mehr Demut vor dem, was Wein wirklich ist – Ausdruck eines Landes, das seine Vielfalt liebt, und einer Lebenskunst, die sich nicht in Prozenten messen lässt. Denn Wein ist kein Problem, sondern Teil des Lebens – wenn man ihn versteht. Wer das Sterben der Weingüter als Fortschritt feiert, verwechselt Moral mit Moralismus. Und dagegen muss man ein solches Plädoyer wie dieses halten für Mass, Kultur und Respekt gegenüber einem jahrtausendealten Handwerk, das weitaus mehr leistet, als nur berauschende Promille zu produzieren.
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