Birte Jantzen über Sexismus in der Weinszene

Monsieur oder Madame?

Text: Birte Janzen

Manch männlicher Weinliebhaber fabuliert in Sachen Verkostungskompetenz über Differenzen zwischen Mann und Frau. Zu Tisch wird Madame für den Probeschluck gerne von Kellner und Sommelier links liegen gelassen. Details, die von patriarchalischen, rollengeprägten und verstaubten Denkstrukturen zeugen. Zeit, mal Fünfe, Zunge und Nase gerade sein zu lassen! 

Madame bestellt freudig einen Wein, die Flasche wird entkorkt, und der Probeschluck landet– meist ohne weiter zu fragen – im Glas eines der Herren am Tisch. Oder man ist auf einer professionellen Verkostung, entdeckt wundervolle Weine, und dann fragt ein «Kollege» mit süffisantem Lächeln: «Na, Sie als Frau, was halten Sie denn von diesem strukturierten Rotwein?» Mal ehrlich: Arroganter und sexistischer geht’s nicht – und das im 21. Jahrhundert. Aber eigentlich zeugt dies vor allem davon, wie wenig die meisten über Sensorik wissen.

Doch Verkostungstalent ist nicht hormongesteuert. Vielmehr beruht es auf taktiler und sensorischer Sensibilität, Emotionen, Neugier, der Fähigkeit, seinen Sinnen zuzuhören. Gender hat damit nichts zu tun. Geschmacksknospen und Bulbus olfactorius sind bei Männern und Frauen identisch aufgebaut und funktionieren auf die gleiche Art und Weise. Was jemanden zum hervorragenden Verkoster macht, sind vielmehr Gedächtnis, sprachliche und analytische Gewandtheit sowie regelmässiges sensorisches Training, zum Beispiel durch das Kochen komplexer Rezepte. Tja, Messieurs, etwas sarkastisch gesagt: Natürlich gibt es Ausnahmen, aber viele von Ihnen glänzen leider nicht mit Kochkünsten. Sie sind in Sachen Sensorik den meisten Damen somit höchstwahrscheinlich unterlegen und sollten schleunigst Kochkurse belegen, um den Abstand aufzuholen – und bitte nicht nur für Omeletts und Bratnudeln. Und: Lassen Sie den Wein ab jetzt lieber immer erst von Madame probieren. Ich füge hinzu: Mesdames, lassen Sie sich nicht einreden, nur leichte Rosé- und Weissweine seien etwas für Frauen. Der kräftige, strukturierte Rotwein ist Ihr Liebling? Geniessen Sie ihn!

«Neugier, Demut und Training sind beim Verkosten Schlüsselqualitäten. Es kommt nicht darauf an, ob man Mann oder Frau ist.»

Dass in unserer Gesellschaft die Kompetenz und Gleichwertigkeit der Damen infrage gestellt werden, ist ja nichts Neues. Die hier angeführten Beispiele habe ich selbst erlebt, und sie sind nicht die einzigen. Dabei ist die Sachlage wissenschaftlich klar: Beim Degustieren gibt es keinen Unterschied zwischen Mann und Frau – lediglich den, den man sich selbst oder anderen einredet. Punkt. Weinbeschreibung ist ohnehin stets ein subjektives Unterfangen, denn das sensorische Universum einer Person ist kulturell, sprachlich und durch persönliche Lebenserfahrungen geprägt. Keiner hat recht. Alle haben recht. Letztendlich entscheidet: Je mehr man sein sensorisches Universum trainiert, umso feinfühliger versteht man die Nuancen und Qualitäten nicht nur des Weins, sondern auch der Kulinarik. Ich schlage vor: Der Sexismus gehört eingemottet. Wein und Genuss sind zu spannend, um über sie einen Chromosomen-Krieg zu führen!

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