Nicolas Greinacher über den idealen Zeitpunkt
Verkauft Spitzenweine vermehrt gereift!
Text: Nicolas Greinacher

Lagerfähige Topgewächse entfalten ihr volles Potenzial oft erst nach Jahren im Keller. Die Kasse klingelt jedoch meist schon kurz nach der Abfüllung, im Fall von Bordeaux sogar schon vorher. Damit wird die Verantwortung für die lange Lagerung an Privatkunden und die Gastronomie abgegeben. In einem sich rasant verändernden Markt greift diese Praxis zu kurz.
Das waren goldige Zeiten: Jahrzehntelang war ein Grossteil der Kundschaft dazu bereit, jährlich für erhebliche Beträge junge Premiumweine zu kaufen, sie selbstständig zu lagern und geduldig auf die optimale Reife zu warten. Produzenten und Händler profitierten vom frühen Cashflow, während Kosten und Risiken der Lagerung bequem weitergereicht wurden. Doch dieses Verhaltensmuster bröckelt. Ältere Weinliebhaber verfügen häufig über bis unter die Decke gefüllte Weinkeller. Auf der entgegengesetzten Seite leben jüngere Käufer zunehmend in städtischen Mietwohnungen ohne Lagerraum. So drängt sich die Frage auf: Wer soll hochwertige Flaschen über Jahre hinweg fachgerecht reifen, wenn nicht jene, die die Weine am besten kennen und am ehesten über die nötige Infrastruktur verfügen? Hinzu kommt eine ökonomische Logik. Gereifte Weine erzielen am Markt in der Regel höhere Preise, da sie ein sensorisch vollendetes Produkt bieten. Sie ermöglichen Differenzierung, stärken Marken und reduzieren das Risiko, dass Weine unterentwickelt konsumiert werden. Ein gereifter Tropfen zeigt Herkunft und Tiefgang in einer Qualität, die neugierige Konsumenten eher überzeugt als das Versprechen einer zukünftigen Entwicklung.
«Wer reif verkauft, stärkt Marken, reduziert Risiken und schafft echten Mehrwert für Konsumenten.»
Auch die Gastronomie hätte Vorteile. Die allermeisten Restaurants und Weinbars können es sich heute schlicht nicht leisten, Spitzenweine jung einzukaufen und jahrelang Kapital zu binden. Reif verkaufte Weine schaffen voll ausgeschöpfte Genussreife und bewahren insbesondere kultige Gewächse davor, viel zu früh geöffnet zu werden. Für Gäste bedeutet dies Zugang zum optimalen Trinkmoment eines Weins, für die Verkäufer zufriedene Kunden, die eher wiederkommen. Natürlich sollen Jungweine bei Liebhabern frischer Aromen und Sammlern mit langfristigem Horizont weiterhin ihren Platz behalten. Doch ausgewählte Beispiele wie die Familie Reynaud im südlichen oder Stéphane Ogier im nördlichen Rhônetal, Champagne Bruno Paillard oder das Weingut Obrecht aus der Bündner Herrschaft zeigen, dass ein durchdacht dosierter Reifeverkauf ökonomisch funktionierend und qualitativ überzeugend ist. Mehr Weingüter sollten diesen Weg in Betracht ziehen und so nicht nur den Endverbrauchern, sondern letztlich auch dem Wein selbst gerechter werden. Auch für Händler ergeben sich neue Wertschöpfungsmodelle. Kuratierte Reifeeditionen, limitierte Verkostungsserien oder vertikale Sonderpakete bieten Differenzierungsmöglichkeiten, die sich vom blossen Weiterverkauf junger Jahrgänge deutlich abheben.
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