Die 3 Pioniere
Zurück in die Zukunft
Foto: GettyImages / francesco riccardo iacomino, z.V.g.

Angelo Gaja, Roberto Conterno und der leider verstorbene Michele Chiarlo, drei Pioniere des modernen italienischen Qualitätsweinbaus, traten einst selbst in die Fussstapfen weitsichtiger Väter. Sie haben gezeigt, was im Piemont noch möglich ist – mit neuen Weinen, neu interpretierten Anbaugebieten und auch einer Rückbesinnung auf die Tradition. Schon längst ist auch bei den Pionieren eine neue Generation dabei, das Ruder zu übernehmen – oder hat dies bereits getan.
Angelo Gaja

Hoch hinaus
Das Weingut der Familie Gaja im Ort Barbaresco wurde 1859 gegründet. In den 1950er und 1960er Jahren gehörte Angelo Gajas Vater Giovanni zu den Pionieren des Weinbaus in den Langhe.
Angelo selbst, Jahrgang 1940, begann ebenfalls Anfang der 1960er im Familienunternehmen zu arbeiten. Inspiriert von seinen Reisen durch Frankreich, erkannte er das ungenutzte Potenzial der heimischen Nebbiolo-Traube, begann Erträge zu reduzieren und Barriques für den Keller zu kaufen. Und gegen den Willen seines Vaters pflanzte er auch internationale Rebsorten.
1968 füllte er seinen ersten Einzellagenwein, Sorì San Lorenzo, in Flaschen. Ihm folgten ein halbes Dutzend weiterer Crus im Barbaresco- und Barolo-Gebiet, die ab dem Jahrgang 1996 unter der DOC Langhe firmierten, längst aber wieder unter das Dach des Barolo- beziehungsweise der Barbaresco-DOCG zurückgekehrt sind. Aus dem einst kleinen Weingut in Barbaresco ist unter Angelo Gajas Führung längst ein Wein-Imperium geworden: In den 1990er Jahren expandierte Gaja mit den Weingütern Pieve Santa Restituta in Montalcino und Ca’ Marcanda in Bolgheri. Und seit einigen Jahren gibt es Gaja auch am Ätna – in einer Kooperation mit dem Weingut Graci werden am Südhang des Vulkans mineralisch-kühle Weine gekeltert.
«Für die Zukunft ist das Weingut Gaja gewappnet – unter anderem durch neue Investitionen in den kühleren Höhenlagender Langhe.»
Obwohl der Patriarch, Jahrgang 1940, nach wie vor täglich in seiner Kellerei präsent ist, liegt die operative Führung der Betriebe inzwischen in den Händen seiner Kinder: der ältesten Tochter Gaia Gaja und ihren Geschwistern Rossana und Giovanni. Und auch für die Zukunft ist das Weingut Gaja gewappnet – unter anderem durch neue Investitionen in den kühleren Höhenlagen der Langhe. Dort ist in den vergangenen Jahren eine neue Kellerei für Weissweine entstanden, die als Ergänzung für den von Nebbiolo-Weinen dominierten Hauptsitz in Barbaresco gedacht ist.
Name Angelo Gaja
Weingut Gaja, Barbaresco
Topweine Barbaresco DOCG Sorì San Lorenzo Barolo DOCG Sperss
Michele Chiarlo

Grand Cru der Barbera
Seit 1956 vinifiziert die Kellerei Michele Chiarlo die Essenz des Piemont: Auf mehr als hundert Hektar Weinbergen in den Gebieten Langhe, Monferrato und Gavi werden das Terroir und der individuelle Ausdruck der Reben stets respektiert. Für den 2023 verstorbenen Michele Chiarlo lag die Zukunft der piemontesischen Hügel in Qualitätsweinen. Sein Leben lang war er auf der Suche nach Weinbergen mit dem besonderen Etwas und wurde fündig – im Gebiet des Nizza ebenso wie in Barolo oder Gavi. Das hatte ihm schon sein Vater geraten: «Hab Geduld und bringe Opfer, aber kaufe nur Weinberge in Toplagen.» Der erste Barolo, der unter dem Namen Michele Chiarlo abgefüllt wurde, stammt aus dem Jahr 1958. 1988 erwarb er Reben in der heutigen MGA Cerequio, im darauffolgenden Jahr in Cannubi, zwei der historisch bedeutendsten und prestigeträchtigsten Lagen Italiens.
«Heute wird das Weingut Michele Chiarlo von seinen Söhnen Stefano und Alberto geleitet, die die Philosophie ihres Vaters fortführen.»
Michele Chiarlo zählte 1974 auch zu den Ersten, die einen Barbera mit malolaktischer Gärung kreierten. Aufbauend auf diesem Erfolg investierte Michele Chiarlo weiterhin in die Barbera d’Asti und glaubte fest an die Rebsorte. Mit der Tenuta La Court in Castelnuovo Calcea erfüllte er sich schliesslich in den 1990er Jahren einen 20 Hektar grossen Traum, in dem Wein, Landschaft und Kunst eine Einheit eingehen. La Court wurde auch zur Initialzündung für die Produktion eines Nizza DOCG – der «Super-Barbera» des Monferrato. Gemeinsam mit dem Önologen Giuliano Noè zählt Michele Chiarlo zu den Pionieren der neuen Herkunftsbezeichnung und des langen Kampfes um deren Anerkennung, der schliesslich 2014 mit der DOCG-Auszeichnung gekrönt wurde.
Heute wird das Weingut Michele Chiarlo von seinen Söhnen Stefano und Alberto geleitet, die die Philosophie ihres Vaters fortführen und auf Rebberge in Toplagen setzen und – natürlich – auf Qualitätsweine, die das Terroir widerspiegeln.
Name Familie Chiarlo
Weingut Michele Chiarlo, Calamandrana
Topweine Nizza DOCG Riserva La Court Barolo DOCG Cerequio
Roberto Conterno

Zwei Seelen des Nebbiolo
Roberto Conterno (Jahrgang 1968) ist seit 1988 für die Weine des Traditionsbetriebes Giacomo Conterno in Monforte d’Alba verantwortlich. Die Geschichte des Gutes reicht aber viel weiter zurück: Schon in den 1920er Jahren wurde von Giacomo Conterno der Monfortino in Flaschen gefüllt, zu einer Zeit, als viele Barolo-Produzenten ihre Weine noch im Fass verkauften: Überaus langlebig und elegant wird der Barolo Monfortino ohne Zugeständnisse an den Markt nur in den besten Jahren in Miniauflage produziert. 1961 übernahmen Giacomos Söhne Giovanni und Aldo den Betrieb, aber schon 1969 trennten sich ihre Wege: Aldo behielt die Rebberge und gründete die Poderi Aldo Conterno, Giovanni behielt den Monfortino, damals noch eine Selektion der besten Rebberge des Gutes, und machte ihn zur Legende. Der heutige Monfortino-Macher Roberto Conterno trat 1985 in den Betrieb ein und half seinem Vater, den neuen Keller im Herzen von Monforte d´Alba aufzubauen.
«Die Perfektion, die Roberto Conterno in den Langhe an den Tag legt, prägt auch sein Weingut Nervi in Gattinara im Alto Piemonte.»
Die Perfektion, die Roberto Conterno in seinem Keller und seinen Rebbergen in den Langhe an den Tag legt, prägt auch sein Weingut Nervi in Gattinara im Alto Piemonte. 2018 hat er das 27 Hektar grosse Gut erworben, dem er bereits seit 2012 als Berater zur Seite gestanden hatte. «Das Nordpiemont ist eine wunderbare Region», sagt er, «und bringt einen ganz anderen Nebbiolo hervor als in den Langhe: Die Trauben wachsen auf Porphyrböden und nicht auf Kalkmergel, die Weine sind daher mineralischer und feiner ziseliert.» Besonders viel Potenzial hätten die Einzellagen des Gutes, Molsino und Valferana, meint er.
Inzwischen prangt neben dem Namen Nervi auch Conterno gross auf dem Etikett, ein Beweis dafür, wie sehr er sich mit den Rebbergen im Alto Piemonte identifiziert. Und auch für das Alto Piemonte ist der Name Conterno in der Liste der Produzenten sicher kein Nachteil.
Name Roberto Conterno
Weingüter Giacomo Conterno, Monforte d’Alba, Nervi – Giacomo Conterno, Gattinara
Topweine Barolo DOCG Monfortino,Gattinara DOCG Valferana