Zurück in die Zukunft

Pichon Comtesse

Text: Rolf Bichsel

In den 1980er Jahren war Pichon-Longueville Comtesse de Lalande einer der bekanntesten und beliebtesten Weine von Bordeaux. Dann wurde es etwas stiller um das Gut. Seit 2014 zählt es wieder zur absoluten Spitze.

In den 1980er Jahren gehörte Pichon Comtesse zu den sogenannten «Superseconds» und kam qualitativ einem Premier Cru gleich. An diese Zeit erinnert eine Serie legendärer Jahrgänge: 82, 83, 85, 86, 89... Selbst 84 oder 87 sind ausgezeichnet gelungen. Doch dann verlor die «Comtesse» zusehends an Boden und suchte sich auch stilmässig immer mehr. Dies änderte sich erst mit einem neuen Besitzer (Roederer), der eine minutiös ausgeführte Rehabilitierungsphase mit Kellerneubau (2012 bis 2017) initiierte und den talentierten Nicolas Glumineau zum neuen Generaldirektor berief. Seit 2014 ist Pichon Comtesse nicht nur technisch wieder absolute Bordeaux-Weltklasse: Das Gut hat sich auch stilmässig wiedergefunden, mit einer so waghalsigen wie gelungenen Mischung aus Kraft und Eleganz, aus Hightech und Inspiration. Nicolas Glumineau: «Einer der Weine, die mir aktuell als Vorbild dienen, ist der 1982er. Trotz seiner ungewöhnlichen Langlebigkeit – nur so nebenbei, ich war damals gerade acht Jahre alt – ist er bis heute von betörender Harmonie. Natürlich wollte ich herausfinden, wie er gemacht worden war. Pichon-Longueville Comtesse de Lalande kultivierte damals den Ruf, einen besonders femininen Wein abzufüllen, mit einem recht hohen Merlot-Anteil, eher im Stil eines Saint-Julien. Leider gibt es kein Dokument zur Assemblage. Doch ich bin überzeugt davon, dass der Cabernet klar dominiert. Die Geschichte mit dem ‹femininen Wein› des von einer Frau geleiteten Gutes mit dem Zusatz ‹Comtesse› war vor allem eine zugkräftige Marketing-Idee.» Mag sein. Doch mit einer Kehrtwende hin zu mehr Pauillac-Charakter schien Pichon Comtesse etwas von seiner Seele aufzugeben.

Gemeinsam mit seinem gut eingespielten Team (der Weinmacher und Hobbybassist weiss, dass eine gute Band einen Leader braucht, der Starallüren zu Hause einmottet) schlug Nicolas Glumineau einen dritten Weg ein. Er orientierte sich zwar stilmässig an den Vorzeigeweinen der Vergangenheit, doch arbeitete mit zeitgemäss hoher Präzision gezielt an zusätzlicher Dichte und Tiefe. «Unser Ziel war es, einen grossen Pauillac in Samthandschuhen zu keltern.» Wie hervorragend dies gelungen ist, illustriert die Vertikalverkostung auf der folgenden Doppelseite.

Pichon Comtesse
1982 ─ 2017

1982

Die (knappe) Reife der damals für diesen mittlerweile fast 40 Jahre alten Wein verwendeten Trauben mag nicht mehr ganz dem heutigen Standard entsprechen, doch sie sorgt für besondere Frische, das Ganze zeigt sonnige Würze und wohlige Fülle.

1996

Spitzenjahr in Pauillac, auch auf Pichon Comtesse gelungen, allerdings nicht auf dem Niveau des verblüffenden 1982er. Immerhin: Die Tannine besitzen Schliff, das Ganze wirkt harmonisch und zeigt kräftige Cabernet-Würze. In den nächsten fünf, sechs Jahren geniessen.

2009

Mit seinen kompakten Tanninen illustriert dieser tadellos gemachte Wein, der bereits ausgezeichnet mundet, nicht nur besonders gut den klimatisch fast ideal verlaufenen Jahrgang, sondern auch die damalige Tendenz zu grösserer Dichte.

2010

Von ähnlicher Fülle wie der 2009er, noch grössere Dichte und damit etwas weniger Charme, sollte daher weiter reifen. Auch hier kommt der damals angestrebte Pauillac-Charakter voll zum Ausdruck.

2014

«Besitzt die Dichte eines Pauillac, die Frische eines Margaux, die Sinnlichkeit eines Saint-Julien, die Tannine eines Saint-Estèphe und erinnert an die grossen Pichon Comtesse der 1980er Jahre, mit zeitgemässer Präzision und viel Fingerspitzengefühl interpretiert», schrieben wir zum Primeurmuster. Der Wein ist auch fünf Jahre später von umwerfender Klasse.

2016

Noch besser als der hervorragende 2014er, besonders stilvoll, mit hochkarätigen, lückenlos dichten Gerbstoffen, von transparenter Fruchtigkeit, grosser Rasse und Länge. Gehört zu den Hits des Jahrgangs. Kommentar Glumineau: «In diesem Jahr wurde mir bewusst, dass Pichon Comtesse mich endgültig adoptiert hatte.»

2017

Klimatisch kein einfaches Jahr, doch auf Pichon Comtesse hervorragend gelungen, von exquisiter, betörend eleganter, raffinierter Art. Jede Parzelle wurde bei optimaler Reife gelesen.

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