Klartext mit Miguel Zamorano

Scheuen Schweizer die Konkurrenz?

Text: Miguel Zamorano, Foto: VINUM

50 Jahre nach dem Judgement of Paris sind zwei Dinge gewiss: Bordeaux kann gegenüber Kalifornien wieder Boden gut­machen, und Konkurrenz treibt Verbesserungen voran. Leider ignoriert die Schweizer Politik diese Lehre weitgehend.

Es ist unmöglich, Tina Turner oder Michael Jackson nochmal live auf einer Bühne zu sehen. Obwohl: Neulich bei «Tina – The Tina Turner Musical» kam mir für den Moment eines Wimpernschlags die Idee, dass ich Glück hatte, diese Ausnahmekünstlerin so nah zu erleben. Nur Sekunden später verschwamm das Bild der Musical-Schauspielerin auf der Bühne, als ich verstand – mit Blick auf die Tragödien in Turners Leben –, dass grosse Kunst dort entsteht, wo Genie, Schmerz und Leid ganz nahe beisammen sind. Ich wischte mir die Tränen aus dem Gesicht und tanzte weiter zu «Nutbush City Limits». So gut man in einem ­Theater eben tanzen kann.

Bei Wein erleben wir ähnliche Spannungsbögen. Mit dem Unterschied, dass wir die Aufführung von grossen Verkostungen jederzeit nachspielen können. Etwa das Judgement of Paris, das sich nun zum 50. Mal jährte: 1976 traten kalifornische Weine gegen die damals als unantastbar geltenden Spitzenweine aus Frankreich an. Die Franzosen verloren, die Kalifornier reüssierten – und die Welt stand kopf.

«Ein Judgement an der Sihl wäre mit den geplanten Massnahmen des Bundesrats in der Zukunft kaum möglich.»

In Zürich hat nun das Restaurant «NapaGrill» ein vinophiles ­Reenactment der besonderen Art organisiert. Der Tempel für Steaks und Napa-Weine lud ein, zehn Bordeaux- gegen zehn Napa-Boliden antreten zu lassen, alle aus dem Jahrgang 2016. Am Ende stand Château Mouton Rothschild auf Platz 1, gefolgt von Château Latour. Auch der bestplatzierte Weisswein kam von Château Smith Haut Lafitte. Bordeaux is back, beim Judgement an der Sihl.

Protektionistisch veranlagte Schweizer Politiker träumen nun aber davon, ausländische Weine zu benachteiligen. So plant der Bundesrat eine Weinimportverordnung, wonach nur derjenige günstig Wein importieren darf, der schweizerische Trauben keltert. Wer das nicht tut, muss Importkontingente bei kelternden Betrieben kaufen. Sollte es dazu kommen, wird ein Judgement an der Sihl kaum mehr stattfinden. Denn die Preise für ausländischen Wein werden in die Höhe schnellen, nicht wenige Importeure dürften dann ihren Laden schliessen. Das wird nicht nur dem Konsumenten schaden, der Bordeaux, Ribera oder Kalifornien liebt. Wer glaubt, man werde mit der Massnahme den Schweizer Produzenten helfen, übersieht, dass viele Weinmacher in der Schweiz den Vergleich auf dem internationalen Parkett nicht nur wollen, sondern auch brauchen, wenn sie in Singapur, New York oder Kopenhagen ernst genommen werden wollen. Die ganze Weinschweiz profitiert davon. Daran zweifeln nur diejenigen, die von Schweizer Wein wenig verstehen – oder Angst vor Konkurrenz haben.

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