Mit Winzer Nico Espenschied vom Techno-Club in den Weinkeller

Interview mit Fritz Kalkbrenner

Text: Alice Gundlach; Fotos: Bastimowka, Sven Hasselbach

Wein, der zu elektronischer Musik passt? Das Experiment wagte der Berliner Musikproduzent Fritz Kalkbrenner zusammen mit dem rheinhessischen Winzer Nico Espenschied. Es war ein lang gehegter Wunsch, denn Wein fasziniert Kalkbrenner schon länger. Seine Vorlieben sind sehr konkret – aber seine Neugier auf die Weinwelt ist trotzdem noch gross.

Ich war ja schon länger nicht mehr in einem Club – wird da jetzt auch Wein ausgeschenkt? 

Da die Clubs ja im Moment nicht aufmachen dürfen, war ich auch schon lange nicht mehr da! Die Läden, die ich kenne, werden jetzt entweder zu Galerien oder auch zu Bars umgewidmet. Von daher wird da zwar jetzt auch Wein ausgeschenkt, aber nicht in einem Club- Kontext. 

Auf welche Art von Wein stösst man in der Regel, wenn man in Berlin ausgeht? 

Kommt drauf an, wo man in Berlin sucht. Man kann natürlich die eine oder andere Flasche einem schlafenden Saufbruder aus dem Arm klauen, das geht ohne Probleme. Aber ja: Es gibt viel Leichtes, wenig Alkoholbetontes... Viele verzichten ja mittlerweile auf Grauburgunder – was eigentlich gar nicht sein müsste! Grauburgunder ist nur unverschuldet ins Gerede gekommen. 

Wie kamst du das erste Mal mit Wein in Berührung? 

Tja, wenn man alt genug ist, darf man bei den Eltern oder den Grosseltern auch ein bisschen mitsüffeln. Von daher ist das im familiären Kreise passiert. 

Was haben deine Eltern und Grosseltern früher an Wein getrunken? Sprich: Mit welchen Weinen wurdest du damals sozialisiert? 

In der Zeit vor der Wende war ich natürlich zu jung, um mit Wein näher Bekanntschaft zu machen, damals habe ich mir die Flaschen nur angeguckt. In der DDR war das Angebot natürlich sehr eingeschränkt. Die ganzen eigenen Produktionen aus den Regionen Saale, Elbe, Unstrut hat man grösstenteils nur unterm Ladentisch bekommen, denn die waren, wenn sie von Qualität waren, für den Export bestimmt. Somit hat man in der DDR eher Sachen bekommen aus Ungarn, Bulgarien, Rumänien, mit doch stark schwankendem Angebot. Da gab’s Tokaij und Furmint aus Ungarn, aus Rumänien gab’s Grünen Veltliner – das waren aber meist Massenabfüllungen. Oft gab es von dort auch Cotnari oder Murfatlar, also eher liebliche Weine. Kurz: Die grundlegende Ausrichtung war damals durch das Angebot gänzlich anders. 

Welche Weine – Wein-Stile, Farben, Regionen – trinkst du am liebsten? Und zu welchen Gelegenheiten? 

Ich trinke Weisswein. Es gibt einige Weine, die ich mag: Pinot Blanc, Riesling, den besagten Grauburgunder und gerne einen Sancerre. Die Gelegenheiten sind da mannigfaltig – wer suchet, der findet, sage ich immer. 

Bevorzugst du deutsche Weine, oder trinkst du auch mal gerne einen Spanier, Italiener oder Franzosen? Wenn ja, welche? 

Um ehrlich zu sein, habe ich tatsächlich mehr deutsche Weine als Spanier, Italiener und Franzosen. Daher kann ich mir über die nicht wirklich ein Urteil erlauben. Also, ich passe da vollkommen ins Klischee rein: ein Deutscher, der deutsche Weissweine trinkt. 

Welche Menschen haben dich auf deinem Weg zum Weinliebhaber geprägt? 

Also, ich kann jetzt keine Mentoren vorweisen, die mich da an die Hand genommen hätten. Es war mehr so eine Selbsterziehung über die Jahre hinweg, wo man dann das Gute vom Schlechten scheidet. Das ist ja immer ein längerer Prozess, während dem man seine Vorlieben ausarbeitet. Das passiert eher nonverbal, dass man merkt, man will lieber das, oder man ist ein Freund von eher leichter Ausgebautem. Das kommt mit der Zeit und mit der Erfahrung, wie man so schön sagt. 

Welcher ist der – für dich – wertvollste Wein in deiner Sammlung? 

Mein Grossvater hat aus seiner Studienzeit in der Sowjetunion einen armenischen Wein mitgebracht, der aus den frühen 60er Jahren stammt, glaube ich. Der ist dann irgendwann bei mir gelandet. Ich weiss nicht, wie er schmeckt, ich trau mich auch nicht, ihn aufzumachen. Auch wenn er nicht der wertvollste Wein ist, ist er auf jeden Fall der obskurste und in seiner Einzigartigkeit herausragendste.

Ein gemeinsamer Bekannter, ein Weinhändler, hat dich und Nico Espenschied zusammengebracht. War das der Weinhändler, der bei dir im Haus seinen Laden hat? Wie lief das ab? 

Ja, das stimmt, wir haben da einen gemeinsamen Freund, der bei mir im Haus wohnt und Weinhändler ist. Er hat aber keinen Laden, er betreibt vielmehr ein Aussenhandelsgeschäft. Der wusste, dass bei mir das Interesse da war und auch bei Nico. Das ging über Bande, sozusagen, und dann hat auch sehr leicht das eine zum anderen geführt. Heutzutage sagt man: «Ich connecte euch einfach mal.» Und dann entscheidet sich das ja erst im Weiteren, wenn die beiden aufeinandertreffen, ob das dann funktioniert. Und das war dann auch so. 

Wie lief deine Zusammenarbeit mit Nico? Nach welchen Kriterien habt ihr den Wein ausgesucht? Was hat dich am Weinmachen begeistert? Was war anders, als du dachtest? 

Den Sauvignon Blanc & Riesling haben wir zusammen in Flonheim cuvéetiert. Was ein ganz schöner Akt war. Wenn man dann in der 15. Verkostungsrunde ist und sagt: «Also, das ist hier Probe Nummer 69-5 und das ist 67- 5» und so weiter – selbst wenn man spuckt, wird es immer schwieriger, zu behalten, was man in der vorangegangenen Runde gut oder schlecht fand. 

Wurde der Wein so, wie du ihn dir vorgestellt hast, oder hat er sich während des Weinmachprozesses entwickelt? 

Ich bin nicht mit grossen Vorstellungen darangegangen, sondern bin einfach in die Sache eingetaucht. Am Anfang hatten wir beide die Grundidee gehabt, dass es eine Cuvée werden soll. Und dann ging es los mit dem Ausbauen – wir hatten nicht festgelegt, dass der Wein so oder so enden soll, sondern wir landeten dann bei einem guten Modus Operandi, der dann alles zusammenfügt, bis man sagt: Ja, das ist gut. 

Was haben Winzer & Musiker gemeinsam? 

Wenn sie sich gut leiden können, dann eine ganze Menge! 

Ja, aber ich meinte: Was hat die Arbeit des Musikers gemeinsam mit der Arbeit des Winzers? 

Bisweilen ist beides sehr kleinteiliges Arbeiten, bei dem man ins Detail gehen muss. Und bei dem ein Endverbraucher, wenn er, nun ja, unbedarfter ist, den Grossteil des Aufwands nicht mitbekommt. Dieser ist aber nichtsdestotrotz unabdingbar. 

Warst du schon einmal auf einem Weinfest, idealerweise in einer Weinregion? 

Um ehrlich zu sein, war ich noch nie auf einem Weinfest. Ich stelle mir das bisweilen recht gefährlich vor. 

Wieso das denn?! 

Ja, das war jetzt eher als kleiner Scherz gedacht. Ich kann mir aber vorstellen, dass – obwohl es da zum grossen Teil gesittet zugeht – einige auch über dem Zaun hängen und dass andere die Keulen schwingen wollen. Ich kenne das noch aus meiner Jugend: In Werder nahe Berlin gibt es das Baumblütenfest, was ein Fruchtweinfest ist. Das Havelland ist ja ein grosses Obstanbaugebiet. Jedenfalls endeten diese alljährlichen Feierlichkeiten immer in grossen Massenkeilereien. 

Jetzt, wo du selber unter die Weinmacher gegangen bist: Gehst du auch mal in den Regionen, in denen du auftrittst, auf Weinsuche? Vor allem, wenn es sich um eine Weinregion handelt? 

Da ich ja, wie jeder andere Künstler, im Moment nicht auftreten kann, ist das eine Frage, die wohl erst wieder in ein paar Jahren beantwortet werden kann. 

«Ein neues Projekt ist schon in der Mache – aber es darf nicht allzu cheesy werden.»

Aber ist das etwas, das dich jetzt auch reizt: Dort, wo du hauptberuflich bist – oder bald wieder sein wirst – nach regionalen Weinen zu schauen? Gerade dort, wo du dich noch nicht so mit dem Weinangebot auskennst? 

Wenn ich die Möglichkeit hätte, unterwegs zu sein und Shows zu spielen, dann würde ich natürlich in den betreffenden Gebieten, in denen es lokale Wein-Spezialitäten gibt, die nicht an mir vorbeigehen lassen. Ich habe da auch keinerlei Vorbehalte. Ich habe zum Beispiel Shows im Kaukasus gespielt, also Armenien, Georgien, wo es exzellente Weine gab, die mir alle gänzlich unbekannt waren. Dass das ein ganz grossartiges Gebiet ist mit einer ganz, ganz langen Weintradition, das wusste ich, aber im Detail kannte ich das nicht. Von daher habe ich die Gelegenheit genutzt. 

Gönnst du dir auch mal ein Glas Wein nach der Arbeit im Studio oder nach einem Auftritt? Ist Wein das passende Getränk zum Chill-out? 

Ja, das Glas Wein nach getaner Arbeit ist das, was bei mir am häufigsten vorkommt. Eher als zu irgendwelchen wilden Hochzeiten. Mehr genüsslich zum Abend hin, wenn man die Aufgaben des Tages durchhat.

Ein Zitat von Weinkritiker Hugh Johnson lautet: «Leute, die Wein trinken, sehen einfach besser aus.» Stimmst du zu? 

Ich würd’s nicht verallgemeinern. Klar, dass sich die Wein-Leute da auf die Schultern klopfen und sich freuen. Aber ich glaube, es gibt ganz andere Faktoren, die da entscheidend sind. Ausserdem glaube ich: Hinten raus macht Wein am Ende auch krumme Beine und Gesichter. 

Plant ihr weitere Weine? Momentan ist es ja modern, in Serien zu denken, vor allem bei Tribute-Weinen – siehe etwa Joko Winterscheidt und Matthias Schweighöfer, Til Schweiger oder Jimi Blue Ochsenknecht. Vielleicht noch einen Rosé und einen Burgunder dazu? Was mit Holzreife? Oder einen Sekt oder Secco? Hm? 

Wir machen ja jetzt erstmal den neuen Jahrgang. Da müssen jetzt noch die Bestandteile zusammengefügt werden – es ist ja eine Cuvée. Jetzt nach der Lese sieht es auch schon vielversprechend aus. Ein neues Projekt ist auch schon in der Mache – aber selbstverständlich können wir jetzt noch nicht darüber reden, um was es sich im Detail handelt. Aber wir möchten etwas die Bandbreite erweitern – aber ohne es allzu cheesy werden zu lassen. 

«Zu cheesy»? Was meinst du denn damit? 

Ja, es gibt eben manche Follow-ups, wie man das so schön nennt, die ein wenig ausgelutscht wirken. Das wollen wir vermeiden. 

Dein Wein soll zu Club-Musik passen – hast du ein paar Songtipps dafür? 

Ja klar. Für mich sind das zum Beispiel immer noch «Fackeln im Sturm» von Dom und «Aztec Mystic» von DJ Rolando. Und an neueren Sachen: alles von Khruangbin. 

Was empfiehlst du als Food Pairing zu eurem Wein? Die Partydroge MDMA? 

Ist jetzt nicht wirklich meine Wahl – aber Leute, die auf Masse gehen wollen, können damit sehr gut arbeiten, da man damit über zehn Stunden verteilt locker drei Flaschen trinken und dann immer noch weitermachen.

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