1001 Facetten im Glas

Profipanel Pinot-Szene Schweiz

Text: Thomas Vaterlaus, Fotos: Linda Pollari

Es ist nicht nur die meistangebaute Sorte der Schweiz, sondern auch die erklärte Lieblingssorte vieler Topwinzer. Das VINUM-Profipanel verkostete 30 Pinot Noir des generell sehr gut eingestuften Jahrgangs 2023 aus biodynamischem, biologischem und konventionellem Anbau. Fazit: Wie noch nie zuvor offenbart die Sorte eine Vielfalt an Facetten auf hohem Niveau, wobei die Handschrift des Winzers die Weine doch stärker zu prägen scheint als die Anbaumethode.


Elf Weinprofis haben im Rahmen dieser Panel-Verkostung jeweils zehn Pinot-Noir-Selektionen des Jahrgangs 2023 aus biodynamischem, biologischem und konventionellem Anbau verkostet. Das Fazit: Was die Qualität der Weine anbelangt, sind kaum Unterschiede zwischen den Anbaumethoden auszumachen. In stilistischer Hinsicht dagegen schon. Denn bei den zehn biodynamisch angebauten Weinen registrierte die Jury klar den höchsten Anteil an lebendigen, temperamentvollen Pinot-Crus. Dies bei einem Jahrgang, der nach anfänglicher Euphorie heute unterschiedlich beurteilt wird. «Die einen halten den 2023er für richtig gross, andere nicht. Das macht ihn zumindest spannend», lautet das Resümee von Weinjournalist Alain Kunz. Die Auswertung der verschiedenen Verkostungsnotizen deutet darauf hin, dass 2023 zwar nicht ganz so ein heisses Jahr wie 2022 war, wohl aber doch mehr Weine mit einem vergleichsweise reif und warm wirkenden Charakter in die Flaschen gebracht wurden, als damals kurz nach der Ernte prognostiziert worden war. So hat die Jury exakt die Hälfte der Weine als tendenziell füllig eingestuft, ein hoher Anteil bei einer Sorte, die generell für Eleganz und Finesse steht. Die 2023er faszinieren durchaus mit roter, tendenziell aber mehr mit dunkler Frucht (Kirschen, Cassis etc.), die oft an eingelegte (Griottes) oder gar an marmeladige Beeren erinnert. Herbale und kräuterwürzige Noten (etwa Garrigue-Kräuter) verstärken diesen warmen Eindruck zusätzlich. Bezüglich des Alkoholgehalts lagen die 30 verkosteten Pinots mehrheitlich zwischen 13 und 13,5 Volumenprozent Alkohol, nur zwei Weine wiesen 14 Volumenprozent aus. Dies zeigt das Bemühen der Winzer, die von ihrer Leitsorte erwarteten Eigenschaften wie Eleganz und Trinkigkeit zu bewahren.

Jahrgang 2023: Perfekt oder zu warm?

Ohne Zweifel sind die Auswirkungen des Klimawandels gerade beim Pinot Noir eine grosse und stetig wachsende Herausforderung für die Winzer. Der Zürcher Ausnahmewinzer Urs Pircher hat das Phänomen schon vor 20 Jahren wie folgt beschrieben: «Als ich in den 1980er Jahren den Betrieb übernommen habe, waren von zehn Jahrgängen deren sieben eher zu kühl, um Top-Pinots in die Flaschen zu bringen, während drei Jahrgänge ideale Bedingungen boten. Heute sind von zehn Jahrgängen sechs oder sieben ideal, während drei oder vier Jahrgänge schon eher zu warm sind.» Ob 2023 einer dieser idealen Jahrgänge ist oder bereits ein tendenziell zu warmer Jahrgang, konnte diese Probe nicht abschliessend beantworten. Dem Winzer steht ein differenziertes Instrumentarium zur Verfügung, um auf diese Entwicklung zu reagieren. Das Weingut Pircher war an diesem Panel etwa mit seinem klassischen Flaggschiffwein, der Sélection Eglisau Stadtberg, vertreten, einem reifwürzigen Gewächs, das von der Jury mehrheitlich als «füllig» eingestuft wurde. Das Weingut produziert aber seit 2020 zusätzlich auch noch die Parzellen-Selektion Sonnenhalde. Die 2023er Ausgabe dieses Crus war zum Zeitpunkt des VINUM-Panels leider noch nicht abgefüllt. Die betreffende Parzelle, mit kühlem Lehmboden, nahe am Rhein im Schatten eines Wäldchens gelegen, galt lange Zeit mangels Reife als schwach. Pircher-Nachfolger Gianmarco Ofner hat nun genau diese Parzelle für seinen neuen Signature-Wein auserkoren, der heute mit kaum mehr als zwölf Volumenprozent Alkohol, einer präsenten Säure von bis zu sieben Gramm und tiefem pH-Wert in die Flaschen kommt. Die Pinot-Top-Winzer haben vielfältige Optionen, um auch in wärmeren Zeiten filigrane Crus in die Flaschen zu bringen. Eine Neubewertung der Parzellen kann dabei ebenso helfen wie ein angepasstes Laubmanagement, eine frühere Ernte oder in warmen Jahren die Vinifikation mit den Rappen.

Ein Panel gegen Vorurteile

Dass die Hierarchie beim Schweizer Pinot Noir nicht mehr so festgemeisselt scheint wie früher, zeigte dieses Panel in verschiedener Hinsicht. So setzten sich beispielsweise die beiden Top-Pinots von Diego Mathier aus Salgesch hervorragend in Szene. Das Vorurteil, dass es sich beim Wallis um das wärmste Pinot-Terroir der Schweiz handelt, konnten sowohl der Ambassadeur de Diego Mathier als auch die neue Selektion La Folie mit viel Eleganz und Finesse entkräften. Auch die Bewertungen der beiden Crus vom Weingut Möhr-Niggli mögen überraschen. So wurde der finessenreiche Clos Martha, der in der Heimat von Matthias Gubler im Baselland wächst, höher bewertet als der kraftvolle Pilgrim, das Flaggschiff dieses Winzerpaares, aus der Herrschaft. Die Probe bewies auch, dass es selbst Weinprofis nur vereinzelt möglich ist, helvetische Top-Pinots ihrem Terroir zuzuordnen.