Torraccia del Piantavigna, Nordpiemont

Nebbiolo in seiner reinsten Form

Text: Ursula Geiger, Fotos: z.V.g., Siffert/weinweltfoto.ch

Das Nordpiemont ist ideal für Entdeckernaturen und Nebbiolo-Fans. Die Region hat ihren ländlichen Charme bewahrt. Und wer hinreist, wird mit eigenständigen  Weinen, schnörkelloser Gastronomie und Landschaften von stiller Schönheit belohnt.

Der Wind streicht am späten Nachmittag sanft über die Hochebene. Die Männer arbeiten konzentriert in den Rebzeilen und biegen die Traghölzer der Nebbiolo- und Vespolina-Reben vorsichtig über den Draht. «Jeder macht seine Zeile noch fertig, dann ist Schluss. Es ist zu trocken, die Hölzer drohen zu brechen», weist Rebbaumeister Francesco sein Team an. Der Besuch aus dem Norden freut sich über 17 Grad und das milde Lüftchen. Anders Francesco: Zu trocken, zu warm und definitiv zu wenig winterlich ist es ihm an diesem sonnigen Tag Mitte Februar. Die Wetterkapriolen, die Klimaerwärmung machen ihm Mühe. Um die zwei Hektar Rebfläche auf der Hochebene, die vollständig von Wald umgeben sind, sorgt er sich weniger.

«Das Nordpiemont boomt. Die ganze Weinwelt interessiert sich für unser Terroir. Wir schauen zuversichtlich in die Zukunft.»

Doch das Filetstück des Gutes, den steilen Vigna Pelizzane muss er hüten wie seinen Augapfel. «In der Regel schneiden wir die Reben erst Ende März zurück. Damit die Spätfröste das erste zarte Grün nicht zerstören, verzögern wir mit dieser Massnahme den Austrieb.» Denn der Rebberg in Westlage, direkt über dem Dörfchen Ghemme liegend, ist frostgefährdet. Kein Wald schützt hier die Nebbiolo-Reben und bricht den kalten Wind, der im Frühjahr von Nordwesten her über den Hügel fegen kann. Das Stück Land neben der Pelizzane-Parzelle ist gerodet. Baumwurzeln ragen aus der Erde. Noch liegt der kalkhaltige Lehmboden brach, doch bald sollen hier Reben stehen. Geeignete Rebflächen im Nordpiemont sind gefragt. Immer öfter kaufen auch Winzer aus der Langhe hier Land – oder ganze Weingüter, wie 2018 Roberto Conterno, der sein Portfolio um das Weingut Nervi in Gattinara erweiterte. Was die Region so interessant für die renommierten Winzer aus Barolo und Monferrato macht: Noch ist es hier weniger heiss als in den Hügeln der Langhe. Noch werden hier Nebbiolo-Trauben erst Mitte Oktober gelesen und nicht schon Ende September. Die Reifephase im Nordpiemont dauert länger, die Alkoholwerte schiessen nicht in die Höhe und die Tannine haben Zeit, voll auszureifen. Burgundisch, elegant und finessenreich. Das sind Attribute, die zu den Nebbiolo-Weinen aus dem Nordpiemont passen. 

Feuer und Eis

In diese Weinlandschaft nördlich von Turin und westlich von Mailand sind 18 Gebiete mit kontrollierter Ursprungsbezeichnung eingebettet. Auf rund 365 Hektar führen zehn davon Nebbiolo – oder Spanna, wie die Rebe hier genannt wird, als Leitsorte. Die renommiertesten Gebiete sind die DOCG Ghemme (50 Hektar) in der Provinz Novara sowie die DOCG Gattinara (94 Hektar) in der Provinz Vercelli. Der Fluss Sesia, der aus dem ewigen Eis des Monte-Rosa-Massivs entspringt, trennt die beiden Weinbaugemeinden, die nur 15 Autominuten voneinander entfernt liegen. Doch zwischen den beiden Terroirs liegen Welten. Und die kennt Nigel Brown, der seit 2004 als Geschäftsführer auf Torraccia del Piantavigna arbeitet, wie seine Westentaschen. Beim Dinner im «La Capuccina», zwischen Zartgeschmortem vom Piemonteser Rind und einer lauwarmen Zabaione, in der man am liebsten baden möchte, gibt der Gastgeber eine kurze Lektion in Erdgeschichte: Während in Ghemme die Böden auf Endmoränen liegen und die Reben vom Geschiebe der Monte-Rosa-Gletscher, von alluvialen Böden und grossen Kieselsteinen profitieren, liegen die Nebbiolo-Flächen in Gattinara auf vulkanischen Untergrund. Vor 300 Millionen Jahren hat hier ein Supervulkan Feuer gespien und dabei einen 25 Kilometer weiten Krater geschaffen, der bei der Faltung der Alpen hochgedrückt wurde und zur Seite kippte. Die Erosion legte eine Vielzahl an Schichten frei, so dass in Gattinara auf jedem Hügelrücken, in jeder Senke andere Mineralien im Boden enthalten sind. Während die Weine von Gattinara von der Vielfalt im Untergrund profitieren, ist es in Ghemme das Klima, das die Weine prägt. In Ghemme können die Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht im Herbst locker 20 Grad betragen. Anders in Gattinara, wo sich zwischen den Hügeln die Wärme staut.

Das Weingut Torraccia del Piantavigna wurde 1997 von den Familien Francoli und Ponti gegründet. Während die Francolis schon seit dem 19. Jahrhundert im Spirituosengeschäft tätig sind und auch mit Wein handelten, investierte Ponti als namhafter Produzent von Essig und eingelegtem Gemüse ins Weinbusiness. Doch Initiant und Namensgeber des Weinguts war Pierino Piantavigna, der Grossvater des mütterlichen Zweigs der Familie Francoli. Er pflanzte bereits 1970 Nebbiolo-Stöcke in Ghemme. Der erste Wein mit dem Label von Torraccia del Piantavigna kam im Jahr 2000 auf den Markt. Ein Riesenerfolg war der Ghemme 2004. Er wurde vom Gambero Rosso mit Tre Bicchierie gewürdigt. Torraccia del Piantavigna ist eines von drei Gütern, die ausserhalb der DOCG Gattinara Weine dieses Spitzencrus ausbauen und abfüllen dürfen. Seit 2015 besitzt die Familie Ponti die Beteiligungsmehrheit am Betrieb. Doch 
Taktgeber und Visionär im Rebberg und im Keller ist weiterhin Alessandro Francoli. Im Keller beeindrucken die grossen Fässer aus Slawonischer Eiche, die 8000 und 15 000 Liter fassen. Die kleineren Gebinde sind aus Allier-Eiche und stellen heute 50 Prozent der gesamten Lagerkapazität von 678 000 Liter. Alessandro Francoli hat viele neue Projekte im Köcher: den Spumante Metodo Classico aus der weissen Sorte Erbaluce, der noch auf der Hefe reift. Das Gut ist in der Region zudem der grösste Produzent der roten Sorte Vespolina. Eine Hommage an diese Sorte ist La Mostella, ein kirschroter, würziger Roter mit lebhafter, saftiger Säure und seidigen Tanninen, der als leichter Tischwein zu Käse, Salami und Rohschinken passt.

Der 2018er Colline Novaresi DOC Neb steht in den Startlöchern, um Nebbiolo einem jüngeren Publikum näherzubringen. Mit leichten 12,5 Volumenprozent Alkohol, dem zartbeerig-würzigen Bouquet und dem frischen Gaumen dürfte das eine einfache Übung sein. Zudem ist der Neb eine hervorragende, jung zu trinkende Ergänzung zu den Spitzencrus aus Ghemme und Gattinara, die prädestiniert für eine lange Reifezeit auf der Flasche sind. 

Weine im Clubpaket

Gattinara DOCG 2015

2021 bis 2035

Helles Rubin. Sehr pure und dennoch komplexe Nase mit Noten von Veilchen, Agrumen und auf den Punkt gereifter Zwetschge. Herrlich lang am Gaumen, sehr feine, gut eingebundene Extraktsüsse, straffe Säureader.

Mariage: zu zarten Stücken vom Spanferkel, zu Bagna Cauda oder zu Risotto, mit einem Hauch gereiftem Gorgonzola.

 

Ghemme DOCG 2013

2022 bis 2038

Helles Kirschrot. Sehr feingliedrig, duftet nach Johannisbeere, etwas Bergamotte und Haselnüssen. Überaus geradlinig am Gaumen, perfekte Balance von Säure und Tannin, Noten von reifen Walnüssen im Finish.

Mariage: zu den besten Stücken vom Rind, begleitet von Gemüse mit viel Eigengeschmack wie Cima di Rapa und Catalogna. Herrlich zu frischer Pasta mit Butter, Salbei und geriebenem Reggiano.

 

Ghemme DOCG Vigna Pelizzane 2010

2021 bis 2040

Reifes Rubin. Leder und Tabak, dahinter zeigen sich die rotbeerige, feingliedrige Frucht sowie Noten von Rosenblüten. Druckvoll und fordernd, saftige Säure in Balance zum reifen Tannin.

Mariage: ein Gedicht zu hausgemachter Pasta mit Trüffel, egal ob die weisse aus Alba oder die schwarze aus dem Perigord, oder zu gespicktem Rinderschmorbraten.

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