Diplomatisch & Gamay
Domaine Labruyère, Moulin-à-Vent, Frankreich
Text: Birte Jantzen, Fotos: z.V.g.

Die alte Getreidewindmühle, am Rand von Thorins gelegen, thront gemächlich über den Rebbergen und ist das Wahrzeichen der kleinen Appellation Moulin-à-Vent. Der Gamay läuft hier zur Höchstform auf, unter anderem dank des leidenschaftlichen Engagements von Edouard Labruyère. Text: Birte Jantzen
Als Philipp der Kühne 1395 den «unlauteren» Gamay aus dem Burgund verbannte, tat er ihm ungewollt einen Gefallen. Es sollte sich nämlich herausstellen, dass die delikate Rebsorte die kargen Granitböden des Beaujolais viel lieber mochte als die kühlen Lehm-Kalk-Böden des Burgund. Der Gamay mauserte sich. Über mehrere Jahrhunderte genossen die Weine des Beaujolais einen hervorragenden Ruf und galten als lagerfähig, elegant und fruchtig zugleich. Je nach Jahrgang verwandelte eine längere Lagerzeit die besten von ihnen in erstaunliche Zwillinge des Pinot Noir aus dem Burgund oder des Syrah aus dem nördlichen Rhônetal und überlistete damit selbst die erfahrensten Verkoster. Dann kamen die 1950er Jahre, die Aufbruchstimmung der Nachkriegszeit und die Entdeckung eines Primeur-Weins, des Beaujolais Nouveau, der erschwinglichen und unbeschwerten Genuss bot. Es war ein beispielloser kommerzieller Erfolg – einer, der fast das Ende des Rufes des Gamay besiegelte. Aber nur fast. Denn mit Beginn der 2000er kehrten mehr und mehr Winzer zu den Terroir-Wurzeln des Gamay zurück. Seit gut 15 Jahren hat das Beaujolais seine Liebe zu seinen zehn Crus endgültig wiederentdeckt und setzt sich stolz mit deren aussergewöhnlichen Terroirs auseinander. Möglich gemacht hat dies eine Generation leidenschaftlicher, visionärer, neugieriger und engagierter Winzer, zu welcher auch Edouard Labruyère gehört.
Von der Diplomatie zum Rebberg
Wer heute mit Edouard diskutiert, würde meinen, er hätte schon von Kindesbeinen an im Weinberg gestanden. Dabei ist Weinbau für ihn eine späte Liebe. Aufgewachsen in einer Unternehmerfamilie, welche auch mehrere Weingüter besass, studierte Edouard an der Elite-Universität Sciences Po und verschrieb sich erst der Diplomatie, später einem Beratungsunternehmen in Paris. Weihnachten 2003 wurde ihm klar, dass sein Herz eigentlich schon immer dem Wein gehörte. Er orientierte sich neu und sammelte zunächst Erfahrungen als Weinhändler, bis 2008 ein familiäres Ereignis die Dinge beschleunigte und Edouard beschloss, alle vier Familienweingüter selbst zu leiten. Sein Vater war erst wenig begeistert. Edouard stellte sich der Herausforderung jedoch mit Bravour, und heute zählen die Weine von Domaine Labruyère zu den spannendsten in der Appellation Moulin-à-Vent und im Beaujolais.

Gehört Domaine Labruyère bereits seit sieben Generationen der Familie, hat es sich seit seiner Gründung 1850 kaum verändert. Noch immer im Herzen des idyllischen Weilers Les Thorins ansässig, wuchsen die Rebberge lediglich von 10 auf 13 Hektar an, fast alle auf dem Granit-Terroir von Moulin-à-Vent gelegen. Die Parzellen liegen an den hügeligen Ausläufern des Zentralmassivs und geniessen einen tollen Ausblick auf die Saône-Ebene. An klaren Tagen enthüllen sich sogar die rund 160 Kilometer entfernten Bergspitzen des Mont Blanc, was allerdings ein schlechtes Zeichen ist: Erspäht man den Mont Blanc, kommt ein Wetterumschwung mit Regen.
Lange wurde das Weingut von der Familie verwaltet, bis 1975 entschieden wurde, die Trauben an Georges Dubœuf zu liefern, den König des Beaujolais Nouveau. Als Edouard 2008 das Weingut übernahm, kam es zu einem radikalen Wandel. Er holte die talentierte Önologin Nadine Gublin an Bord und leitete im Weinberg und im Keller eine komplette Kehrtwende ein. Schluss mit dem Verkauf von Trauben. Schluss auch mit der chemischen Unkrautbekämpfung – seit 2023 ist das Weingut biozertifiziert. Her mit einer sanften, burgundischen Arbeitsweise, welche Terroir und Rebsorte sensibel zur Geltung bringt. Die im Durchschnitt 50 Jahre alten Rebstöcke werden traditionell im niedrigen Gobelet-Erziehungssystem bei hoher Pflanzdichte angebaut, was die Arbeit im Weinberg erschwert und einen hohen Arbeitsaufwand erfordert. Es wird also noch viel von Hand und mit der Spitzhacke gemacht.
«Fantastisch am Wein ist seine lebendige Verbindung zwischen Rebstock und Glas.»
Nicht nur besitzt die Familie Parzellen in den ikonischen Lagen Le Carquelin und Champ de Cour, sondern sie ist auch glückliche Besitzerin des gesamten Clos du Moulin-à-Vent, einer kleinen, exquisiten Parzelle, die direkt am Fuss der berühmten Mühle liegt. Trotz einer nahezu identischen Weinbereitung erzählt jede Lage eine andere Ausprägung des Gamay und lässt somit den Terroircharakter voll zur Geltung kommen.
Heute wird im Keller strikt nach burgundischem Vorbild gearbeitet. Geerntet wird in kleinen Kisten, die Trauben werden sorgfältig sortiert und meist entrappt. Nur der Champ de Cour bekommt, je nach Jahrgang, manchmal anteilig ganze Trauben. Die Weine werden in Betontanks vinifiziert, welche aromatisch neutral sind und eine hohe thermische Trägheit aufweisen. Die Extraktion ist stets schonend, und während der Gärphase wird jeden Tag verkostet, um die Arbeit an die werdenden Weinen bestmöglich anzupassen. Das Resultat sind Weine mit straffer, aber delikater Tanninstruktur und mit Aromen, die Frucht, Charakter und Terroir getreu widerspiegeln. Nadine Gublin verzichtete von Anfang an auf neue Holzfässer, und heute kommen beim Ausbau vor allem 600-Liter-Eichenholzfässer zum Einsatz, denn der Gamay liebt grosse Behälter. Je nach Wein dauert der Ausbau zwischen 12 und 18 Monaten, und es wird komplett auf Schönung verzichtet. Wenige Wochen vor Abfüllung erfolgt lediglich eine leichte Filtration, und tatsächlich ist jeder Schritt im Weinkeller sorgfältig auf Finesse, Trinkspass und Lagerfähigkeit ausgerichtet.
Alle vier Weine der Domaine Labruyère zeigen, was für eine wundervolle Rebsorte der Gamay sein kann. Sie sind nicht nur exzellente Botschafter des Beaujolais und der Appellation Moulin-à-Vent, sondern auch Ausdruck des leidenschaftlichen Engagements von Edouard Labruyère.
Moulin-à-Vent AOC Cœur de Terroir Vieilles Vignes 2022
2026 bis 2036
Frisch, mit seidigen Tanninen, viel Tiefe und Würze, lang anhaltend, mit Noten von Gewürzen, Kirsche und Veilchen. Ausgewogen, schön gereift, ein toller Essensbegleiter.
Mariage: Zum Beispiel zu Lasagne oder einer Lyoner Brioche-Wurst
Moulin-à-Vent AOC Champ de Cour 2022
2026 bis 2040
Viel Frische, seidige Tannine und eine Leichtigkeit, die an ein Dressurpferd erinnert, welches am Gaumen anmutig Tanzschritte ausführt. Seine ausgewogene Reife und Länge erzählen Noten von Zimt, Kirsche, Himbeere, Kardamom und Blutorangenschale.
Mariage: Zum gereiften Rinderfilet
Moulin-à-Vent AOC Monopole Le Clos 2022
2026 bis 2046
Sehr zart, straff, fein salzig und saftig, mit langem und würzigem Abgang. Komplex; er erzählt Noten von Lakritz, Veilchen, Blutorangenschale, Kräutern und Graphit. Von schöner Dichte und mit hervorragendem Lagerpotenzial.
Mariage: Zum Beispiel zum Bresse-Hähnchen