Winzerlegende Georg Fromm, Graubünden (CH)

«The Swiss Gardener»

Text: Thomas Vaterlaus, Fotos: Hans-Peter Siffert

Vor 40 Jahren kelterte Georg Fromm im graubündischen Malans erste Top-Blauburgunder, die den Pinot-Qualitäts-Boom in der Schweiz mitbegründeten. Dann ging er nach Marlborough (NZ) und bewies auch dort, dass Chardonnay und Pinot weitaus Edleres ergeben können als der Sauvignon Blanc. Seit 2008 feilt der 67-Jährige nun wieder zuhause an einem ausgeklügelten Cru-Konzept. Das Weingut ist heute ein «Patchwork»-Projekt, das er mit seinem 48-jährigen Neffen Walter und seinem 33-jährigen Sohn Marco führt. Vom Konzept her maximal terroirbezogen agieren sie ansonsten unschweizerisch «open minded».

Wer heute im neuseeländischen Marlborough durch die Rebgärten fährt, die mit ihrem hochgezogenen Doppel-Guyot-System eher an Plantagen erinnern, bleibt bei Renwick nicht selten an einem ganz besonderen, unbewässerten Rebberg stehen, der mit seiner engen Bestockung und der tief gehaltenen Erziehung stark an das Burgund erinnert. Wenn man diese ganz und gar aus dem üblichen Sauvignon-Raster fallenden Parzellen etwas länger betrachtet, kann es gut sein, dass neben einem ein Pick-up anhält und ein heimischer Winzer zu einem sagt: «You know, this is the Swiss Gardeners Work.»

«Grosse Pinots haben eine samtige Textur, sind komplex und gehaltvoll, sie haben eine zarte, elegante Frucht, sind fein im Antrunk und lang im Abgang.»

Zwölf Jahre sind schon wieder vergangen, seit Georg Fromm seine Zelte in Neuseeland abgebrochen und seine Fromm Winery in andere Hände übergeben hat und nach Malans zurückgekehrt ist. Aber noch immer hat sein Name in Marlborough einen magischen Klang. Kein Wunder, war er doch Anfang der 90er Jahre zusammen mit seinem Kellermeister Hätsch Kalberer der erste, der Chardonnays und vor allem Lagen-Pinots nach burgundischer Manier in die Flasche brachte, die bei prestigeträchtigen Vergleichsverkostungen auf Augenhöhe mit den Crus von Leroy und der Domaine de la Romanée-Conti agierten, was ihm vor allem in England ein gewaltiges Presse-Echo bescherte. Als seine Crus bei Harrods in London für 120 Pfund im Regal standen, realisierte er, dass er endgültig auf dem internationalen Parkett angekommen war.

«Für einen, der aus dem beschaulichen Malans kam, war Neuseeland schon eine Offenbarung, nicht nur wegen des speziellen Terroirs von Marlborough, sondern auch wegen des ganz besonderen Spirits in der damaligen Weinszene, inklusive abendlichen Boottrips an der Pazifik-Küste und nächtelangen Diskussionen über Gott und Wein im Winzer-Bistro ‹Cork and Keg›», erinnert er sich. Etwas von diesem speziellen «Down Under»-Spirit hat er weitergegeben, etwa an die rund zehn jungen Schweizer Winzer, die vorübergehend bei ihm in Marlborough gearbeitet haben. Und wenn auch Georg Fromm längst wieder in Malans sesshaft ist, schwingt der Geist von «Down Under» in der Fromm-Familie noch immer kräftig mit. Seine ehemalige Frau, Ruth Stirnimann, mit der er seinerzeit das Neuseeland-Abenteuer gestartet hat, ist heute eine international renommierte Künstlerin und lebt noch immer auf der Südinsel.

Im magisch zwischen blauem Pazifik und hohen Bergen liegenden Walfisch- und Delphin-Mekka Kaikoura betreibt sie ein «Healing & Art»-Studio. Auch sein ältester Sohn Livio, ein Gastronom und Lehrer für Tanz, Meditation und Tai-Chi, lebt da. Tochter Piera Maria ist Yoga-Lehrerin in Bali. Und selbst Georg Fromm, der seinem Winzer-Metier ein Leben lang treu geblieben ist, entspannt sich in Malans jeden Tag 15 Minuten mit Tai-Chi-Übungen.

Pionier des Cru-Konzeptes

Szenenwechsel, Herbst 2019 in Malans: Obwohl er nun schon die 50. Ernte bestreitet, eine Zahl, die nur wenige Winzer erreichen, ist das 67-jährige Winzer-Urgestein am ersten Tag so nervös, als sei’s die erste. «Ich kann nichts dagegen machen, dabei bin ich ja, was Anbau und Ausbau anbelangt, heute nicht mehr der Hauptverantwortliche, diese Rolle haben wir meinem Neffen Walter anvertraut», sagt Georg Fromm. Trotzdem ist er am Morgen der erste, der bereitsteht und zum Aufbruch drängt. Die Arbeit, vor allem auch bei der Lese, ist im Weingut Fromm komplexer geworden, seit sie das Cru-Konzept, mit dem Georg Fromm schon in Marlborough sehr erfolgreich war, auch in Malans konsequent umsetzen.

Vor 14 Jahren haben sie den ersten Cru, den Schöpfi-Wingert, aus einem von Mauern umfassten Clos, separat ausgebaut und abgefüllt. Danach folgten die Einzellagen-Selektionen Selvenen, Fidler und Spielmann und ab dem Jahrgang 2018 als bisher fünfter und letzter Cru der Michel.

Alle diese fünf Terroirs verfügen über eine individuelle Bodenbeschaffenheit, wobei in den höheren Lagen wie Selvenen der Anteil von Schiefer und Gestein höher ist, während in tieferen Lagen wie Fidler oder Spielmann mehr Humus oder Sand zu finden ist. Zudem sind die Parzellen mit unterschiedlichen Pinot-Klonen bepflanzt und das Alter der Reben ist unterschiedlich. Mit der Umstellung auf kontrolliert biologischen Anbau sind sie überzeugt, den Lagen-Charakter noch stärker herausarbeiten zu können, vor allem weil sie die Einsaat-Mischungen für die Begrünung auf den jeweiligen Bodentyp abstimmen. Bei der Vinifikation verzichten sie auf Interventionen wie etwa die kühle Maischenstandzeit vor der Gärung und setzen auf eine möglichst natürliche Vinifikation mit rebbergseigenen Hefen. Mit diesem ausgeklügelten, konsequent burgundisch inspirierten Konzept entstehen Weine, welche die Vielschichtigkeit des Malanser Terroirs so subtil aufzeigen, wie es keinem anderen Weingut gelingt.

Für mehr Struktur und weniger Schmelz

Nach getaner Arbeit treffen sich die «Frommianer» abends im Innenhof des stattlichen Gutes am «Töggelikasten» (zu Deutsch: Kickertisch) oder an der Bar, wo der hauseigene «Gin Nr. 3» oder der im Pinot-Fass gereifte «Gin Nr. 5» ausgeschenkt werden, für den sie auch ab und zu Wermutkraut aus dem eigenen Rebberg verarbeiten. In der «Garagen-Küche» brutzelt derweil das Abendessen. Später ist der grosse Holztisch im Verkostungsraum der perfekte Ort, um über die von Georg Fromm anvisierte Pinot-Stilistik zu reden, die er Zeit seines Lebens kontinuierlich verfeinert hat. «Wenn ich an meine ersten Ernten zurückdenke, als ich noch einfach fruchtige Beerli-Weine gekeltert habe, und sehe, was wir heute machen, denke ich manchmal, dass seither mindestens hundert Jahre vergangen sein müssen.» Übrigens: Man sollte sich möglichst exakt ausdrücken, wenn man mit Georg Fromm über die Sensorik des Pinots diskutiert. Schon beim Ausdruck «Textur» sind Erklärungen notwendig, er akzeptiert den Begriff, wenn damit Struktur und feinmaschiges Tannin gemeint sind; das Wort «Seidigkeit» ist für ihn hingegen schon missverständlich und bei «Charme», besonders aber bei «süsslichem Charme», sträuben sich seine Nackenhaare…, denn: «Grosse Pinots haben eine samtige Textur, sind komplex und gehaltvoll, sie haben eine zarte, elegante Frucht, sind fein im Antrunk und lang im Abgang.»

Kellerneubau von Peter Zumthor

In den letzten Jahren haben die drei «Fromm-Musketiere», die von ihnen bewirtschaftete Rebfläche kontinuierlich auf acht Hektar vergrössert. Nun sind sie bereit für den nächsten grossen Schritt. Zusammen mit dem international renommierten Bündner Architekten Peter Zumthor haben sie ein Projekt für einen Kellerneubau entwickelt. Es ist ein schlichter und doch kühner, länglich freistehender Kubus, der sich im Areal der Fromm-Familie quasi aus dem Hang erhebt. Zumthor hatte schon für renommierte Winzer wie Peter Sisseck in Ribera del Duero oder Fritz Keller am Kaiserstuhl neue Kellereiprojekte entwickelt, die aber letztlich nicht realisiert wurden. In der Zusammenarbeit mit der Fromm-Familie, quasi von Bündner zu Bündner, stimmte die Chemie. Das Projekt nahm alle behördlichen Hürden, ist aber wegen zweier Einsprachen von Privatpersonen noch blockiert. Doch Georg Fromm ist zuversichtlich, dass das Projekt im nächsten Jahr den letztinstanzlichen Segen erhält. Es wäre ja auch ein Witz, wenn in Malans zwar Luxus-Wohnsiedlungen im spanischen Hacienda-Stil gebaut werden dürfen, während visionäre Bündner Architektur verhindert wird. «Klar, Malans ist nicht die Neue Weinwelt wie Marlborough, aber auch hier braucht der Weinbau zeitgemässe Entwicklungsmöglichkeiten und neue Akzente mit Strahlkraft», sagt Georg Fromm.  

Vorreiter des Cru-Konzeptes


Burgunder-Sorten stehen im Weingut Fromm klar im Fokus. Neben einem glasklaren Chardonnay produzieren sie aus Pinot Noir einen sogenannten «Village»-Wein sowie fünf Crus aus Einzellagen mit individuellem Charakter. Selbst im warmen Jahr 2018 ist ihnen das Kunststück gelungen, überaus animierende Weine in die Flaschen zu bringen.


 

Weingut Fromm – Chardonnay 2018

18 Punkte | 2020 bis 2027

Früh gelesen von nicht ausgelaubten Reben und ohne Säureabbau vinifizert. Agrumen und Wiesenkräuter. Im Gaumen geradlinig, getragen von einer herrlich saftigen Säure. Hat viel Zug.

Weingut Fromm – Pinot Noir Village 2018

17 Punkte | 2020 bis 2025

Rotbeerige Aromatik, ein Anflug von Lakritze. Im Gaumen fest gebaut und animierend. Zugänglicher Pinot mit Charakter und Klasse. Sehr trinkig. Von zugekauften Trauben und eigenen Lagen gekeltert.

Weingut Fromm – Pinot Noir Selvenen 2018

17.5 Punkte | 2020 bis 2030

Selektion von 50-jährigen Stöcken, die in Böden mit viel Schiefer und Gestein wurzeln, mit einem kleinen Anteil Rappen vergoren. Aromen von dunklen Kirschen und Brombeeren, dazu eine Spur Unterholz und Pfeffer. Im Gaumen druckvoll, mit viel Frucht, aber auch kernigem Tannin und edler Würze.

Weingut Fromm – Pinot Noir Fidler 2018

18 Punkte | 2020 bis 2030

Von einem klassischen Schweizer Klon (10/5) aus einem Terroir mit mehr organischer Substanz, Sand und Kalk. Feine Aromatik von eher roten Beeren, dazu angepasste, frisch wirkende Würznoten. Am Gaumen zupackend, kräftig und noch eine Spur ungestüm. Toller Wein!

Weingut Fromm – Pinot Noir Spielmann 2018

17.5 Punkt | 2020 bis 2030

Aus einem Terroir mit viel organischer Substanz, in dem früher keine Reben wuchsen. Weil früh gelesen, wurden die Trauben vollständig entrappt. Aromen von frischen Himbeeren und Erdbeeren, auch kräuterwürzige Aspekte. Im Gaumen sehr ausgewogen und komplex. Angepasste Säure, präsenter, feinkörniger Gerbstoff.

Weingut Fromm – Pinot Noir Michel 2018

17.5 Punkte | 2020 bis 2030

Erstmals gekeltert, Einzellage mit kalkhaltigen Böden mit Sandanteil, teilweise mit den Stielen vinifiziert. In der Nase noch verhalten. Kernige, gut eingebaute Würznoten, dazu eine subtile Beerenfrucht. Auch mineralische Komponenten. Im Gaumen von feinkörnigem Gerbstoff geprägt. 

Weingut Fromm – Pinot Noir Schöpfi 2018

18.5 Punkte | 2020 bis 2030

Aus einer Schwemmland-Lage mit Kalk und Sand. Zur Hälfte mit den Stielen vinifiziert. Sehr subtile, floral wirkende Aromatik, dazu Waldbeeren, aber auch Kirschen und ein Anflug von Unterholz. Im Gaumen subtil, feinmaschig, tänzerisch und temperamentvoll. 

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