Bordthäusers Sensorikschule

Mit allen Sinnen

Folge 6: Nase und Aromen

Düfte wahrzunehmen, ist eine leichte Übung – wir brauchen schon die berühmte Wäscheklammer, um etwas nicht zu riechen. Aber gezielt zu benennen, was uns gerade in die Nase steigt: Da wird’s komplex.

 

Der Geruchssinn wird oft als der schwächste aller Sinne bezeichnet, da Geruchswahrnehmungen am schwierigsten zu verbalisieren sind. Jeder von uns kennt das: Es riecht nach irgendetwas, man kann es aber nicht benennen. Wir wissen nun aber, dass der vermeintlich schwächste Sinn der stärkste ist, wenn wir das menschliche Genom betrachten beziehungsweise den enormen Platz, den die Funktion des Riechens darin einnimmt (mehr dazu in Folge 5 unserer Serie).

An der Geruchswahrnehmung sind zwei verschiedene sensorische Systeme beteiligt: das nasal-trigeminale und das olfaktorische System, um das es in dieser Folge geht. Der Mensch verfügt über 107 geruchsempfindliche primäre Sinneszellen, die in Nerven und Gewebe der Riechschleimhaut zu finden sind. Diese Zellen erneuern sich alle 30 bis 60 Tage. Wenn wir also im Sommer an einem vollreifen Pfirsich riechen, tun wir das jedes Jahr mit völlig neuen Riechzellen, nehmen aber den altbekannten Geruch wahr. Unabhängig von seiner emotionalen Bewertung ist der Duft im Gehirn abgespeichert. Auf manche aggressiven Reize, wie Säure- oder Ammoniakdämpfe, reagieren statt der Sinneszellen freie Nervenendungen. Hier spricht man von Reizungen statt von Sinneswahrnehmung – mehr dazu im nächsten Heft. Wie in Folge 5 beschrieben, gelangen Duftmoleküle durch die Nase zur Riechschleimhaut (Regioolfactoria).

Die olfaktorische Wahrnehmung ist zentral verschaltet mit: a) der Gedächtnisspeicherung (lokal/situationsbezogen), b) Emotionen/Motivationen (positiv/negativ, also Verstärkung/Vermeidung), c) der Geruchsidentifikation (gut/schlecht). Düfte, und das ist ihr Alleinstellungsmerkmal, sind immer mit Emotionen verbunden. Sie lassen sich bei gelenkter Aufmerksamkeit (also dem bewussten Fokussieren auf eine bestimmte Sache) leichter erlernen oder merken, da sie so mit dem semantischen Gedächtnis (Faktenwissen) verbunden werden.

Doch wie funktioniert das genau? Der Mensch kann circa 10 000 verschiedene Gerüche voneinander unterscheiden. Sie kennen sicher das Aromenrad, das alle für die Weinbeschreibung gängigen Düfte grob zusammenfasst und kategorisiert. Doch wer von Ihnen erkennt Maiglöckchenduft? Und kann ihn von weissen Blüten unterscheiden? Wie sieht es aus mit Buchsbaum versus Brombeerblatt? Dagegen scheint die Unterscheidung von Granny Smith und Rubinette fast simpel. Helfen sollen dabei auch Farbanalogien, auf die gern zurückgegriffen wird, um Düfte bildlich greifbar zu machen. Ein «weisser Duft» (Blüte) ist fragiler und feiner als ein «grüner Duft» (Granny Smith), der Frische symbolisiert. Gelb (zum Beispiel Pfirsich) ist reifer als Grün und saftiger. Rot wird gefolgt von Braun, das warme, erdige Töne versinnbildlichen soll (Tabak, Erde, Hölzer).

Das Problem ist die präzise sprachliche Benennung. Ungeübte Personen haben eine Trefferquote von circa 50 Prozent, durch Übung kann ein Trefferquotient von gut 98 Prozent erreicht werden. Massgeblich beteiligt am Erkennen und Bewerten von Reizen ist die eigene Erfahrung, die als episodisch-biografisches Erinnern bezeichnet wird. Haben wir einmal einen Geruch abgespeichert, können wir ihn uns auch vorstellen, wie zum Beispiel ein Lied, das wir gerade nicht hören, oder eine Szene aus unserem Lieblingsfilm. Das Gehirn greift ganz automatisch auf diese Bilder zurück. Die Beurteilung eines Reizes ist also bestimmt durch die Erinnerung, bevor die eigentliche Geruchserkennung stattfindet. Diese Erinnerung oder das Geruchsgedächtnis wird schon im Mutterleib geprägt.

Darüber hinaus sind in das Erkennen von Gerüchen das semantische und das sogenannte präsemantische Gedächtnis involviert. Sie stellen über einen Geruch den Bezug zum Riechgedächtnis und zu einem in der Erinnerung abgelegten Ort her, zum Beispiel dem Sizilienurlaub und dem Erlebnis, in einem Hain vollreifer Zitronenbäume zu stehen. Dazu wird das visuelle System herangezogen, indem wir uns den Zitronenhain vorstellen, wenn wir an der Zitrone riechen. Das Gehirn speichert keine Abbildungen von Düften, da diese abstrakt sind. Sie werden stattdessen wie bei einem Memory-Spiel mit bestimmten Bildern verbunden, wie dem Zitronenhain. Zur Benennung des Geruchs bedarf es eines zweiten Systems, nämlich der Sprache, um den Begriff «Zitronenduft» zu formulieren.

Die hedonistische Bewertung von Reizen ist beim Menschen relativ früh abgeschlossen. Einige Quellen sprechen von fünf Jahren, andere von einem Prozess, der sich bis zum zehnten Lebensjahr hinziehen kann. Lernfähig bleibt man jedoch immer: Ein positiver Gemütszustand und eine vertraute Umgebung schaffen den Rahmen, um schwarz-weisse Erinnerungen bunt zu malen. Zünden Sie also eine Kerze an, legen Sie sich auf die Couch, und öffnen Sie eine Flasche trockensten Moselriesling. In der nächsten Folge lernen Sie dann die dritte Dimension kennen, die Geschmack, Geruch und Haptik zusammenführt: das trigeminale System.

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