Stationen der Weingeschichte

Die Kontrolleure

Reblaus, Weltkriege, Prohibition, Wirtschaftskrisen: In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts liegt der Weinbau weltweit am Boden. Frankreich antwortet darauf mit staatlicher Kontrolle und schafft die Grundregeln für modernen Ursprungsschutz.

«Sechs Kader des Burgunder Handelshauses Laboré-Roi wurden festgenommen. Ihnen wird Weinfälschung vorgeworfen, die zwei Millionen Flaschen betreffen könnte», titelt die französische Tageszeitung «Le Figaro» am 12. Juni 2012.

Die Beschuldigten äussern, die Informatik sei schuld daran, dass Jahrgänge verwechselt, Weine unterschiedlicher Herkunft verschnitten, falsche Medaillen aufgedruckt worden seien. Auf die Schliche gekommen sind ihnen Gendarmerie und die «Direction Générale de la Concurrence, de la Consommation et de la Répression des Fraudes», die französische Stelle zur Verhinderung solcher Vergehen, weil sie Unstimmigkeiten in den Ernte- und Absatzdeklarationen feststellten.

Die Burgunder Weinszene spricht von einem imageschädigenden Debakel, das ähnlich negative Auswirkungen haben könne wie der Weinskandal von Bordeaux in den 70er Jahren oder der Skandal um das Burgunder Handelshaus Bouchard Père et Fils Ende der 80er Jahre, das die Familie um ihre Marke brachte. Nüchtern betrachtet ist die Affäre nichts weiter als der Beweis, dass die Weinkontrolle und damit das System kontrollierter Ursprungsbezeichnung funktioniert und den Konsumenten erfolgreich vor Missbrauch schützt.

Wie es dazu gekommen ist? Rekapitulieren wir kurz: Ende des 15. Jahrhunderts «erfindet» der deutsche Kaiser Maximilian I. die Weingesetzgebung. Die Franzosen antworten darauf 400 Jahre später mit der ersten gesetzlichen Weindefinition (Wein ist das Produkt vergorener Trauben oder vergorenen Traubensafts). Einige Dörfer der Côte du Rhône garantieren im 18. Jahrhundert die Herkunft ihrer Weine, und der Marquês de Pombal umgrenzt etwa zur gleichen Zeit die Qualitätsrebberge im oberen Douro-Tal. Doch die Panscher panschen fröhlich weiter. Gesetze sind gut, Kontrolle ist besser. Polizei oder Gendarmerie können Täter festnehmen. Doch wer hat die Kompetenz und die Mittel, Fälscher zu entlarven?

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts organisieren sich in ganz Europa die Landwirte und Winzer. Die ersten Vereinigungen und Genossenschaften werden gegründet. Um die Jahrhundertwende entstehen die ersten Winzerverbände. Die Mittel, den Ursprungsschutz durchzusetzen, kann in einem modernen Staat allerdings nur dieser zur Verfügung stellen. Im Anschluss an das Notstandsgesetz von 1907, das den Winzeraufständen im Languedoc ein Ende bereiten soll, verabschiedet die französische Regierung weitere Verordnungen, darunter die obligatorische «Déclaration de Récolteet des Stocks» im Rathaus jeder Gemeinde, die Deklaration von Ernte und Lager (was eben die Aufdeckung des eingangs erwähnten Skandals ermöglicht hat), und schafft das nötige Kontrollorgan: die «Répression des Fraudes».

Dieser erste Gesetzesentwurf wird in den nächsten 20 Jahren mehrmals ergänzt. Als Vorreiter der französischen AOC (Appellationd’Origine Contrôlée, kontrollierte Ursprungsbezeichnung) gelten der Winzer und Jurist Baron Le Roy aus Châteauneuf-du-Papeund der Bordelaiser Landwirtschaftsminister und Abgeordnete der Gironde Joseph Capus, die 1936 die ersten vier offiziellen, staatlich kontrollierten geschützten Herkunftsbezeichnungen feiern können: für die Region Cognac und die Dörfer Arbois im Jura, Châteauneuf-du-Pape, Tavel und Cassis in Südfrankreich.

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