Stationen der Weingeschichte

Die Laus bricht aus

1875 bringt Frankreich die grösste Weinernte aller Zeiten ein, nur vier Jahre später liegt der Weinbau am Boden. Die Reblaus hat gesiegt. Doch Schadenfreude ist nicht angesagt.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verliert Frankreich nicht nur den Krieg gegen Deutschland und damit Elsass und Lothringen, sondern auch seine absolute Vormachtstellung in Sachen Wein. Die umliegenden Länder und Weinregionen – Nordspanien, Norditalien, die Toskana – warten nur darauf, in die Bresche zu springen.

Die spanische Rioja, geografisch besonders begünstigt, verschickt bald massenhaft Weine nach Frankreich und in die übrige Welt, die einen in einer Flasche von Bordeaux-Format und im Médoc-Stil gehalten (und mit einschlägigem Etikett – Ursprungsschutz ist inexistent), die anderen von Burgunder-Art, im Inhalt wie in der Flasche. Die Tradition der beiden Flaschenformen und Stile pflegt die 1890 (!) gegründete Rioja Alta noch heute: Der Gran Reserva 890 aus hundert Prozent Tempranillo kommt in der schlanken Bordeaux-Flasche auf den Markt, der Vina Ardanza, durch Beigabe von 20 Prozent Garnacha «burgundischer» gemacht, in der bauchigen Burgunder-Buddel.

Doch Schadenfreude ist nicht angesagt. Denn nach und nach fallen alle europäischen (und bald auch alle anderen!) Weingärten dem gefrässigen Läuschen mit dem komplexen Metabolismus zum Opfer, das sich in Windeseile fortpflanzt, mehrmals mutiert und in seiner geflügelten Form (die ihm gerade mal hilft, sich in die Lüfte zu schwingen, denn die Reblaus ist ein Insekt ohne Flugbrevet) von Mistral oder Föhnwind über Dutzende Kilometer verstreut wird.

Einige Gebiete halten länger stand, wie etwa die Rioja (im Schutz der Pyrenäen, doch der Feind rollt das Feld von Süden her kommend auf) oder die Champagne (dank ihrer kalkigen Böden?). Befallen werden sie schliesslich alle.

Die Mittel zur Bekämpfung des Übels sind so kostspielig, dass nur die reichsten Winzer sich diese leisten können: Fluten der Rebberge, Pflanzen der Reben in Sandböden, teure Insektizide, die man mit abenteuerlichen Spritzen in Wurzelnähe pumpt. Die einzige Methode, die dauerhaft hilft, ist das Pfropfen europäischer Edelreiser auf resistente amerikanische Unterlagsreben. Welche Revolution dieser Schritt darstellt, der gewisse Sorten benachteiligt und andere verbessert (den bislang fast unbekannten Merlot etwa), wie nachhaltig er Rebarbeit, Anbau und den Wein selbst beeinflusst, liegt auf der Hand.

Doch bevor man erfolgreich gegen die Reblaus vorgehen kann, muss man sie erst mal kennenlernen. Was ist sie? Woher kommt sie? Der Schwager des Reblausentdeckers Planchon, Jules Lichtenstein, selber Rebbauer und Hobby-Entomologe, bringt als Erster die französische Reblaus mit der in Amerika entdeckten in Verbindung. Doch die amerikanische Form lebe ausschliesslich auf den Blättern der Rebe, meinen die Gelehrten und setzen damit ihr Geplänkel fort, statt nach Lösungen zu suchen, und die europäische Form scheine sich allein auf die Wurzeln zu konzentrieren.

Bald stellen Spezialisten beidseits des Atlantiks fest, dass die Reblaus auch in Amerika hier und da in den Wurzeln lebt und dass die europäische Form sich auch auf den Blättern vergnügt, wie das bereits der englische Insektenprofessor Westwood festgehalten hat, und dass folglich nichts die europäische von der amerikanischen Form unterscheidet. 1871 steht fest: Die Reblaus ist ein sperriger Tourist aus der Neuen Welt. Diese These stützt die Tatsache, dass die Phylloxera zuerst in der Nähe von Überseehäfen auftaucht: London, Bordeaux, Marseille, Sète.

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