Stationen der Weingeschichte

Weingaragen-Disco

Als Discjockey lernt Jean-Luc Thunevin, wie man hübsche Mädchen um den Finger wickelt. Später wendet der Garagenwein-Erfinder seine Erfahrung erfolgreich auf Weinkritiker an.

1989 erwirbt der Weinhändler Jean-Luc Thunevin mit geborgtem Geld eine Miniparzelle von 0,6 Hektar in einer der undankbarsten Lagen von Saint-Émilion. Seine Investition steht unter keinem guten Stern.

1990 marschiert Saddam Hussein in Kuwait ein. Der Golfkrieg bricht aus und bringt den Bordeaux-Export zum Erliegen. In der Gironde folgt eine Absatzkrise, die bis 1995 dauert. Am 27. April 1991 vernichtet ein Spätfrost in Bordeaux einen Grossteil der Fruchtansätze, und der Jahrgang 1992 gehört gar zu den regnerischsten der letzten 30 Jahre und bis heute zu den letzten wirklich missratenen Bordeaux-Jahren.

Doch als der 1992er, von dem keiner will, «en primeur» zu Dumpingpreisen auf den Markt geschleudert wird, erzielt Thunevins Kleinauflagen-Cuvée Valandraud Spitzennoten, wird über Nacht zur Legende und lässt preislich bald alle Premiers Crus hinter sich.

Die Geschichte von Jean-Luc Thunevin, der als schlechter Schüler Holzfäller lernt, seine Brötchen als Discjockey verdient, weil er sich so dank Saturday Night Fever als schüchterner Junge trotzdem an hübsche Mädchen ranmachen kann, sich später als Gastwirt versucht und schliesslich als Weinhändler in Saint-Émilion strandet, hat Weingeschichte geschrieben. Weil er nach einer Idee schnappt, die in der Luft liegt, und diese konsequent umsetzt, revolutioniert Thunevin modernes Weinmarketing.

Er verzichtet auf alles, was bis jetzt eine Luxusmarke des Weins ausmacht (jahrhundertelange Geschichte, adlige Abstammung, Terroir und Schloss sowie genügend Menge, um ein weltweites Echo erzielen zu können), und setzt stattdessen auf kleinste Menge. Er promotet markanten Neuholztouch (der Wein kommt zweimal in neue Fässer) und erntet extrem reife Trauben, die Weine so dicht wie Brombeersaft ergeben, aber von absoluter technischer Perfektion, Weine, die nicht in 20 Jahren ihren Höhepunkt erreichen, sondern präzis zum Zeitpunkt der Primeur-Degustation.

Kleinauflagenweine und damit beschränkte Verfügbarkeit kultivieren zwar schon andere, aus Not oder aus Tugend, ob im Burgund, im Elsass, im Wallis und sogar in Bordeaux selbst. Die Familie Thienpont füllt ihren Le Pin bereits seit 1979 ab, die Sonder-Cuvée La Fleur de Gay folgt nur drei Jahre später, Familie Clusel-Rochin Ampuis (Côte Rôtie) baut die Miniernte ihres Condrieu bereits Ende der 1980er Jahre in drei kleinen Fässern aus, die sie im umfunktionierten Ziegenstall lagert. Auch François Mitjaviles Tertre Roteboeuf in Saint-Émilion gehört zu den Vorläufern der Garagenweinwelle. Doch keiner trifft den Nerv der Zeit so exakt wie Thunevin.

Weitere «Garagisten» in der ganzen Welt kommen dazu, und ihr Symbol ist darum die Garage, weil Thunevin, der sich alles Keltermaterial bei Nachbarn ausborgen muss, zum Keltern und Ausbauen seiner ersten Valandrauds einen Schuppen mietet, der tatsächlich einer solchen gleicht.

Und heute? Die meisten Garagenweine sind wieder von der Bildfläche verschwunden. Valandraud ist ein ausgewachsenes Weingut mit zehn Hektar Reben, der Jahrgang 2012 wurde als Premier Cru Classé ausgezeichnet – nicht für einen Marketinggag, sondern für einen echt grossen Wein. Thunevin gehört zum Bordelaiser Wein-Establishment. Was zeigt, dass Revolutionen ihre Kinder nur dann nicht fressen, wenn der Zweck die Mittel heiligt.

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