Stationen der Weingeschichte

Weingesetz, die 2.

Im Jahr 1498 hatte der deutsche Kaiser Maximilian I. eine Art Reinheitsgebot für Wein verabschieden lassen. 400 Jahre später zieht Frankreich nach – die moderne Weingesetzgebung entsteht.

Wein ist ein Produkt aus frischen Trauben – so legt es das französische Weingesetz von 1907 fest. Dem Erlass gehen Jahrzehnte des Weinbooms und der Panscherei voraus, zuletzt gar bürgerkriegsähnliche Winzeraufstände.

Alles beginnt im Jahr 1776, als ein Privileg der Stadt Bordeaux abgeschafft wird: Seit dem Mittelalter durften die Bürger ihre Weine vor allen stadtfremden Weinbauern verkaufen und ausführen, der wichtigste Weinexporthafen Europas gehörte sozusagen ihnen. Nach dem Fall der Handelsprivilegien zirkulieren die Weine aus Südfrankreich frei über den Canal du Midi, der den Mittelmeerhafen Sète mit Bordeaux verbindet, und damit über den Atlantik und seine Seehandelsstrassen. Das Languedoc und die südliche Rhône (geografisch wie verwaltungsmässig ein Teil des Languedoc) produzieren mehr und mehr Trauben, die teils zu Qualitätswein verarbeitet werden, teils in einer der vielen Destillerien der Region zu Schnaps gebrannt.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird Frankreich rasch und nachhaltig industrialisiert. Im Norden boomen Seidenweberei, Metallurgie und Kohleabbau. Billige Arbeitskraft ist gefragt, und die ländliche Bevölkerung der armen (Süd-) Provinzen wandert massiv in die neuen Zentren ein. «Um effizient ihrem Tagwerk nachgehen zu können, brauchen die Arbeiter ein euphorisierendes und energiereiches Getränk, das wenig kostet», schreibt ein Zeitgenosse. Die Nachfrage nach Wein explodiert. Wer, wenn nicht das Languedoc, kann solchen in fast beliebigen Mengen liefern?

Es kommt erneut zu einer Anbauschlacht im Süden. Alte Sorten werden durch produktivere ersetzt, der Agronom Guyot (dem wir den modernen Rebschnitt verdanken) und der Chemiker Pasteur («Erfinder» der Gärung und der Pasteurisierung) reisen ins aufblühende Weinparadies und erteilen grosszügig Ratschläge, und in Montpellier, Narbonne oder Béziers wird buchstäblich über Nacht reich, wer geschickt mit Wein zu handeln weiss.

1875 wird in Frankreich die grösste Ernte aller Zeiten eingebracht: 84 Millionen Hektoliter (zum Vergleich: 2011 waren es 50 Millionen). Nur ein Jahr später droht dem französischen Weinbau das Aus: Die Reblaus zerstört einen Grossteil der Weinberge. Die Nachfrage nach Wein steigt jedoch weiter, und bald ist jedes Mittel recht, ihn zu erzeugen. Besonders beliebt ist die Methode, Wein aus Rosinen (aus Nordafrika oder dem Balkan), Zucker (der Norden liefert Rübenzucker in beliebiger Menge) und Wasser zu produzieren. Parallel dazu läuft – dank der Pfropfung auf resistente Unterlagsreben – die Weinproduktion im Süden neu an. Die neuen, industriell geführten Rebberge der Grossgrundbesitzer sind produktiver denn je.

Auf der Strecke – und auf ihrer Ernte sitzen – bleiben die ländlichen Kleinbetriebe, die in der Weinschwemme unterzugehen drohen. 1907 kommt es zu Winzeraufständen in Narbonne, Béziers, Carcassonne, Nîmes, die Armee schiesst auf die Winzer, das 17. Infanterieregiment meutert.

Unter dem Druck der Ereignisse verabschiedet das französische Parlament am 29. Juni 1907 ein Notstandsgesetz, das zum ersten Mal definiert, was Wein ist und zu sein hat: «ein Produkt, ausschliesslich aus frischen Trauben oder frischem Traubensaft vergoren». 400 Jahre nach Kaiser Maximilian greift Frankreich damit die alte Idee auf, dem Konsumenten reinen Wein einzuschenken, und legt den Grundstein einer modernen Weingesetzgebung.

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