Caro Signore!

März 2020 – Schockstarre im Weinland Italien

Text: Arthur Wirtzfeld | Veröffentlicht: 4. April 2020


ITALIEN (Rom) – Würden wir noch an Götter glauben, würden die Italiener den römischen Kriegsgott Mars, Namensgeber des dritten Monats im Jahr, anrufen und ihn um Hilfe bitten, gegen die Covid-19-Pandemie zu kämpfen. Der März 2020 wird in den Annalen Italiens vermerkt werden, als Italien aufhörte zu leben. Allerdings nicht ganz. Industrien, die lebenswichtige Versorgungen aufrechterhalten müssen oder Betriebe, die grundlegende Dienstleistungen gewähren müssen, sind aktiv. Aber Sektoren der Landwirtschaft und auch die Weinwirtschaft leiden schwer unter der Covid-19-Pandemie. Kleine Obst- und Gemüseproduzenten bedürfen dringender Reorganisation, weil keine Straßenmärkte stattfinden. Weinbauern und Winzer sind natürlich keine Ausnahme. Selbst die Werbeagenturen, die bisher gut von den Marketingmaßnahmen auch mit Weingütern leben konnten, überlegen wie sie diesen Wein produzierenden Betrieben helfen können.

Italiens Weinproduzenten, die schon länger geschäftliche Kontakte nach Asien pflegen, wurden von dort gewarnt, als sich in China das Virus verbreite. Doch man dachte, das sei so weit weg. Aber erst mit der Absage der ProWein, der Absage der VinItaly – einhergehend mit der sanitären Katastrophe in den Krankenhäusern der Lombardei – dämmerte es auch Italiens Weinszene, dass da was auf sie zukommt, etwas, was gewaltig ist. Es waren die Prosecco-Produzenten, die als erste merkten, dass die Bestellungen ausblieben. Der beliebte edle „Sprudler“ fließt schließlich durch die Kehlen von Weinliebhabern auf der ganzen Welt. Nur vereinzelt werden heute noch Bestellungen abgearbeitet, die Nachfrage nach dem Valdobbiadene-Schäumer ist mau.

Gelähmte Winzerschaft

Die kleinen Familienbetriebe in Italien mit ihren authochtonen Rebsorten wissen nicht mehr ein noch aus. Micro-Betriebe, die sich auf Qualität und Authentizität konzentrieren, haben keinen Plan. Die Restaurants und Bars sind geschlossen. Kein Frühjahrsurlauber ist in Sicht. Auch im Norden, dem Speckgürtel Italiens, ist alles ruhig, verlassen, geschlossen. Hotels sind dicht. Hotspots der Freizeit sind verweist. Es sind nur noch die Lebensmittelläden, die zwar wenig, aber immerhin noch Wein ordern und ihre Regale auffüllen. Die Preise der Weine für den einkaufenden LEH sind im freien Fall. Jeder fleht die Einkäufer an. Jetzt rächt sich, dass manche Winzer, von Nord- nach Süditalien, überwiegend auf Restaurants und Hotels gesetzt haben, während andere stark im Einzelhandel vertreten sind.

Hinzu kommt, dass viele Kunden ihre Bestellungen der letzten Wochen vor Covid-19 nun stornieren oder Zahlungen für Lieferungen hinauszögern oder gar nicht erst bezahlen, da sie selber ihre Geschäfte vorübergehend und mittlerweile einige für immer schliessen mussten. So sind auch wichtige Dauerkunden für immer verloren, da sie ihre Restaurants und Hotels nie wieder öffnen werden, weil sie von der jetzt verschärften Wirtschaftskrise Italiens, die der Virus so richtig verstärkt hat, praktisch nach und nach ausgelöscht werden. Während dessen trotzen die Winzer der Pandemie und kümmern sich um die Weinberge, was sollen sie auch sonst tun. Familienmitglieder, die sich vorher um die Verkostungen und den Verkauf gekümmert haben, räumen jetzt auf, reparieren dies und jenes oder widmen sich verschmähter Bürokratie.

Und die Zukunft?

„Was für eine Frage, wer hat jetzt schon eine Antwort darauf“, sagt mir ein befreundeter Winzer aus dem Norden Italiens. Man spürt es deutlich – eine sichere Zukunft nach Covid-19 ist ihm unklar. Es ist schwer zu erraten, wann das in Europa am schwersten betroffene Land wieder in den Alltag zurückkehrt. „Wir wissen nicht, wann Italien außer Gefahr sein wird und wie der Alltag nach dieser verrückten Zeit aussehen wird. Außerdem ist es wichtig, auch den Rest der Welt schnell wieder auf den richtigen Weg zu bringen, bevor man sich entspannt. Wir versuchen, nicht darüber nachzudenken und unser Leben Tag für Tag zu leben, indem wir uns darauf konzentrieren, wie wir uns verbessern und für den Neustart vorbereiten können", ist die erschreckend nüchterne Aussage des Winzerfreundes. „Und was ist mit der Ernte 2020“ „Caro Signore! Auch das ist eine große Sorge.“

Die Quintessenz des Verlustes an Verkäufen bedeutet, dass die Tanks und Fässer noch vom letzten Jahrgang gefüllt sind. „Wo ist der Platz für die kommende Ernte?“ „Darüber wollen wir jetzt noch gar nicht nachdenken“, sagt mein Winzerfreund. „Wir konzentrieren uns stoisch auf die Gegenwart. Die Weinberge brauchen uns jetzt, die Keller müssen vorbereitet werden. Wir nutzen die verschlafene Zeit und überlegen auch, wie wir uns mittels Beratern und Hilfen von Technologie verbessern können. Wir hinterfragen viele Details, wir versuchen, unsere Organisation für die Zukunft entspannter zu gestalten. Wir bereiten uns darauf vor, noch bessere Weine in die Flaschen zu bringen, um unsere Kunden und alle Weinliebhaber glücklich zu machen.“

„Gibt es irgendeine Hoffnung?“ „Ja, sobald der düstere Sturm vorbei ist, wird Italien sich wieder erheben.“

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